Die jüngsten Wortmeldungen aus ÖVP und SPÖ zum Thema Schul- und Uni-Reform verweisen einmal mehr auf den Lieblingsfilm der heimischen Politpädagogik: "Und täglich grüßt das Murmeltier" - Von Hans Pechar
Armer Josef Pröll. Irgendwer hat ihm den Floh ins Ohr gesetzt, dass man in
der Öffentlichkeit besonders dynamisch wirkt, wenn man andauernd schneller
spricht als man denkt. Und so quasselt es von früh bis spät in einem Affentempo
aus ihm heraus, was uns dann Sätze dieser Art bescheert: "Die Pisa-Ergebnisse
beruhen vor allem auf den Lesemängeln und das wird in der Volksschule gelehrt.
Dort haben wir als einziges in Österreich eine Gesamtschule".
Von der Holprigkeit dieser Formulierung, einem Kollateralschaden hastigen
Sprechens, lassen wir uns aber nicht die Freude an ihrem gedanklichen Tiefgang
verderben. Der zweite Mann in der österreichischen Regierung ist also der
Überzeugung, der Erwerb von Lesekompetenz sei ein punktueller Vorgang, der am
Ende der Volksschule abgeschlossen ist. Vermutlich hat ihn dazu die Lesekarriere
seines Onkels inspiriert, der sein einziges Buch, Der Schatz im
Silbersee, in der Volksschulzeit gelesen hat. Danach hat er sich
Beschäftigungen zugewandt, die mehr Tatkraft erfordern, als das Umblättern
beschriebenen Papiers. Und aus dem ist doch auch etwas geworden! Merke: bei
wirklicher Begabung kann nicht einmal die eintopfartige Volksschule Schaden
anrichten. In Summe aber, so die Diagnose der ÖVP, sei die Gesamtschule
gescheitert, weshalb man sie auf keinen Fall auf die Altersgruppe der 10-14
jährigen ausdehnen dürfe.
Lesehilfe für Pröll
Weiß der Vizekanzler nicht, dass es einen internationalen Leistungsvergleich
gibt, der die Lesekompetenz am Ende der Volksschule misst? Pirls (Progress in
International Reading Literacy Study) folgt einem ähnlichen Konzept wie Pisa,
testet aber nicht 15jährige, sondern zehnjährige Schüler. Zuletzt wurde Pirls im
Jahr 2006 durchgeführt. Auch bei diesem Test haben Österreichs Schüler nicht gut
abgeschnitten - nicht verwunderlich in einem Land, in dem Politiker damit
prahlen, nicht zu lesen. Aber so grottenschlecht wie bei Pisa waren die
Ergebnisse nicht. Bei Pirls liegt Österreich im Mittelfeld, bei Pisa am unteren
Rand. Bei Pirls werden 16 Prozent der Schüler der Risikogruppe zugeordnet, bei
Pisa sind es 28 Prozent. Am Ende der Volksschule ist die Situation schlecht,
aber nicht hoffnungslos. Am Ende der Sekundarstufe I ist sie katastrophal. Wer
angesichts dieser Fakten die Leseschwäche der 15-jährigen der Volksschule
anlastet, gehört wohl selbst jener Risikogruppe an, die zur sinnerfassenden
Interpretation komplexer Informationen nicht in der Lage ist.
Bildungspolitik als Ideologiereflex ist aber kein Monopol der ÖVP. Am anderen
Ende des politischen Spektrums und zwei Bildungsstufen höher geht es ebenso
hirnlos zu. Jeder weiß, dass an den Massenfächern der österreichischen
Universitäten anomische Zustände herrschen. Der offene Hochschulzugang bewirkt
dort keine Erhöhung der Absolventenzahlen, sondern rekordverdächtige
Dropoutquoten und unzumutbare Studienbedingungen auch für jene, die bis zum Ende
durchhalten. Mindestens ein Drittel der Studenten ist davon betroffen. Auch die
Hochschulpolitiker der SPÖ wissen das, aber ihr Opportunismus hindert sie daran,
es auszusprechen und die Konsequenzen daraus zu ziehen.
Zuletzt zeigte sich der pragmatische Flügel dieser Partei aber
gesprächsbereit: Man könne sich Zugangsregeln und eine Studienplatzfinanzierung
vorstellen, selbstverständlich unter Beibehaltung des offenen Hochschulzugangs.
Credo, quia absurdum. Immerhin bestand Hoffnung, man würde sich, wenngleich im
Schneckentempo, einer Lösung dieser Malaise annähern.
Die aktuelle Diskussion um die Einführung von Obergrenzen in Massenfächern
zeigt, dass diese Hoffnung unbegründet war. Zum einen würde diese UG-Novelle
nichts verbessern, sondern einen unhaltbaren Zustand festschreiben. Die SPÖ hat
nämlich durchgesetzt, dass in jedem Fach zumindest die durchschnittliche Anzahl
der Studenten der vergangenen fünf Jahre aufgenommen werden muss. Auch dort wo
auf einen Professor 400 Studenten kommen.
Aber weil auch diese Regelung einigen Hitzköpfen noch zu weit geht, weil
einige offenbar eine Zukunft anstreben, in der auf einen Professor 500 Studenten
kommen, ist die SPÖ von ihrer zaghaften Annäherung an die hochschulpolitische
Vernunft sofort wieder abgerückt. Als Begründung wird, bis zur
Besinnungslosigkeit, immer derselbe Stehsatz wiederholt: Wir hätten doch eine so
niedrige Akademikerquote, wie könne man da vom offenen Zugang abrücken?
Bei diesem Argument wird das leicht überprüfbare Faktum systematisch
ausgeblendet, dass alle Länder mit hoher Akademikerquote, auf die man sich
beruft, geregelte Aufnahmeverfahren und keinen offenen Zugang haben. Wenn man
sie darauf hinweist, kontern glaubensgefestigte Verfechter des offenen Zugangs
mit folgender brillanter Idee: Man könne ja über Aufnahmeverfahren nachdenken,
sobald Österreich einmal eine Akademikerquote in der Höhe Kanadas oder Finnlands
erreicht hat. Ebenso könnte man sagen: Wir führen die Gesamtschule dann ein,
sobald wir die Pisa-Werte Kanadas oder Finnlands erreicht haben.
Beide bildungspolitischen Lager sind unfähig, das ernüchternde internationale
Feedback über die Leistungsschwächen unseres Bildungssystems zur Kurskorrektur
zu nutzen. Die Leistungvergleiche und Indikatoren der OECD sind ein
unangenehmes, aber wertvolles Feedback. In periodischen Zeitabständen zeigen
sie, dass der Abstand zwischen Österreich und den erfolgreichen
Wissensgesellschaften größer wird.
Diese Länder - der Norden Europas, Nordamerika, einige asiatische Staaten -
zeichnen sich durch tiefgreifende Unterschiede in ihren Gesellschaftsmodellen,
ihren kulturellen und politischen Traditionen und in ihrer Lernkultur aus.
Gemeinsam aber ist ihnen eine Grundarchitektur der Bildungssysteme, die sich
radikal von jener der Österreichs unterscheidet.
Notorische Verdunkelung
Diese Gesellschaften sortieren ihre Kinder nicht schon mit zehn Jahren in
"theoretisch" und "handwerklich" Begabte. Im Pflichtschulalter heben sie mit
Hilfe heterogener Lerngruppen das Bildungsniveau der gesamten Alterskohorte auf
ein viel höheres Niveau, als Österreich, wo man mit Hilfe schulischer Apartheid
einer "Nivellierung nach unten" vorbeugen möchte. Aber beim Übertritt in den
Hochschulbereich finden jene horizontalen und vertikalen Differenzierungen
statt, die in einer wissensbasierten Ökonomie unver- meidlich sind. Das ist mit
dem Konstrukt einer "allgemeinen Studienberechtigung" und einem offenen
Hochschulzugang nicht vereinbar.
Wenn beim aktuellen SP-internen Vorstoß für Studiengebühren die Parteilinie
sofort ihren sklerotischen Zeigefinger erhebt und vor einem "Kuhhandel" warnt,
dann haben die Glaubenswächter immerhin in einem Punkt recht:
Zwischen Gesamtschule und Studiengebühren besteht kein innerer Zusammenhang.
Zwischen Hochschulzugang und Gesamtschule gibt es diesen Zusammenhang jedoch
sehr wohl.
Die betonköpfigen ideologischen Pflichtübungen beider Lager verdunkeln das.
Jedes weitere Jahr, das wir in dieser Pattsituation zu bringen, ist ein für
Österreichs Zukunft verlorenes Jahr. (Hans Pechar, DER STANDARD, Printausgabe, 16.12.2010)
HANS PECHAR ist Professor für Hochschulforschung an der Uni
Klagenfurt.