Sofia/Istanbul - Knapp ein Drittel der diplomatischen Vertretungen Bulgariens
in der Welt werden von ehemaligen Agenten aus der Zeit des Sozialismus geführt,
so hat eine Überprüfung durch eine Regierungskommission ergeben. "Wir waren
schockiert", sagte Außenamtssprecherin Vessela Tscherneva dem Standard. "Wir
wussten nicht, dass so viele unserer wichtigsten Städte von diesen Leuten
geleitet werden."
Bulgariens Regierungschef Boiko Borissov kündigte bei einer Kabinettssitzung
am Mittwoch die Entlassung der belasteten Botschafter und Generalkonsule an. Er
schäme sich dafür, dass Diplomaten mit dieser Vergangenheit sein Land vertreten,
sagte er.
Streit mit Präsident Parvanov
Von 460 Diplomaten, die nach 1990 im Dienst geblieben sind und nun auf Wunsch
des Außenministeriums von der Kommission zur Sichtung der Geheimdienstakten
überprüft wurden, hatten 192 Kontakte zur Staatssicherheit oder zum
militärischen Geheimdienst der damaligen Volksarmee. 88 von ihnen sind immer
noch im diplomatischen Dienst. Besonders störend für die Regierung: In zwölf
europäischen Hauptstädten - darunter Berlin, Rom, London und Madrid -, sowie in
Ankara sitzen bulgarische Ex-Agenten als Botschafter. Wien gehört nicht
dazu. Die angekündigte Entlassung der Diplomaten wird sich jedoch schwierig
gestalten, weil Staatschef Georgi Parvanov, selbst ein Ex-Agent, zustimmen muss.
Das Außenministerium könnte die Botschafter deshalb zeitweise "zu
Konsultationen" zurückrufen.
Regierungschef Borissov musste selbst erst im Vormonat in einer anderen
Personalangelegenheit Fehler einräumen. Die von ihm 2009 ernannte Leiterin des
staatlichen Fonds für Agrarhilfen hatte sich offenbar mit gefälschten Zeugnissen
um den Posten beworben und ein Jahr lang das Milliardenbudget der EU-Agrarhilfen
für Bulgarien verwaltete. Nach Angaben von Olaf, der EU-Behörde zur
Betrugsbekämpfung, meldete Bulgarien aber deutlich mehr Fälle - 94 in diesem
Jahr, 2008 waren es nur zwei. (Markus Bernath /DER STANDARD, Printausgabe, 16.12.2010)