Seit Jahren wird Hashim Thaci die Beteiligung an kriminellen Organisationen und Kriegsverbrechen vorgeworfen, jetzt könnte es ihm den Kopf kosten
Die Freude von Hashim Thaci über seinen Wahlsieg im Kosovo dürfte nicht lange gewährt haben. Mit einem Schlag hat ihn
seine Vergangenheit als Anführer der Untergrundorganisation
"Befreiungsarmee des Kosovo" (UCK) in den 1990er Jahren endgültig eingeholt.
Der Kosovo-Berichterstatter des Europarates Dick Marty beschuldigt Thaci in seinem Bericht, während des Krieges im
Kosovo Ende der 1990er-Jahre illegal Handel mit den Organen serbischer
Kriegsgefangener betrieben zu haben. Im Prinzip nichts Neues, denn bereits 2008
waren diese und andere Vorwürde gegen Thaci von der
damaligen Chefanklägerin des Kriegsverbrechertribunals in Den Haag,
Carla Del
Ponte, erhoben worden. Damals konnte Del Ponte allerdings außer einigen anonymen Zeugenaussagen und alten Spuren keinerlei stichhaltigen Beweise vorbringen.
Zu Thacis Rolle während seiner Zeit in der UCK und als Anführer der so genannten Drenica-Gruppe wird seit Jahren spekuliert, etliche Male fällt sein Name im Zusammenhang mit Organisiertem Verbrechen und Morden. In einem vertraulichen Dokument des deutschen Bundesnachrichtendienstes
über Organisierte Kriminalität im Kosovo aus dem Jahr 2005 wird Thaci unterstellt, einen "Sicherheitsdienst" betrieben zu haben, der "seinerseits innerhalb der UCK auch spezielle Missionen gegen Serben" durchgeführt habe. Auch habe man Hinweise, dass Thaci direkte Kontakte zur albanischen und tschechischen Mafia unterhalten habe (Stand 2001).
Studentenführer
Thaci wurde am 24. April 1968 in Bujroje (Brocna), einem Ort im
zentralkosovarischen Drenica-Tal geboren, das als Wiege der UCK gilt. Schon früh überzeugte Thaci mit Führungsqualitäten, im Jahr 1989 organisierte
er
Studentenproteste gegen den damaligen serbischen Präsidenten
Slobodan Milosevic. Mitte der 1990er Jahre gehörte er dann zu den Mitbegründern
der UCK, zuerst noch von der Schweiz aus. Von dort soll er auch den
Waffenschmuggel in den Kosovo organisiert und die finanzielle
Basis für die Gründung der UCK gelegt haben. 1998 wurde Thaçi zum
politischen Vertreter des
Generalstabs der UCK ernannt, faktisch war er der politische Führer.
Unter dem Kampfnahmen "Gjarper" (Schlange) hatte Thaci in den 90ern
gegen die serbischen
Sicherheitskräfte gekämpft und beging dabei nach Belgrader Justizerkenntnissen
auch Kriegsverbrechen. Schon Ende der 90er Jahre erregte ein Artikel in der New York Times Aufsehen, in dem der Autor Thaci beschuldigt, im Umfeld der Gründung der UÇK-Nachfolgepartei PDK den Mord an potentiellen politischen Gegnern in Auftrag gegeben zu haben.
Mafiaähnliche Strukturen
Bereits während des Kosovo-Krieges betrat Thaci auch das diplomatische
Parkett. Er leitete bei den gescheiterten Verhandlungen zur Lösung der
Kosovo-Krise im Februar und März 1999 im französischen Rambouillet
die Albanerdelegation. Nach der Errichtung der internationalen
Verwaltung im Kosovo im Juli 1999 wurde er für mehrere Monate zum
ersten Regierungschef des Gebietes, in dem nach dem erzwungenen
Rückzug der serbischen Sicherheitskräfte Chaos herrschte. Laut dem
Europarat-Bericht sollen führende UCK-Führer um Thaci gerade in
dieser Zeit jene mafiaähnlichen Strukturen aufgebaut haben, unter
denen der Kosovo auch heute noch leidet.
Ministerpräsident
Bei der ersten Wahl nach dem Kosovo-Krieg im Jahr
2001 wurde Thacis PDK zweitstärkste Kraft und trat in eine
Koalitionsregierung unter der Demokratischen Liga (LDK) des
kosovarischen Präsidenten Ibrahim Rugova ein. Drei Jahre später ging
Thacis Partei trotz eines Stimmenzuwachses in Opposition, ein
taktisch kluger Schachzug: Schließlich gewann die PDK im Jahr 2007
die nächste Parlamentswahl und Thaci war am Ziel seiner Träume: Er
wurde Ministerpräsident und konnte als solcher im Februar 2008 die
kosovarische Unabhängigkeitserklärung im Parlament in Pristina
verlesen.
Den neuerlichen Sieg seiner PDK bei der
Parlamentswahl am Sonntag feierte Thaci als "Referendum für die
europäische Zukunft des Kosovo". Doch der mit Vorwürfen des
Wahlbetrugs und des Organhandels konfrontierte Premier könnte sich in
Wirklichkeit als Belastung für den kosovarischen Weg nach Europa erweisen. Galt er laut Europarats-Berichterstatter Marty nach dem
Kosovo-Krieg noch als "unberührbar", muss Thaci nun ernsthaft um sein
politisches Überleben fürchten. (red, APA)