Egal ob in Supermärkten oder in Buchhandlungen. Vieles verschwindet wieder - Von Margit Schreiner
Egal ob in Supermärkten oder in Buchhandlungen. Vieles verschwindet wieder: das cremige Joghurt, meine rote Grütze oder auch die großartigen Bücher meiner Lieblingsschriftstellerin Jane Bowles.
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In Berlin war's bei "Bolle" in der Kaiserstraße. Kaum hat mir was geschmeckt, war's schon aus den Regalen verschwunden. Ich weiß genau, es war ein außergewöhnlich cremiges Joghurt und eine Topfencreme, Quarkcreme hieß das in Deutschland. Im Laufe meiner neun Jahre in Berlin verschwand bei "Bolle" fast alles, was ich gerne gekauft hatte. Am Ende ist "Bolle" selbst verschwunden.
In Italien hatte ich keine Probleme, ich lehnte die Fahrt zum außerhalb des Ortes gelegenen Supermarkt ab, und mein Greißler hatte sowieso nur das Allernötigste. Das blieb stabil. In Paris war Verlass auf die Supermarktwaren, den "Petit suisse" hätten sie niemals aus den Regalen genommen.
Es begann wieder in Österreich: Meine rote Grütze gab es nur kurz, dann wurde sie durch die wesentlich schlechtere grüne Grütze abgelöst. Die 56-%-Kakaoanteil-Schokolade bei Hofer verschwand mit dem Aufkommen der Schwarze-Schokolade-Mode. 75 % oder gar 95 % Kakaoanteil waren mir aber zu bitter. Fast die herbste Enttäuschung, die ich erleiden musste, war das Verschwinden des urplötzlich aufgetauchten Camembert "Le Rustique" bei dem Supermarkt bei mir um die Ecke, der einzige Camembert dort, der nicht nach Plastik schmeckte. Diesmal wollte ich nicht gleich aufgeben. Ich sprach mit der netten Filialleiterin, die ich schon vom "Meinl" kannte, der ja inzwischen auch eingegangen ist. Die nette Filialleiterin erklärte mir, dass es für die Filialen keine Möglichkeit gebe, bestimmte Produkte zu bestellen, da alle Bestellungen von Wien aus zentral geregelt würden. Ein einziges Mal erschien "Le Rustique" noch in den Regalen - ich kaufte den Bestand komplett auf - dann war er endgültig verschwunden.
Auch meine Lieblingssojasprossen verschwanden und wurden durch wesentlich dünnere Sojasprossen ersetzt, über die auf der Packung stand, man solle sie unbedingt vor Gebrauch sehr gut waschen! Auch der günstige Dreierpack mit den kleinen Fruchtmarkfläschchen verschwand. Jetzt gibt es nur mehr einzelne kleine Fruchtmarkfläschchen zu überhöhtem Preis. Viele Produkte - auch sehr ärgerlich - gibt es nur gelegentlich. Außerordentlich frustrierend für jemanden wie mich, der mit festem Kochplan einkaufen geht und dann beispielsweise kein Suppenhuhn für die gerade jetzt in der Erkältungszeit unerlässliche Hühnersuppe bekommt.
Genauso geht's in den Büchersupermarktregalen zu. Bei Thalia finde ich sowieso nichts, was ich suche, was daran liegt, dass Thalia nach Bestsellerlisten oder Aktualitätslisten oder Schnäppchenangeboten oder was weiß ich nach welchen Kriterien Bücher zusammenstellt, die mit der Ordnung der Bücher in meinem Kopf gar nichts zu tun haben. Das wäre wie Couscous neben Essiggurkerln im Supermarkt. Immerhin kann man hier noch bestellen. Offenbar werden die Bücher den Filialen nicht von Wien aus zugeteilt.
Die wichtigste Entdeckung
Mein virtueller Büchersupermarkt ist amazon.de. Da schaue ich nach, wie meine eigenen Bücher oder die Bücher von Kollegen nach Verkaufszahlen gereiht sind. Niedrige Zahlen bedeuten guten Verkauf, hohe schlechten. Für einen Schriftsteller oft die einzige Möglichkeit, rasch über den Verkauf von Büchern informiert zu sein. Bei den meisten Büchern werden auch von Konsumenten Sternchen verteilt. Ein Sternchen bedeutet in etwa: grottenschlecht, fünf Sternchen: ausgezeichnet. Mehr Sternchen gibt's nicht.
Vor einiger Zeit sah ich unter "Jane Bowles" nach. Ich bereite für Februar einen Vortrag über Jane Bowles vor, eine meiner Lieblingsschriftsteller. Ich habe sie in den 80er-Jahren entdeckt, als Hanser ihre Bücher auf Deutsch herausbrachte. Damals war sie ein Geheimtipp, aber nicht so geheim, dass nicht jeder ernsthafte Schriftsteller sie gekannt hätte. Für mich waren ihre Erzählungen eine Offenbarung. Ich hatte ja lange, allzu lange, Germanistik studiert und war hauptsächlich in der deutschsprachigen Literatur bewandert gewesen. Erst nach dem Studium begann ich die Weltliteratur zu entdecken. Auch die weibliche: Djuna Barnes, Virginia Wolfe, Marguerte Duras und eben Jane Bowles. Sie war für mich die wichtigste Entdeckung. Das war ein neuer, für mich ganz und gar unbekannter Zugang zur Welt, der mich sofort faszinierte. Ein kleines Mädchen, das in einer Lehmgrube General spielt, der unzählige Soldaten hart für den "Schneeziegenkampf" im Gebirge trainiert (Ein grüner Lutscher), eine alte Dame, die sich in ein Camp in der Natur zurückzieht, weil es unschicklich wäre, sich einfach in die Gosse zu werfen (dazu, sagt sie, wäre sie auch zu oberflächlich; Camp Cataract), eine Prostituierte mit einem bereits als Ausbuchtung sichtbaren Tumor im Bauch, die mit zwei ganzen Kerlen zu einem Picknick fährt (Ein Tag im Freien). Zuerst ist es mir gar nicht aufgefallen. Dann lese ich unter Verkaufsrang: 1.217.346, was so viel wie gar keinen Verkauf bedeutet, oder, bei meinem Lieblingsband (Jane Bowles hat nur drei schmale Bücher geschrieben, bevor sie einen Gehirnschlag erlitt und den Rest ihres Lebens in einer spanischen Pflegeanstalt zubrachte) Einfache Freuden gar 3.147.040. So einen schlechten Verkaufsrang hatte ich noch nie zuvor bei amazon.de gesehen. Okay, gut, das betrifft die Hanser-Ausgaben von 1985 und 1988, aber auch das Taschenbuch von 1995 hat einen Verkaufsrang von über einer Million. Ich verstehe nicht, warum Hanser die Bücher nicht neu aufgelegt hat. Immerhin gibt es von Wagenbach noch 2001 eine Taschenbuchausgabe. Erschreckender Verkaufsrang: 948.116.
Im dtv-Taschenbuch Zwei ernsthafte Damen von 1986 zwar 375.657, und bei der Brigitte-Edition, herausgegeben von Elke Heidenreich 2005, Zwei ernsthafte Damen sogar 251.070. Dafür stehen bei beiden Ausgaben nur zwei Sternchen für das Buch und die exakt gleiche Kundenrezension: "Ich hatte mich auf viel mehr Leichtigkeit eingestellt, mindestens aber auf eine fesselnde Geschichte, die ich nebenbei ,weg- lese'. Tatsächlich fand ich das Buch sehr ermüdend und habe mich wirklich durchgequält. Die Personen sind bestimmt nicht uninteressant, wenn man sie im Kontext der Zeit betrachtet und sich die Mühe macht, jeden einzelnen Charakter zu analysieren - das muss man auch. Für mich war das kein Lesevergnügen, und ich kann das Buch als leichtes Freizeitvergnügen absolut nicht empfehlen."
Und das bei einem Buch, das in meiner persönlichen Bücherliste zur absoluten Weltliteraturspitze zählt, die mit eiskalter Feder über die Hinlänglichkeit menschlicher Lebensmuster schreibt. Unfassbar! Und merkwürdig: Bei den Lebensmitteln hast du kein Mitspracherecht, was geführt wird und was nicht, bei Büchern darf jeder noch so dumme Mensch mitsprechen.
Bei amazon.de bestelle ich sowieso keine Bücher, dort recherchiere ich nur. Also rief ich die Buchhändlerin meines Vertrauens an und bestellte Jane Bowles. Sie rief mich kurze Zeit später zurück, dass sämtliche Bücher nur antiquarisch zu erwerben seien, was sie dann auch für mich tat.
Trennung zwischen U und E
Ein anderer Fall ist Jim Crace, geboren 1946 in England, der zu den bedeutendsten Autoren der Gegenwart gehört und bereits nahezu alle angelsächsischen Literaturpreise erhalten hat. Auch über ihn möchte ich einen Aufsatz schreiben. Zuerst hatte es mir vor allem Satans Speisekammer angetan, ein Erzählband über das Essen, in 64 Abschnitte geteilt. Da gibt es drei Männer, die auf einen Berg steigen, um "die Grenzen des Geschmacks zu überschreiten", indem sie dort das berühmte Curry Nr. 3 bestellen, von dem niemand weiß, woraus es besteht. Aus Insekten, Ratten, Schlangenfleisch, Fledermausfilet? "Und wir sollten bedenken, dass seit dem Wochenende ein Kind vermisst wird, dass ein alter Mann verschwunden ist ...: wir sollten die Geopferten, die Kadaver, die Totgeborenen bedenken, die, nach denen keiner mehr fragt."
Eine andere kurze Geschichte handelt von einem Gewächs, das ein Arzt einem Patienten aus dem Darm entfernt und achtlos auf den Mist geworfen hat, wo es großartig ausschlägt und köstliche Knollen bildet, die den Menschen zu einem Leckerbissen werden. Oder ein anderer Abschnitt über ein Hochzeitsgeschenk, eine blühende Lippenpalme, die aphrodisisch wirkt, wenn sie nach ihrem siebten Lebensjahr geerntet wird. Und Geschichten aus einem britischen Hafenort mit legendären Suppen und Fischen. Anschließend habe ich gleich Ein Mann, eine Frau und der Tod gelesen, einen Roman, in dem ein bereits lange verheiratetes Paar beim Liebesspiel in den Dünen umgebracht wird und dort langsam verwest. Parallel zur Beschreibung der Verwesung (großartig!) wird ihr gemeinsames Leben erzählt. Obwohl dieser Autor noch lebt und alle seine Bücher erst ab 2000 bei uns auf Deutsch erschienen sind, liegen sämtliche Verkaufsränge über einer Million. Auch hier muss meine Buchhändlerin antiquarisch bestellen. Er wurde offenbar nach Verkauf der ersten Auflage nicht mehr neu aufgelegt. Gestrichen. Aus den Regalen verschwunden. Warum gerade diese beiden?
Einmal liegt's sicher am Massengeschmack. Chips verschwinden niemals aus den Regalen. Im Gegenteil. Es gibt immer wieder neue Varianten. Zuletzt sogar die "Chips light".
Müßig, sich zu fragen, warum eigentlich ein Konsalik, der im Gegensatz zu Jim Crace, der immer noch lebt, tot ist, nicht aus den Regalen verschwindet. Hätte auch niemanden gewundert, wenn es nicht geheißen hätte: höchste Zeit, auch in der deutschsprachigen Literatur endlich die Trennung zwischen U und E aufzuheben. Da hat die Verwirrung begonnen. Vorbild dafür war die amerikanische und angelsächsische Literatur. Dort herrsche kein deutscher Bierernst, hieß es, sondern Ironie, Understatement und jede Menge Unterhaltung. Dabei müssen wir etwas grundsätzlich falsch verstanden haben, so wie wir ja auch gesunde Ernährung mit Light-Produkten verwechseln, die chemisch hergestellt und von einem vernünftigen Ernährungsstandpunkt aus Dreck sind.
Der schräge Blick
Konsaliks sämtliche Werke wurden nach seinem Tod 1999 rasch wieder aufgelegt. Allein 2010 sind es vier neu aufgelegte Bücher. Jim Crace hingegen verschwindet nach kürzester Zeit. Es wird auch an unserer Mentalität liegen. Der schräge, versetzte Blick ist vielen nicht geheuer. Wir mögen lieber das, was wir schon kennen, und bleiben bei Weißwurst oder Frankfurter bzw. Wiener. So erfahren wir aber nichts Neues. Es ist das Fremde, das Neues bringt, und sei es nur der fremde Blick.
Irgendwie geht letztlich alles zusammen. In der Bildung wollen wir's auch so billig wie möglich. Ich glaube kaum, dass irgendein Student noch die Zeit haben wird, Jane Bowles oder Jim Crace mühsam zu entdecken und dann auch noch zu lesen. Der ist viel zu viel mit seinen ECTS-Punkten beschäftigt. Schließlich muss er mit vierundzwanzig mit dem Studium fertig sein. Nachher hat er schon gar keine Zeit, weil er mit verschiedenen Jobs die teuren Zusatzseminare zu seiner Ausbildung bezahlen muss, die aber meistens auch nicht zum Ziel führen, und dann, ob sie nun zum Ziel geführt haben oder nicht, hat er schon gar keine Zeit mehr, weil die Zeit vergeht schnell.
Ich frage mich, was aus einer Gesellschaft wird, die immer mehr Mist isst und liest und im Fernsehen anschaut und gleichzeitig meint, alles zu wissen.
PS: Als ich jetzt meinem Verleger erzählte, dass Jane Bowles nur mehr antiquarisch erhältlich sei, erfuhr ich, dass die Gesamtausgabe, neu übersetzt, im Herbst 2011 bei Schöffling erscheinen wird. (Margit Schreiner, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 18./19. Dezember 2010)