Rund um Silvester lockt ein Jazz-Festival nach Orvieto. Harald Fidler fand noch mehr Gründe, nach Umbrien zu fahren
Schoko kochen, Schoko kochen: Carla hüpft um die Mama und um den Mann in Weiß, den sie anhimmelt, als wäre er eine gelungene Kreuzung aus Weihnachtsmann und Osterhase. Ein bisschen ist er das auch. Jedenfalls arbeitet der weiße Mann mit der Kochmütze für einen Konzern, der Abermillionen von Ostereiern, Osterhasen, Weihnachtsmänner und Baci produziert, und was man sonst noch aus Schokolade machen kann. Die Produktionsstraßen für alle erdenklichen Kakaoprodukte sind gleich nebenan. Bis zu 1300 Menschen fertigen hier auf 85.000 Quadratmetern süße Versuchungen. Die Hallen kann man natürlich auch besichtigen, wenn man bei Perugina vorbeischaut, der Schokoladenfabrik in Perugia. Und ein Schokomuseum, für Fans von grafischem Design und Werbung des 20. Jahrhunderts.
Doch wer Kinderaugen leuchten sehen will, wie jene Carlas, oder auch Mädchen und Buben höheren Alters fröhlich stimmen: Der biegt gleich am Eingang der Riesenschokofabrik ab in die "Schule der Schokolade". Dort holt die Mama die Schokostückchen aus dem Topf, und der Schokokoch erklärt Carla & Co, wie sie die Kügelchen mit der Gabel durch den Kakao rollen, damit sie die perfekte Hülle bekommen.
Nun ist halt nicht jeder mit Kindern ausgestattet, und nicht jeder oder jede mag Schokolade. Umbrien hat mehr Familienbetriebe, wobei Perugina ja Teil eines ganzen Familienkonzerns war, den Francesco Buitoni (Nudeln) und Luisa Spagnoli (unter anderem mit einer nach ihr benannten Boutiquenkette und der nicht mehr ganz so präsenten Sportmarke elesse) gegründet haben. Und wer hat's gekauft? Die Schweizer, namentlich Nestlé.
Familie Lungarotti ist da in etwas kleineren Dimensionen unterwegs. Sofern man von klein sprechen kann, wenn ein Weinbaubetrieb zu den größten Italiens gehört und pro Jahr sehr deutlich sechsstellige Flaschenzahlen in die Welt schickt. Da überrascht es natürlich nicht, dass Wein zum Einsatz kommt, wenn es im familieneigenen, nicht ganz ungemütlichen Fünfsterner Tre Vaselle in Torgiano ins Spa geht. Vinotherapy nennt man das gern auch paarweise Baden im Bottich, eine Magnum nicht vom allereinfachsten Roten des Hauses peppt das Badewasser auf, hoffentlich auch auf der Haut noch mit ansprechendem Bukett.
Man kann den Wein natürlich auch gut trinken, den der Lungarottis, und auch andere Winzer haben in Umbrien schöne Tropfen. Montefalco ist nicht so weit, da wartet Sagrantino, der gern als Nummer drei Italiens nach Barolo und Brunello vermarktet wird. Typisch für Orvietos Umgebung sind fruchtigere Weißweine, lernt man hier rasch.
Mindestens so stolz wie auf die Weine ist man in Umbrien auf das Öl. Zu Recht, lernt man etwa bei einer Visite in der kleinen Ölmühle von Eugenio Ranchino im Ortsteil Canale von Orvieto. Wobei Wein und Öl ja gern nacheinander auftreten. Vernünftiger ist erst das Öl und dann der Wein, und damit wären wir schon beim nächsten Thema in Umbrien: Essen.
Im November 2010 lud die einstige Papststadt mit dem et- was überdimensionierten, umso prachtvolleren Dom zum ersten Orvieto Food Festival, abgekürzt OFF. Schmucke Bars und Osterien hat das mittelalterliche Städtchen auf dem steilen Felsen ja. Die kombinieren zum Festival Kostbarkeiten und Kultur.
Da kann man etwa im Giglio d'Oro dem barocken Präsidenten des italienischen Buchhändlerverbands lauschen, welch mannigfaltiger Aberglaube die Italiener umtreibt, und dazu eine schöne Wildschweinlasagne löffeln mit Käsecreme von Caciotta aus der Region. Und Melanzaniauflauf mit schwarzem Trüffel. Auch den gibt es in Umbrien, weiße wurden ebenfalls gesichtet.
Im "San Francesco" lobt ein Experte von Slow Food wortreich regionale Rarität um Rarität von Hülsenfrucht über Hülsenfrucht bis Wurst, während die Gäste schmackhafte Sumpflinsen probieren und Fagioline vom Trasimenischen See, der übrigens auch eine Reise wert.
Und im kulinarisch erfreulichsten der erprobten Ristoranti, "I sette Consoli", spricht die italienische Radiolegende der Jazzmusik über Jazz. Den gibt's live schon ab 29. Dezember wieder in Orvieto. Das nächste Food Festival braucht noch ein wenig. Schoko-Seminare gibt's das ganze Jahr. Für die leuchtenden Augen. (Harald Fidler/DER STANDARD/Printausgabe/18.12.2010)