Zurüstungen für die Sterblichkeit

7. Mai 2003, 18:15
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Viktor E. Frankls "Synchronisation in Birkenwald" hatte im Odeon in Wien Premiere

Wien - Mit der Premiere von Viktor E. Frankls Synchronisation in Birkenwald am Dienstag im Odeon wollte Regisseur Stefan Weber mehr vorbringen als den ästhetischen Lösungsvorschlag für eine Menschlichkeitsdebatte.

Dem vom Produktionsteam art:phalanx mit der Inszenierung beauftragten Schweizer Künstler war die Provokation bewusst, die ein im schieren Glauben an das Gute und im Weltbild des Verzeihens gediehenes Werk auszulösen imstande ist (Erstaufführung 1983 am Landestheater Innsbruck). Frankl hat den Leiden der Häftlinge in den Konzentrationslagern - nicht zynisch, sondern im guten Glauben! - Sinnhaftigkeit zugesprochen und die Taten der SS-Schergen gleichfalls als das Böse im grundsätzlich Guten entschuldigt.

Diese Thesen heute als Theater vorzubringen bleibt problematisch. Weber lenkte ein, indem er in einer der Premiere vorangegangenen Einführung darauf hinwies, die Absicht sei, Frankl "zur Diskussion zu stellen".

Die von Jürg Amann bearbeitete Fassung lässt genug Stoff übrig, und wenn man genau hinhört, so ist in der Gemengelage auch die Kritik impliziert: "Heute hol' ich mir den sinnvollen Tod", sagt einer der Häftlinge, die der auf Hochständen thronenden Philosophen-Trias (Kant, Sophokles, Spinoza) konkrete Erfahrungsberichte aus dem Lager als Anschauungsmaterial vorwerfen.

Das künstlerische Konzept ist im Kontext des genialen Bühnenbildes Gernot Sommerfelds auf voller Strecke aufgegangen: Er baute ein der moralischen Obszönität der Thesen entsprechendes Lager-Tableau, in dem unzählige Miniaturbaracken die an drei Seiten vom Publikum gesäumte Spielfläche bedecken (man assoziiert das KZ-Lego-Set des polnischen Künstlers Zbigniew Libera).

Weber hat diese Kathedrale eines Theaterraums im Odeon im Griff und die Textstellen genauestens platziert: Kant ruft mit gespreizten Fingern den Menschen erfolglos seinen "kategorischen Imperativ" vom Thron des theoretischen Überbaus herab zu, während ein Häftling vom Schwarzen Engel/SS-Schergen (sehr gut: Katrin Thurm) gefoltert wird; bei Frankl heißt das "geprüft". Ob das wirklich diskussionswürdig ist, darf füglich bezweifelt werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.5.2003)

Von
Margarete Affenzeller
  • Noble Zaungäste in Viktor E. Frankls Stück "Synchronisation in Birkenwald": 
Auf den Hochständen des Denkens hocken - als theoretischer Überbau - Kant, Sokrates und Spinoza.
    foto: l. beck

    Noble Zaungäste in Viktor E. Frankls Stück "Synchronisation in Birkenwald": Auf den Hochständen des Denkens hocken - als theoretischer Überbau - Kant, Sokrates und Spinoza.

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