Die Abschaffung der 13. Familienbeihilfe wird Armutsgefährdete treffen, sagt Soziologin Ursula Till-Tentschert
Der diesjährige Sozialbericht ist am Mittwoch veröffentlicht worden. Warum die Armutsgefährdung steigt, wenn die Mutter zuhause beim Kind bleibt, welchen Risiken "working poor" ausgesetzt sind und warum die Budgetpläne der Regierung negative Auswirkungen für Familien mit Kindern mit sich bringen könnten, erklärt Ursula Till-Tentschert von der Statistik Austria im Interview mit derStandard.at.
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derStandard.at: Der Sozialbericht ist veröffentlicht worden. In Sachen Armutsgefährdung gibt es einige Rückschläge, vor allem was Alleinerzieher und Familien mit mehreren Kindern betrifft. Was sind die Ursachen dafür?
Till-Tentschert: Die Alleinerziehenden-Haushalte und die Familien mit mehreren Kindern zählen schon seit langem zu den gefährdetsten Gruppen. Das ist relativ unverändert, wobei wir bei den Ein-Eltern-Haushalten seit 2004 eine leichte Zunahme verzeichnen konnten, bei den Großfamilien ist es in etwa gleich geblieben. Die Hauptursache ist, dass die Erwerbseinkommen nicht ausreichen. Kinder kosten etwas und mit jedem zusätzlichen Kind im Haushalt sinkt der Wohlstand. Bei AlleinerzieherInnen ist das Problem, dass es nur eine mögliche Erwerbsperson im Haushalt gibt. Das ist oft nicht ausreichend. Wesentlich ist, ob die Frau erwerbstätig ist oder nicht. Ist sie berufstätig, sinkt die Armutsgefährdung deutlich. Aber oft reichen auch zwei Einkommen nicht mehr aus: Auch wenn die Frau im Haushalt erwerbstätig ist, ist die Armutsgefährdung bei Familien mit drei und mehr Kindern überdurchschnittlich.
derStandard.at: Hat die Armutsgefährdung hier auch mit der Kinderbetreuungssituation zu tun?
Till-Tentschert: Wir sehen schon einen Zusammenhang. Je älter die Kinder sind, desto eher geht die Armutsgefährdung zurück, weil die Betreuungssituation eine bessere ist. Wenn das Angebot besser ist, dann ermöglicht das den Frauen erwerbstätig zu sein. Familien mit mehreren Kindern und Alleinerziehende sind sehr stark auf Sozialleistungen angewiesen.
derStandard.at: Laut Sozialbericht steigen die Sozialleistungen, die der Staat zuschießt. Warum reichen sie nicht aus?
Till-Tentschert: An sich haben wir in Österreich sehr hohe Sozialleistungen und Familienleistungen, die auch wirken. Wenn sie nicht wären, wäre die Armutsgefährdungsquote deutlich höher, als sie derzeit ist. Insofern sehen wir bei den Sozialleistungen schon auch einen Umverteilungseffekt. Ohne Sozialleistungen wäre die Situation viel schlimmer. Sie wirken, aber es gibt auch Lücken bei den Sozialleistungen gibt, die müssten systematisch geschlossen werden, vor allem bei Alleinerziehenden und bei Familien mit drei und mehr Kindern.
Auch die Teilhabechancen für alle Gruppen müssen gewährleistet werden. Wenn es darum geht, Armut nachhaltig zu bekämpfen, ist es wichtig, nicht nur monetäre Transfers, sondern gleiche Teilhabechancen zu ermöglichen. Das fängt bei den Kindern an. Kinder, die in prekären Lebensverhältnissen aufwachsen, haben nicht die gleichen Teilhabechancen und haben eingeschränkte Bildungschancen. Jene Länder, die ein durchlässiges Bildungssystem haben, weisen die geringste Armut auf. Ein breit ausgebauter Sozialstaat greift viel besser, als wenn es sehr spezifische Maßnahmen nur zur Armutsbekämpfung gibt.
derStandard.at: Momentan gibt es ja noch die 13. Familienbeihilfe für alle bis 26. Wirkt sie abfedernd?
Till-Tentschert: Alle Sozialleistungen, besonders jene, die breit angelegt sind, also für alle Haushalte, haben immer einen Effekt aufs Einkommen und damit auch auf die Armutsgefährdung. Zu beachten ist auch, dass Sozialleistungen den Lebensstandard heben, wenn sie bedingungslos ausgeschüttet werden. Die Zahlen von 2009, die demnächst veröffentlich werden, zeigen, dass die 13. Familienbeihilfe den Standard von Familien, besonders von denen mit ein oder zwei Kindern, verbessert.
derStandard.at: Alarmierend scheinen die Zahlen der „Working poor" zu sein. 247.000 Personen sind betroffen. Wie kommen die Menschen in diese Situation?
Till-Tentschert: Es gibt zwei Ursachen für „working poor". Das eine ist ein niedriges Erwerbseinkommen - unterbrochene Beschäftigungsverhältnisse, schlechte Bezahlung, unregelmäßige Arbeitszeiten. Der zweite Faktor ist die Einbindung des Gesamt-Haushaltes in den Arbeitsmarkt. Das Erwerbseinkommen kann ein normales Einkommen sein, wenn aber die zweite oder dritte Person im Haushalt arbeitslos ist bzw. mehrere Kinder zu versorgen sind, dann fällt man auch in die Kategorie „working poor". Es werden nur erwerbstätige Personen im Erwerbsalter berücksichtigt, also im Alter zwischen 20 und 64 Jahren und wenn sie zumindest ein Monat Vollzeit oder Teilzeit gearbeitet haben. Es ist aber nicht das Erwerbseinkommen, das eingerechnet wird, sondern das Haushaltseinkommen. Als „working poor" werden erwerbstätige Personen bezeichnet, die ein Haushaltseinkommen unter der Armutsgefährdungsschwelle haben.
derStandard.at: Hat sich das im Vergleich zu den letzten Jahren stark verschlimmert?
Till-Tentschert: Die „working-poor"-Quote liegt seit 2004 bei rund 7 Prozent der Personen im erwerbsfähigen Alter.
derStandard.at: Was lässt sich hier über den Bildungsgrad sagen? Sind schlechter Gebildete eher in Gefahr „working poors" zu werden?
Till-Tentschert: Eine gute Bildung oder Qualifikation erhöht die Arbeitsmarktchancen. Es ermöglicht auch den Zugang zu einem höheren Erwerbseinkommen und ist damit eine der besten Präventionen vor Armut.
derStandard.at: Die Regierung hat das Budget präsentiert und will bei den Familien durch Kürzungen der Familienbeihilfe sparen. Wie wird sich das auswirken?
Till-Tentschert: Das können wir noch nicht absehen, das müssen wir uns anschauen, wenn tatsächlich die Zahlen vorliegen und das werden wir frühestens Ende 2012 wissen, wie sich das ausgewirkt hat. Fest steht, dass jene Gruppen, die schon armutsgefährdet oder in Armutslagen sind, von Sozialleistungen besonders abhängen und damit von Kürzungen besonders betroffen sind.
derStandard.at: 2010 war das europäische Jahr zur Armutsbekämpfung. Wie hat sich das ausgewirkt?
Till-Tentschert: 2010 war auch das Abschlussjahr der Lissabon-Strategie. Die Mitgliedsstaaten haben sich im Jahr 2000 darauf geeinigt die Armut in Europa signifikant zu reduzieren. Das war ein schwammiges Ziel, es ist auch nicht erreicht worden. Es hat keine Reduktion von Armut in Europa gegeben. Auch in Österreich ist die Lage von Armut relativ unverändert.
Im Jahr 2010 war das Thema Armut sehr stark in Diskussion und ist daher in den einzelnen Mitgliedsstaaten mehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt, das war sicher positiv.
Die europäische Kommission hat sich im Juni auf die neue Europa-2020-Strategie zu einem nachhaltigen, intelligenten und integrativen Wachstum in Europa geeinigt. Eines der fünf Leitziele ist, in Europa bis 2020 die Armut und soziale Ausgrenzung um 20 Millionen Personen zu reduzieren. Das ist ein Fortschritt, dass erstmals ein quantifizierbares Ziel vorliegt. Die Mitgliedstaaten sind jetzt gefordert, hier Maßnahmen zu entwickeln, mit welchen Strategien sie dieses Ziel erreichen wollen. In Österreich sollen das bis 2020 nach ersten Schätzungen rund 263.000 weniger von Armut und Ausgrenzung gefährdete Personen sein. (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 17.12.2010)
URSULA TILL-TENTSCHERT (42) ist Soziologin und Projektleiterin bei der Statistik Austria. Sie ist seit über zehn Jahren in der Armutsforschung und Sozialberichterstattung tätig.