Ex-Agenten leiten viele Botschaften Bulgariens in der EU

15. Dezember 2010, 18:25

Sofia/Istanbul - Knapp ein Drittel der diplomatischen Vertretungen Bulgariens in der Welt werden von ehemaligen Agenten aus der Zeit des Sozialismus geführt, so hat eine Überprüfung durch eine Regierungskommission ergeben. "Wir waren schockiert", sagte Außenamtssprecherin Vessela Tscherneva dem Standard. "Wir wussten nicht, dass so viele unserer wichtigsten Städte von diesen Leuten geleitet werden."

Bulgariens Regierungschef Boiko Borissov kündigte bei einer Kabinettssitzung am Mittwoch die Entlassung der belasteten Botschafter und Generalkonsule an. Er schäme sich dafür, dass Diplomaten mit dieser Vergangenheit sein Land vertreten, sagte er.

Streit mit Präsident Parvanov

Von 460 Diplomaten, die nach 1990 im Dienst geblieben sind und nun auf Wunsch des Außenministeriums von der Kommission zur Sichtung der Geheimdienstakten überprüft wurden, hatten 192 Kontakte zur Staatssicherheit oder zum militärischen Geheimdienst der damaligen Volksarmee. 88 von ihnen sind immer noch im diplomatischen Dienst. Besonders störend für die Regierung: In zwölf europäischen Hauptstädten - darunter Berlin, Rom, London und Madrid -, sowie in Ankara sitzen bulgarische Ex-Agenten als Botschafter. Wien gehört nicht dazu. Die angekündigte Entlassung der Diplomaten wird sich jedoch schwierig gestalten, weil Staatschef Georgi Parvanov, selbst ein Ex-Agent, zustimmen muss. Das Außenministerium könnte die Botschafter deshalb zeitweise "zu Konsultationen" zurückrufen.

Regierungschef Borissov musste selbst erst im Vormonat in einer anderen Personalangelegenheit Fehler einräumen. Die von ihm 2009 ernannte Leiterin des staatlichen Fonds für Agrarhilfen hatte sich offenbar mit gefälschten Zeugnissen um den Posten beworben und ein Jahr lang das Milliardenbudget der EU-Agrarhilfen für Bulgarien verwaltete. Nach Angaben von Olaf, der EU-Behörde zur Betrugsbekämpfung, meldete Bulgarien aber deutlich mehr Fälle - 94 in diesem Jahr, 2008 waren es nur zwei. (Markus Bernath /DER STANDARD, Printausgabe, 16.12.2010)

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