Warum Harald Fidler vom Kultwirten nicht so begeistert war - und warum es bei Bründlmayer jetzt alles um einen Euro gibt
Wieviele angeblich allerletzte Konzerte haben Drahdiwaberl eigentlich gespielt? Herr Schachinger sagt, mit "zwei Handvoll" liege ich nicht falsch. Warum fällt mir das in der Hermanngasse 32 ein, beim Grünauer?
Stefan Weber und seine Truppe haben oder hatten für viele Menschen Kultcharakter. Aus Drahdiwaberl ging Großes hervor, jedenfalls großes Österreichisches, wenn wir zum Beispiel Falco als groß definieren wollen, was sich wohl ganz gut ausgeht.
Da hängt der Mahr
Kultcharakter sagt und schreibt man ja auch dem Grünauer zu. Der Herr Mahr zum Beispiel, der sich angeblich das Beuschel nach Köln nachschicken ließ, als er Infodirektor von RTL war. Der Herr Mahr, 1996 für Gault Millau "Feinschmecker des Jahres" und nun auch Herausgeber von Wolfgang Rosams "Falstaff"-Ausgabe für Deutschland, hängt auch im Schankraum des Grünauer, inmitten all der Grünauer-Würdigungen des hiesigen Gault Millau. Also das Bild von Herrn Mahr, klar.
Der leibhaftige Mahr hat vor vielen, vielen Jahren, nach einem RTL-Termin, noch eine Runde Medienredakteure zum Grünauer verschleppt, weil er sein Beuschel nicht alleine essen wollte. Oder hatte er die geröstete Nieren? Beides damals probiert, beides sehr fein.
Grünauer spielte auch schon viele letzte Konzerte. Seit Jahren lese ich durch zerdrückte Gastrokritiker- und Stammgasttränen die Warnungen, Martha, Martin und Brigitta Grünauer suchten Nachmieter, wollten verkaufen, sperrten jedenfalls jetzt zu.
Kult erhöht Erwartung
Ich wurde seit dem Mahr-Abend eigentlich nicht mehr so wirklich glücklich beim Grünauer, war aber auch selten da, weil wochenends ja zu. Wenn eine so viel besungene Wirtshauslegende zusperrt, muss ich halt doch noch ein letztes Mal hin. So richtig, richtig glücklich wurde ich nicht - wenn man von Grünauers Weinempfehlungen absieht. Aber warum nicht richtig glücklich? Ein paar Indizien:
- Ich bin Raucherlokale einfach nicht mehr gewöhnt. Kleinlich für einen sonst relativ entspannten Exraucher, ich weiß, aber das war mir echt zuviel. Lag aber auch an den werten Mitessern und Mitesserinnen. So ein Raucher-Reservat bringt die richtig in Fahrt, scheint mir.
- Kein Beuschel, keine Nieren auf der Karte, die Kalbsleber nur gebacken. Schlechten Tag erwischt. Die Frühlingsrolle von der Chili-Blunze mit Ingwer-Rotkraut glättet die Sorgenfalten über den sonst womöglich zu rasch absackenden Cholesterinspiegel. Und sie war im Vergleich mit Kaninchenpastete und Frischkäseterrine auf Rucolasalat (unter ohnehin praktisch nur so genannten Klassikern) die definitiv beste Vorspeisenwahl.
- A propos Frischkäseterrine: Wirtshäuser müssen natürlich nicht mehr als eine vegetarische Vor- und Hauptspeise führen, das haben wir ja bei den Sodomas gelernt. Der Frischkäse hier war halt nicht der spannendste, und wer dann keine - wirtshausmäßig prototypischen - Eiernockerl mag, wird zum Beilagenesser. Muss ja kein Fehler sein. Gibt aber auch aufregendere Möglichkeiten. Mich tät das aber eh nicht so stören.
- Vielleicht hab ich mich bei der Hauptspeise verwählt, das geschmorte Schulterscherzl mit Wurzelrahmsauce und Nockerln war absolut anständig, aber auch nicht mehr. Hätte mich in einem anderen Gasthaus ohne Kultverdacht vielleicht sogar etwas meckern lassen. So war ich halt ein bisschen enttäuscht. Die gebratene Kalbsstelze von Herrn Grabenweger indes tadellos bis sehr gut.
Der empfohlene Blaufränkisch Szapary 2007 von Jalits astrein. Und der 2002-er Blaufränkisch von Jörg Bretz glasweise ausgeschenkt, als noch nicht genug getrunken war, ein Erlebnis.
Und wie war das jetzt eigentlich mit Zusperren? Ich weiß jetzt nichts davon, sagt Herr Grünauer, lächelt, und deutet auf die Küche. Viele Fans wird's freuen. Drahdiwaberl sind ja auch noch nicht aufgelöst, scheint mir.
PS: A propos Wirtshäuser, Winterschlussverkauf beim immer wieder erfreulichen Heurigenhof Bründlmayer in Langenlois, hab ich gerade gelesen: Mittwoch und Donnerstag (29. und 30. Dezember) kocht man hier mit Überraschungsmenüs für einen Euro pro Gang die Küche vor der Wintersperre (1. Jänner bis 16. Februar) leer. Radikales Preis-Leistungs-Essen, scheint mir.
Schmecks ist keine professionelle Lokalkritik. Harald
Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und
Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute,
die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen
Vergnügen. Was nicht immer gelingt.