Bildungspolitik als ideologische Reflexzonenmassage

15. Dezember 2010, 20:50

Die jüngsten Wortmeldungen aus ÖVP und SPÖ zum Thema Schul- und Uni-Reform verweisen einmal mehr auf den Lieblingsfilm der heimischen Politpädagogik: "Und täglich grüßt das Murmeltier" - Von Hans Pechar

Armer Josef Pröll. Irgendwer hat ihm den Floh ins Ohr gesetzt, dass man in der Öffentlichkeit besonders dynamisch wirkt, wenn man andauernd schneller spricht als man denkt. Und so quasselt es von früh bis spät in einem Affentempo aus ihm heraus, was uns dann Sätze dieser Art bescheert: "Die Pisa-Ergebnisse beruhen vor allem auf den Lesemängeln und das wird in der Volksschule gelehrt. Dort haben wir als einziges in Österreich eine Gesamtschule".

Von der Holprigkeit dieser Formulierung, einem Kollateralschaden hastigen Sprechens, lassen wir uns aber nicht die Freude an ihrem gedanklichen Tiefgang verderben. Der zweite Mann in der österreichischen Regierung ist also der Überzeugung, der Erwerb von Lesekompetenz sei ein punktueller Vorgang, der am Ende der Volksschule abgeschlossen ist. Vermutlich hat ihn dazu die Lesekarriere seines Onkels inspiriert, der sein einziges Buch, Der Schatz im Silbersee, in der Volksschulzeit gelesen hat. Danach hat er sich Beschäftigungen zugewandt, die mehr Tatkraft erfordern, als das Umblättern beschriebenen Papiers. Und aus dem ist doch auch etwas geworden! Merke: bei wirklicher Begabung kann nicht einmal die eintopfartige Volksschule Schaden anrichten. In Summe aber, so die Diagnose der ÖVP, sei die Gesamtschule gescheitert, weshalb man sie auf keinen Fall auf die Altersgruppe der 10-14 jährigen ausdehnen dürfe.

Lesehilfe für Pröll

Weiß der Vizekanzler nicht, dass es einen internationalen Leistungsvergleich gibt, der die Lesekompetenz am Ende der Volksschule misst? Pirls (Progress in International Reading Literacy Study) folgt einem ähnlichen Konzept wie Pisa, testet aber nicht 15jährige, sondern zehnjährige Schüler. Zuletzt wurde Pirls im Jahr 2006 durchgeführt. Auch bei diesem Test haben Österreichs Schüler nicht gut abgeschnitten - nicht verwunderlich in einem Land, in dem Politiker damit prahlen, nicht zu lesen. Aber so grottenschlecht wie bei Pisa waren die Ergebnisse nicht. Bei Pirls liegt Österreich im Mittelfeld, bei Pisa am unteren Rand. Bei Pirls werden 16 Prozent der Schüler der Risikogruppe zugeordnet, bei Pisa sind es 28 Prozent. Am Ende der Volksschule ist die Situation schlecht, aber nicht hoffnungslos. Am Ende der Sekundarstufe I ist sie katastrophal. Wer angesichts dieser Fakten die Leseschwäche der 15-jährigen der Volksschule anlastet, gehört wohl selbst jener Risikogruppe an, die zur sinnerfassenden Interpretation komplexer Informationen nicht in der Lage ist.

Bildungspolitik als Ideologiereflex ist aber kein Monopol der ÖVP. Am anderen Ende des politischen Spektrums und zwei Bildungsstufen höher geht es ebenso hirnlos zu. Jeder weiß, dass an den Massenfächern der österreichischen Universitäten anomische Zustände herrschen. Der offene Hochschulzugang bewirkt dort keine Erhöhung der Absolventenzahlen, sondern rekordverdächtige Dropoutquoten und unzumutbare Studienbedingungen auch für jene, die bis zum Ende durchhalten. Mindestens ein Drittel der Studenten ist davon betroffen. Auch die Hochschulpolitiker der SPÖ wissen das, aber ihr Opportunismus hindert sie daran, es auszusprechen und die Konsequenzen daraus zu ziehen.

Zuletzt zeigte sich der pragmatische Flügel dieser Partei aber gesprächsbereit: Man könne sich Zugangsregeln und eine Studienplatzfinanzierung vorstellen, selbstverständlich unter Beibehaltung des offenen Hochschulzugangs. Credo, quia absurdum. Immerhin bestand Hoffnung, man würde sich, wenngleich im Schneckentempo, einer Lösung dieser Malaise annähern.

Die aktuelle Diskussion um die Einführung von Obergrenzen in Massenfächern zeigt, dass diese Hoffnung unbegründet war. Zum einen würde diese UG-Novelle nichts verbessern, sondern einen unhaltbaren Zustand festschreiben. Die SPÖ hat nämlich durchgesetzt, dass in jedem Fach zumindest die durchschnittliche Anzahl der Studenten der vergangenen fünf Jahre aufgenommen werden muss. Auch dort wo auf einen Professor 400 Studenten kommen.

Aber weil auch diese Regelung einigen Hitzköpfen noch zu weit geht, weil einige offenbar eine Zukunft anstreben, in der auf einen Professor 500 Studenten kommen, ist die SPÖ von ihrer zaghaften Annäherung an die hochschulpolitische Vernunft sofort wieder abgerückt. Als Begründung wird, bis zur Besinnungslosigkeit, immer derselbe Stehsatz wiederholt: Wir hätten doch eine so niedrige Akademikerquote, wie könne man da vom offenen Zugang abrücken?

Bei diesem Argument wird das leicht überprüfbare Faktum systematisch ausgeblendet, dass alle Länder mit hoher Akademikerquote, auf die man sich beruft, geregelte Aufnahmeverfahren und keinen offenen Zugang haben. Wenn man sie darauf hinweist, kontern glaubensgefestigte Verfechter des offenen Zugangs mit folgender brillanter Idee: Man könne ja über Aufnahmeverfahren nachdenken, sobald Österreich einmal eine Akademikerquote in der Höhe Kanadas oder Finnlands erreicht hat. Ebenso könnte man sagen: Wir führen die Gesamtschule dann ein, sobald wir die Pisa-Werte Kanadas oder Finnlands erreicht haben.

Beide bildungspolitischen Lager sind unfähig, das ernüchternde internationale Feedback über die Leistungsschwächen unseres Bildungssystems zur Kurskorrektur zu nutzen. Die Leistungvergleiche und Indikatoren der OECD sind ein unangenehmes, aber wertvolles Feedback. In periodischen Zeitabständen zeigen sie, dass der Abstand zwischen Österreich und den erfolgreichen Wissensgesellschaften größer wird.

Diese Länder - der Norden Europas, Nordamerika, einige asiatische Staaten - zeichnen sich durch tiefgreifende Unterschiede in ihren Gesellschaftsmodellen, ihren kulturellen und politischen Traditionen und in ihrer Lernkultur aus. Gemeinsam aber ist ihnen eine Grundarchitektur der Bildungssysteme, die sich radikal von jener der Österreichs unterscheidet.

Notorische Verdunkelung

Diese Gesellschaften sortieren ihre Kinder nicht schon mit zehn Jahren in "theoretisch" und "handwerklich" Begabte. Im Pflichtschulalter heben sie mit Hilfe heterogener Lerngruppen das Bildungsniveau der gesamten Alterskohorte auf ein viel höheres Niveau, als Österreich, wo man mit Hilfe schulischer Apartheid einer "Nivellierung nach unten" vorbeugen möchte. Aber beim Übertritt in den Hochschulbereich finden jene horizontalen und vertikalen Differenzierungen statt, die in einer wissensbasierten Ökonomie unver- meidlich sind. Das ist mit dem Konstrukt einer "allgemeinen Studienberechtigung" und einem offenen Hochschulzugang nicht vereinbar.

Wenn beim aktuellen SP-internen Vorstoß für Studiengebühren die Parteilinie sofort ihren sklerotischen Zeigefinger erhebt und vor einem "Kuhhandel" warnt, dann haben die Glaubenswächter immerhin in einem Punkt recht:

Zwischen Gesamtschule und Studiengebühren besteht kein innerer Zusammenhang. Zwischen Hochschulzugang und Gesamtschule gibt es diesen Zusammenhang jedoch sehr wohl.

Die betonköpfigen ideologischen Pflichtübungen beider Lager verdunkeln das. Jedes weitere Jahr, das wir in dieser Pattsituation zu bringen, ist ein für Österreichs Zukunft verlorenes Jahr.  (Hans Pechar, DER STANDARD, Printausgabe, 16.12.2010)

HANS PECHAR ist Professor für Hochschulforschung an der Uni Klagenfurt.

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    17 Postings
    Dr. X.
    00
    16.12.2010, 16:16
    warum heisst es eigentlich immer...

    gesamtschule ja/nein anstatt mehr und besser ausgebildete lehrer pro schülerzahl ja/nein ???
    das würde unser bildungsdefizit - im unterschied zu den pisa-siegern - nicht nur besser erklären sondern bei entsprechender umsetzung wohl auch eher zum erfolg führen !
    dass man dann auch alle 10-14-jährigen gemeinsam in einer schule unterrichtet wäre dann nur mehr ein nebeneffekt...

    heiliger bimbam
    02
    16.12.2010, 14:52
    schad, dass dieser tolle satz für den vizekanzler zu komplex ist:

    "Wer angesichts dieser Fakten die Leseschwäche der 15-jährigen der Volksschule anlastet, gehört wohl selbst jener Risikogruppe an, die zur sinnerfassenden Interpretation komplexer Informationen nicht in der Lage ist."
    bitte, erklärt eam des wer?

    also dann ...
    10
    16.12.2010, 13:41
    falsch : "Bei diesem Argument wird das leicht überprüfbare Faktum systematisch ausgeblendet, dass alle ( ? )Länder mit hoher Akademikerquote, auf die man sich beruft, geregelte

    Aufnahmeverfahren und keinen offenen Zugang haben...
    dies ist nicht korrekt !

    im übrigen ...
    ist der offene zugang = FREIE BILDUNG FÜR A L L E
    sogar die wesentliche VWL: FORDERUNG und GARANT für die CHANCENGLEICHHEIT...
    und sohin bestandteil von (fortgeschrittenen( demokratien.
    dass die UNI`s Ü B E R S C H Ü S S E ( ! )
    seit jahren erzielen
    (d.h. der geldmangel eine reine LÜGE ist...)
    dürfte auch am autor spurlos...verübergegangen sein.

    trollvottel
    00
    16.12.2010, 15:36

    Freie kostenlose Bildung für alle, die dafür geeignet sind: Unbedingt!

    ... allerdings wird heutzutage jedem Ei die Matura nachgeschmissen; Eltern drohen Lehrern mit Gewalt und/oder Gerichtsverfahren, wenn ein dummes Kind durchzufallen droht; eine Matura kann heute kaum mehr zur Feststellung einer Studientauglichkeit, einer Befähigung zum wissenschaftlichen Arbeiten, dienen.

    Also hat man 2 Möglichkeiten:
    a) Jeden studieren lassen, was er/sie will, und die Unbegabten dann halt mit der Zeit immer mehr Prüfungen verhauen lassen, bis sie aufgeben und/oder schwanger werden oder den Nebenjob fulltime machen, so wie jetzt
    b) Jeden studieren lassen, in der Studieneingangsphase (erstes Jahr) sortieren
    c) Rauswurfprüfung vor der Immatrikulation

    heiliger bimbam
    12
    16.12.2010, 14:50
    wovon zum teufel faseln sie?

    betonkopf

    also dann ...
    00
    16.12.2010, 17:20
    nix verstanden ?

    naja, dann fehlts wohl am (pisa)lesekenntnissen...

    heiliger bimbam
    00
    16.12.2010, 22:52
    doch, gelesen hab ich sehr wohl

    aber verstanden nur heiße luft. beweisen sie bitte nur mal eine ihrer behauptungen. bin gespannt.

    Ratlos
    11
    16.12.2010, 12:07
    Ich würde diesen Mann sofort zum Bildungsminister mit dikatorischen Vollmachen auf Zeit wählen!

    Johannes Benn
    00
    16.12.2010, 10:31
    .

    ein erfrischend ausgewogener artikel!

    Karl Staudinger
     
    00
    16.12.2010, 09:10
    merci

    Alfred Moosbrugger
    01
    16.12.2010, 07:14

    Na, hoffentlich sind unter den zehnjährigen SchülerInnen weniger ProblemschülerInnen als unter den 15-Jährigen.
    Aber damit zu argumentieren, und das in eine Richtung, die man einem Maturanten nicht durchgehen lassen würde, ist eines Professors unwürdig.

    Elisabeth Stein
    00
    16.12.2010, 12:00
    Welche "Richtung" ?

    Was also duerfen Maturareife Jugendliche nicht schreiben?

    smid
    10
    16.12.2010, 08:53
    Vielleicht auch schon mal überlegt

    dass es noch viele 'Neuzugänge' an jungen Menschen mit nicht-deutscher Muttersprache gibt, die gerade z.B. in Wien in Hauptschulen sitzen und leider unter ehemaliger Ministerhand die Mittel f zusätzliche Unterstützung gekappt wurden;
    oder hat sich jemand überlegt, ohne zu meinen, dass Ö sonst toll abgeschnitten hätte, dass der Literaturtext f 15 jährige eigentlich völlig ungeeignet ist. Auch f belesene Erwachsene (nein nicht Kronenzeitung od Österreich) nicht einfach

    ino
    11
    15.12.2010, 20:44
    Weiß der Vizekanzler nicht,

    nein, woher sollte er das auch wissen? auf der boku hat man ihm das sicher nicht gesagt und auch jetzt ist er alle tage zu beschäftigt, seine bildungslücken in bezug auf sein eigenes ressort aufzuholen, um sich auch noch auf anderen gebieten schlau zu machen. und die eigene partei wird ihm sicher nichts erzählen, was gegen ihre dogmen geht und gegen die interesse der öaab-lehrerschaft.

    faymann hingegen ist kognitiv nicht im stande, anderes als sklerotische reflexe zu verarbeiten, egal ob ihm das apport'l von der partei oder der krone zugeworfen wird. der glaubt wahrscheinlich mittlerweile, wenn der öh-beitrag nicht so hoch gewesen wäre, hätt er fertig studiert.

    rechtsalternativ
    21
    15.12.2010, 20:33

    hier in frankreich gibt es die gesamtschule seit ca 40 jahren. das pisa ergebnis war gan gut, mittelfeld. hinter südkorea & co, aber vor deutscholand & co. und vor österreich.

    das spricht vordergründig für die gesamtschule. aber eben nur vordergründig, denn in frankreich gibt es ein gutes privatschulsystem, es gibt sehr gute eliteschulen und anlässlich der pisa ergebnisse wurde bekannt, dass es zwischen den einelnen schulen fundamentale unterschiede gibt, sowohl was den standort der schule betrifft als auch was den schultyp betrifft.
    es waren die eliteschulen, die das franösische ergebnis gerettet haben. und je höher der moslemanteil an einer schule desto schlechter das pisa ergebnis. das ist die realität. der kaiser ist nackt ;)

    Ecrlinf
     
    00
    16.12.2010, 17:30
    Zensur

    Hallo!
    Ihre Antwort auf meine Reaktion wurde anscheinend zensiert. Also nur für Sie:
    Um es mit Thomas Diafoirus aus dem "Malade imaginaire" zu sagen: Ihre erste Behauptung: Nego. Ihre letzte Behauptung: Concedo (keine Beweise nötig).

    Ecrlinf
     
    00
    16.12.2010, 15:13
    Hier bei uns in Frankreich

    müsste das Niveau höher sein, denn es wird vergleichsweise sehr viel Geld für das Schulsystem ausgegeben. Aber darum geht es nicht.
    Das mit dem "Moslemanteil" ist auch so eine Sache. Es ist eher die soziale Unterschicht, die schlecht abschneidet, moslemisch oder nicht.
    Ich frage mich auch, ob Lesefähigkeit gleich Lesefähigkeit ist. Die frz. Rechtschreibung ist ungleich schwieriger zu erlernen als z. B. die deutsche; z.B. haben die Wörter ver, vers, vert(s) und verre(s) und vair (alle gleich ausgesprochen!) fast zehn unterschiedliche Bedeutungen.

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