Kleine Anregung aus gegebenem Anlass - Von Kurt Palm
Anlässlich der Präsentation des Programms der Wiener Festwochen 2011 hat deren Intendant Luc Bondy einen Text verfasst, der ein bezeichnendes Licht auf die Geisteshaltung seines Autors wirft. Bondy schreibt:
"Wir werden Sie mit Ihrer unermüdlichen Neugier während der Festwochen aus Wien und Europa herausführen. Im Unterschied zum lebensnotwendigen Theateralltag, dessen spannende Hervorbringungen Sie auch genießen werden, können die Festwochen gedanklich und sinnlich weit reisen, Themen ansprechen, die in unserem von Demokratie und Wohlstand geschützten Europa seltener vorkommen und ganz andere, uns neue Formen des Theaters zeigen."
Abgesehen davon, dass dieses Statement so klingt, als wäre es nach dem Besuch eines esoterischen Workshops entstanden, möchte uns Bondy also einreden, dass wir in einem "von Demokratie und Wohlstand geschützten Europa" leben. Dass es in der EU 23 Millionen Arbeitslose gibt, dass hier 81 Millionen Menschen arm oder armutsgefährdet sind, dass sich an den Grenzen der "Festung Europa" regelmäßig tödliche Flüchtlingsdramen abspielen, dass gerade in der EU demokratische Rechte ständig ausgehöhlt werden - all das scheint an Bondy spurlos vorübergegangen zu sein. Was ja möglicherweise auch daran liegt, dass er sich nur noch in Theater- oder Opernhäusern aufhält und nichts mehr von dem mitbekommt, was sich außerhalb dieser heiligen Hallen abspielt.
Darauf lässt übrigens auch das Programm der Festwochen schließen, das eigentlich nur noch als Provokation verstanden werden kann. Aber anders, als sich das Bondy und seine Leute vielleicht wünschen würden. Dass Bondy das Wiener Publikum Jahr für Jahr mit seinen eigenen Inszenierungen aus Paris, Paris oder Paris (zwangs)beglückt, ist angesichts seiner Position ja noch verständlich, nicht nachvollziehbar ist allerdings, weshalb seit zehn Jahren immer die gleichen Regisseure eingeladen werden. Gibt es neben Patrice Chereau, Peter Sellars, Frank Castorf, Christoph Marthaler, Robert Lepage oder Andreas Kriegenburg keine anderen Regisseure/Regisseurinnen, deren Werke man in Wien präsentieren könnte? Nochmal anders gefragt: Braucht es für so ein Progamm, das sich in der ewigen Wiederkehr des Gleichen erschöpft, einen Intendanten (Bondy), eine Schauspieldirektorin (Stefanie Carp) und einen Musikdirektor (Stephane Lissner)? Ich zweifle daran.
Ja, und dann wäre auch noch die Frage zu stellen, weshalb bei einer geradezu obszön hohen Subvention der Festwochen durch die Stadt Wien (10,8 Mio. Euro) im kommenden Jahr um 20 Prozent weniger Karten aufgelegt werden? Bei 43.469 Tickets bedeutet das, dass jede Karte von der Stadt Wien mit 248 Euro subventioniert wird.
Kunst lebt von Veränderung (habe ich einmal gelesen). Wäre es da nicht zu überlegen, Luc Bondy - natürlich erst nach Verleihung des Goldenen Rathausmanns - in die wohlverdiente Pension zu schicken und das Festwochen-Konzept neu zu überdenken? - Fragen wird man ja noch dürfen. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.12.2010)
Über den Autor:
Kurt Palm ist Autor und Regisseur in Wien; zuletzt erschienen: "Bad Fucking", Krimi, Residenz Verlag 2010.