Umständlich, unpraktisch, ungeeignet: Weshalb der "Windows 7 Slate" nur ein Lückenfüller sein wird
Knapp ein Jahr ist es her, dass Microsoft-Chef Steve Ballmer auf der CES in Las Vegas eine neue Kategorie an Computern vorstellte: Die Slate PCs. Die kleinen und größeren Tablets mit Touchscreendisplay sollten mit dem eben erst erfolgreich gestarteten Windows 7 eine neue Ära einläuten. Damals hieß es, erste Geräte würden zum Weihnachtsgeschäft erwartet, bei der Präsentation funktionierte noch keines so richtig.
Nun steht Weihnachten vor der Türe, doch von der neuen Generation der portablen Windows-Computer ist praktisch nichts zu sehen. Hewlett-Packard wollte ursprünglich mit dem "HP-Slate" in den Markt vorpreschen, diese Pläne wurden mittlerweile verworfen. Toshiba probierte es mit dem Dual-Tablett "Libretto" und holte sich dafür nichts als Schelte bei den Testern ein. Anstelle dessen zeigten andere, wie es gehen kann: Allen voran das "iPad" und die iPhone-erprobte Software iOS kamen gut bei den Konsumenten und Kritikern an. Die klare Alternative heißt heute nicht Windows, sondern Android. Hier überzeugte insbesondere Samsungs "Galaxy Tab".
Microsoft lässt nicht locker
Trotz des Erfolgs der Konkurrenz scheint Microsoft seine Pläne nicht verworfen zu haben. Wie die New York Times kürzlich berichtete, wolle der Konzern auf der CES 2011 im Jänner nicht nur erste Einblicke in Windows 8 gewähren, sondern auch eine ganze Reihe an Slate-PCs mit Windows 7 vorstellen.
Doch ob der Windows 7-Tablet-PC überhaupt so eine gute Idee ist, bezweifeln Branchenbeobachter schon im Vorfeld. Aktuell fasste Wired die Gründe zusammen, weshalb "Sie keinen Windows 7 Slate haben wollen" und kehrte dabei einige Gegenargumente hervor, die auch schon lange auf Microsofts Contra-Liste stehen müssten.
Nicht geeignet
Das wohl größte Problem der Windows 7-Tablets dürfte deren Bedienbarkeit sein. Wie man schon beim Libretto und einigen Prototypen sehen konnte, ist das Desktop-Betriebssystem mit seinen kleinen Icons für die Eingabe per Maus und nicht per Finger ausgelegt. Zwar integriert das System von Haus aus einige Touchscreen-Features, doch hat Windows 7 nichts mit den klaren und für Touchscreens geeigeneten Strukturen eines iOS, Android oder auch Windows Phone 7 gemein.
Die Benutzeroberfläche ist ein Problem, ein anderes ist der vielschichtige Aufbau eines klassischen Betriebssystems. Bei einem mobilen Gerät, will man nicht Ordner durchwühlen müssen - alles muss auf einen Blick erfassbar sein. Zudem will man sich nicht mit der Wartung des Betriebssystems herumschlagen, Virenscanner installieren oder sich sonst näher mit dem Kern des Systems auseinander setzen. Flexibilität ist bei Desktop-Rechnern gefragt, bei einem mobilen Gerät steht die Bedienbarkeit im Vordergrund.
Das gilt genauso für die Installation von Anwendungen. Während Nutzer von iPads und Android-Tablets auf die komfortablen AppStores der Smartphone-Pendants zugreifen können, erlaubt Windows 7 bislang keinen ähnlich unkomplizierten Umgang mit Programmen. Aber wer will schon unterwegs eine Software installieren müssen?
Qualitätskontrolle?
Wired sieht neben diesen offensichtlichen Hürden auch ein Problem in Microsofts Lizenzierungsverfahren von Windows 7. Derzeit kann im Prinzip jeder Hersteller Windows 7 lizenzieren und auf seine Systeme aufspielen. Damit gibt es praktisch keine Einschränkungen bei der Anwendungsvielfalt der Software. Was wiederum gut bei herkömmlichen Computern sein kann, könnte bei Tablets dazu führen, dass User bei Windows 7 Slates kein konsistentes Nutzererlebnis haben werden. Wie wichtig dies bei Touchscreen-Geräten ist, erkannte Microsoft auch selbst bei der Einführung von Windows Phone 7, wo jeder Hersteller strikte Hardware-Anforderungen und Qualitätskriterien erfüllen muss. Hier müsste Microsoft erst ein neues, ähnliches Lizenzmodell für Windows 7-Slates einführen.
Ass im Ärmel
Dass ein normales Betriebssystem auf einem Touchscreen-Computer nicht funktioniert, weiß Microsoft allerdings auch aus eigener Erfahrung. Nicht zuletzt scheiterte bereits Bill Gates nach der Jahrtausendwende mit Windows XP auf dem Tablet-PC.
Daher könnte man vermuten, dass die Windows 7-Slates nicht mehr sein werden, als ein Lückenfüller bis Microsoft ein ordentliches System für Tablets fertigentwickelt hat. Dabei dürfte es sich weniger um das neue Windows 8 handeln, als um eine Abwandlung des bestehenden Windows Phone 7. Damit würde der Softwarekonzern in die Fußstapfen von Apple und Google treten und eine bereits erprobte und geeignete Touchscreen-Plattform "erwachsen" werden lassen. Fraglich ist nur, wie lange Microsoft für diesen Schritt noch brauchen wird. (zw)
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