Der Datenmasse einen Sinn geben

17. Dezember 2010, 18:21

Die Gemeinde der Wikileaker und die weltweite Blogosphäre sind der felsenfesten triumphierenden Überzeugung, dass Assange eine neue, technologiegeleitete Welt der totalen Öffentlichkeit geschaffen hat

Julian Assange ist wieder frei, wenn auch mit schweren Auflagen (Fußfessel). Und? Was wird jetzt? Die Gemeinde der Wikileaker und die weltweite Blogosphäre sind der felsenfesten triumphierenden Überzeugung, dass Assange eine neue, technologiegeleitete Welt der totalen Öffentlichkeit geschaffen hat. Nichts sei in Politik und Journalismus mehr so wie früher. "Das Zeitalter der Geheimnisse ist vorbei", jubelt Frank Rieger, Sprecher des Chaos Computer Clubs.

"Ein Paradigmenwechsel steht bevor", ruft Daniel Dopscheit-Berg, ehemaliger deutscher Wikileaks-Sprecher, der aber mit anderen von seinem Gott Assange abgefallen ist und die Konkurrenzorganisation "Openleaks" gegründet hat. Der Openleaks-Gründer Herbert Snorrason will "die Welt ein bisschen besser machen".

Assange bedient sich einer mit Heilsversprechen vollgestopften Sprache: Er verwendet das Christuswort von der "Wahrheit, die frei machen wird" , er beruft sich auf die "Propheten der Wahrheit, für die Befreier und Märtyrer der Wahrheit" .

Millionen Net-Citizens glauben jetzt auch, bei ihrer Informationsbeschaffung nicht mehr auf die, in ihren Augen korrupten, zumindest hoffnungslos zurückgebliebenen "alten Medien" angewiesen zu sein. Das klingt bei vielen Postings durch.

Die Wahrheit in diesem Fall ist allerdings, dass Wikileaks ohne die traditionellen Medien nur einen Bruchteil seiner Wirkung entfaltet hätte. Warum hat Julian Assange wohlweislich ein Abkommen mit einigen der angesehensten Printmedien der Welt geschlossen? Weil die NY Times, der Guardian, der Spiegel, El País und Le Monde die Glaubwürdigkeit, die journalistischen Ressourcen und, jawohl, das Ethos besitzen, der amorphen Datenmasse von 250.000 Botschaftsberichten etc. einen Sinn zu geben.

Seriöser Journalismus besteht aus Überprüfen, Sichten, Einordnen, Bewerten, Interpretieren, Gewichten, aus der Herstellung von Zusammenhängen und Bedeutungskontexten. Dazu bedarf es einer gewissen Qualität, Erfahrung, und, ja, auch Bildung. Darüber verfügen nur Qualitätsmedien.

"Wir brauchen euch nicht mehr, wir suchen uns selbst im Netz unsere Informationen zusammen!" So heißt es in tausend Postings. Genau, und deshalb ist das Internet auch ein Ozean von halbwahren bis ganz durchgeknallten Verschwörungstheorien.

Hätte WikiLeaks seine Materialhalde unkommentiert und unbearbeitet ins Netz gestellt, hätten ein paar Feinspitze darin herumgestochert, etliches weitergeleitet, es hätte auch wilde Debatten in den Foren gegeben, aber das wär's gewesen.

Die Flutung des Internets mit abgezapften Geheimnissen (bisher nicht sehr furchtbaren, wenn man die Aufdeckung der Morde an Zivilisten im Irak ausnimmt) wird die Regierung zu mehr Offenheit zwingen. Das ist die Hoffnung. Sie wird sich, wenn überhaupt, nur durch eine Kooperation mit journalistischen Profis umsetzen lassen.

Ob Assange das überhaupt will, ob er mit sozusagen systemimmanenten Reparaturen zufrieden ist; und ob er nicht vielmehr jede Autorität in die Luft sprengen will, das ist ungeklärt. (Hans Rauscher/DER STANDARD, Printausgabe, 18.12.2010)

Kommentar posten
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so go
00
26.12.2010, 03:01
da will mir jemand vorschreiben was ich denke

Für wen halten Sie sich eigentlich?

herbert backtrack
00
22.12.2010, 15:18

Wurde die Wikileaks Depesche betreffend Michael Moors "Sicko" nicht auch im Standard veröffentlicht?

Hat da ein "gelernter" Journalist wieder mal seinem Ethos nicht entsprochen?

Manni Lekmi
00
21.12.2010, 12:09
Ahjo?

http://www.nypost.com/p/news/in... cvi8pV8qPK

Der Artikel ist von diesem Sonntag und bei Lesen der Kommentare wird schnell klar, warum der Neojournalismus Existenzängste hat.

Für die zu-faul-zum-clickenden: US-"Vertreter" in Kuba kabelt Müll über Michael Moores Film Sicko und die komplette Rechts-Journaille hat kein Problem damit, die Lüge brühwarm in ihren (off- wie online)Ausgaben als wahr zu servieren, so lange es nur in den politischen "Narrativ" paßt.

Wie war das mit Recherche? Glaubwürdigkeit? ETHOS?

Drei Buchstaben: L O L

p.s. o/@zensur

Jo chef
00
22.12.2010, 11:47

hier ein artikel der süddeutschen zu diesem thema...

http://tinyurl.com/2du7gel

rottentony
00
21.12.2010, 09:17
neid?

diesen artikel kann man mit einem wort zusammenfassen: kokurrenzdenken.

liebe medien, dann recherchieren, sichten und usw. sie mal ordentlich. dass diverse skandale in österreich einfach nicht aufgearbeitet werden (unschuldsvermuetet) ist zum einem teil auch auf den mittlerweilen zu konformen kurs der medien zurückzuführen..

sich jetz so hinzustellen, als ob man wikileaks unterstützt hätte obwohl aus der ganzen berichterstattung die mediale zurückhaltung zu erkennen ist ist heuchlerisch. (naja, beim sexskandal gibt es keine zurückhaltung, was jedoch die medien entwertet)

finden sie sich damit ab...es wird wieder mehr unabhängige recherche und mehr mut von der presse erwartet! Ihre unterstützung war, nunja, zurückhaltend.

m m 10
00
20.12.2010, 10:01
ich versuche es jetzt zum....

....3. mal und würde mir von der redaktion auf die ihnen bekannte mail-adr. gerne eine antwort erhalten auf die frage:

warum wird ein post von mir nicht freigeschalten, in dem ich die frage aufwerfe, ob es sich bei dem ganzen artikel um einen troll versuch von herrn r. handelt?

die form, wie der artikel geschrieben ist, lässt mich zum schluss kommen, dass hier ein "aufschrei" bei den postern provoziert werden soll - also ein klassischer troll-versuch

ich sehe hier keine regeln ihres forums verletzt und mich würde sehr die begründung für das nicht-freischalten interessieren, wenn es eine logische erklärung gibt, dann gelobe ich auch besserung - aber ohne erklärung tu ich mir da etwas schwer, wie sie sicher verstehen können....

Im A-Geigenlandl 69
01
20.12.2010, 01:08
fragen über fragen im land des allerheiligsten amtsgeheimnisses

warum steht in österreich das amtsgeheimnis anstatt der informationsfreiheit in verfassungsrang?

warum sind die informationen zu missständen in der justiz beim falter und nicht bei anderen zeitschriften gelandet?

warum war der justizministerin nach diesen falter-berichten einzig und allein daran gelegen, das "leak" zu stopfen und dem amtsgeheimnis-lüfter das genick seines aufrechten ganges zu brechen?

warum sind seither keine namhaften datenpakete mehr bei zeitschriften-redaktionen gelandet?

warum sind seither die diskussionen über whistle-blower ins stocken geraten und wird österreich von transparency international noch immer unvermindert kritisiert?

Sarah L.
 
01
20.12.2010, 00:42
der verlauf des vietnam krieges

wurde nicht unwesentlich von einer relativ offenen und freien berichterstattung und dem sich daraus ergebenden zivilen protest, beeinflusst. die usa haben daraus gelernt und mit informationssperre, oder später mit dem embedded journalist reagiert.
mit wikileaks ist der embedded journalism (beispiel irak) aufgebrochen. selbstverständlich stiftet das irritation. denn der embedded journalist, der es sich in der zwischenzeit bequem eingerichtet hat, ist damit politisch, intellektuell und moralisch überfordert.
(ja, herr rauscher, es kommt arbeit auf sie zu. aber sie können natürlich auch den bequemen ausgang nehmen und weiter raunzen und einfache pressemitteilungen verbreiten).

bin zuHause
03
19.12.2010, 19:50
Haben sie schon begonnen, Hr. Rauscher?

Mit dem Überprüfen, Sichten, Einordnen, Bewerten, Interpretieren, Gewichten, ? Wann beginnen sie mit dem Publizieren?

Ein Tip. Auch in Ö gebe es einiges zu Überprüfen, Sichten, Einordnen, Bewerten, Interpretieren, Gewichten, Publizieren usw. Warum passiert nichts?

Frohe Weihnachten.

- rau -
00
20.12.2010, 09:02
Begonnen habe ich ca.1990...

als ich als praktisch erster und fast einziger die wahre Natur der FPÖ und Jörg Haiders analysiert habe, fortgesetzt 2000 ff, als ich die schwarzblaue "Reform-Regierung" als Grasser-verzierte Scharlatanerie dekonstruiert habe. Damals wie heute bediene ich mich eines politischen Urteils, um hohle und/oder gefährliche Strukturen aufzudecken, auch wenn viele jeweilige "Gläubige" davon zunächst nichts wissen wollen.

teh_pwnerer
00
20.12.2010, 23:56

Und jetzt wird ihr schöner 10-Jahres-Rythmus durch Wikileaks fortgesetzt und sie sind grantig oder wie darf man das verstehen?

der Stänkerer
02
19.12.2010, 18:37
WIKILEAKS ist Symbiose!

Wie Herr Rauscher wichtigerweise feststellt war es WIKILEAKS, die die ihnen zugespielten Informationen and renommierteste Medien mit Tradition und Glaubwuerdigkeit zuerst weitergegeben haben, in dem Wissen sie wuerden dort gesichtet, weiter recherchiert und aufgearbeitet werden. Assange ist schlau genug, zu wissen, dass "ins Netz stellen" allein noch keine Publizitaet erzeugt. Und so haben die "alten" Medien vom "neuen" Medium profitiert und umgekehrt. Eine perfekte Mediensymbiose. Assange hatte die wenigste Arbeit, die groesste PR und dabei das groesste Risiko. Die Magazine und Zeitungen hatten haufenweise Arbeit, haben aber ihr Risiko nach dem Presserecht gemanagt und sind daher nicht klagbar. Interessante Zeiten fuer Medienbeobachter!

smeki
01
19.12.2010, 18:35

Gerade der antiautoritäre Ansatz der Idee hinter Wikileaks, eben, um es mit Rauschers Worten zu sagen, jede Autorität "in die Luft zu sprengen", macht das Unterstützenswerte daran aus.

smurf da buff
01
19.12.2010, 16:24

WikiLeaks sollte von professionellen Publizisten aufgearbeitet werden

smurf da buff
00
19.12.2010, 16:39

ich glaube nicht das er "richtige" Autoritäten nicht akzeptiert

er ist eher an den "Falschen" interessiert diese auffliegen zu lassen

Nik M
10
19.12.2010, 16:23
Machen sie sich keine Sorgen Herr Rauscher,

wir bleiben eh ihrer Kolumne auch treu, trotz Wikileaks.

Betrieb von Online-Diensten
03
19.12.2010, 15:54
Ach du meine güte...

Ich denke, beides braucht es:
.) daten/informationen die mal "ungewaschen" an die entsprechenden vertrauenswürdigen stellen gelangen dürfen. (neue technik, neue möglichkeiten)

.) vertrauenswürdige medien die gründlich ihre arbeit tun dürfen; vertrauen wird nicht durch partei oder bank-propaganda aufgebaut; (fremden)kommentare im standard sind da eh schon am richtigen weg...

Beide bereiche entwickeln sich einfach weiter, was zu forcieren, steuern und letztendlich zu akzeptieren ist.

Ja, die aktuelle Episode in der "Print vs Online" Tragödie trennt wieder Streu vom Weizen: es gibt print medien die gerade an den wikileaks cables gehörig wachsen ... nein, nicht in österreich.

Journalismus kann man auch lernen und betreiben ohne Bankkredit.

Ravi Ravendro
02
19.12.2010, 15:02
Sagte

ich schon, dass die Medien Wikileaks als Konkurrenten fürchten? Der Versuch, daraus eine Kooperation zu machen ist aber der richtige Weg.

es_gilt_die_Unschuldsvermutung
 
02
19.12.2010, 14:54

ich denke nicht dass die "alten" Medien als solche verschwinden bzw. unwichtig werden.

Ich glaube die Presseargenturen wird es zuerst Treffen.

Die sind doch der Grund allen Übels, wieso z.b. kaum ein Journalist noch selbstständig recherchiert. es wird einfach alles von der APA (in Ö) abgeschrieben.

Nun braucht man als Journalist diese Argentur garnichtmehr, mit Internet & Co. kann jeder leicht mit jedem in kontakt treten.

bin zuHause
01
19.12.2010, 19:55
Abgeschrieben?

Zu viel arbeit. Kopieren und ohne nachdenken in die Druckerei oder ins Netz.

Recherche? Zu teuer, zu anstrendend usw.

ghostworld
02
19.12.2010, 14:11

Ich denke, dass diese neuen, unabhängigen Nachrichtenagenturen wie WikiLeaks wunderbar mit den altbekannten Printmedien zusammenarbeiten werden. Immerhin sind diese insofern unter Druck gesetzt, als die Roh-Dokumente öffentlich sind. Berichtet Zeitung A nicht darüber, riskiert sie an Zeitung B, die darüber berichtet, Marktanteile abzugeben.

Dass WikiLeaks durch gezielte Desinformation auch missbraucht werden kann und wird, macht mir irgendwie größere Sorgen. Ist jetzt schon dubios, wie man aus einem Rechenzentrum solche Datenmengen rausbringt, wie Bradley Manning es geschafft hat. In jeder Bank kann man zB. Kontoinformationen nur einzeln abrufen und nicht ein paar Millionen gleichzeitig. Und einen CD-Brenner hat der Großrechner nicht.

Cepheus
27
19.12.2010, 13:44
Blöd wenn einem der Spiegel vorgehalten wird

Raus gekommen ist doch nur, das es Qualitätsjournalisten gar nicht mehr gibt. Und wenn Sie einer wären, warum recherchieren Sie nicht die Dinge die Wikileaks ausgegraben hat. Und ich klammere die Morde an Zivilisten explizit NICHT aus. Das ist eine Sauerei! Aber auch Anstiftung der eigenen Diplomaten zur Spionage ist etwas Schwerwiegendes! Schämen Sie sich mit Ihren APA-Abschreibfreunden.

4simo
012
19.12.2010, 13:17
Sehr geehrter Herr Rauscher

Jetzt haben Sie also Ihre Meinung kundgetan und damit einige hundert Clicks erzielt.
Die USer dieses Forums, haben sich Zeit genommen bis jetzt 270 posts zu antworten, es werden wohl noch einige kommen.
gemeinsam ist den meisten die kritik an den medien, die Sie als Qualitätsmedien gesehen wissen wollen
- die meisten Artikel werden von der apa reinkopiert
- es wird selbst nicht mehr recherchiert
- es werden keine unliebsame fragen gestellt
- alleine die überschriften des standards sind oft reisserisch und niveaulos

Aber dazu (oder dagegen) haben Sie anscheinend nichts zu sagen.
warum wundert mich das nicht?

bin zuHause
01
19.12.2010, 19:58
hellgrün!

walterS83
01
19.12.2010, 16:07
Die Überschriften sind meist irreführend,

... wie zB auch bei diesem Artikel.

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