Energieurlaub auf der Wärmeinsel

14. Dezember 2010, 21:03
posten

Die Baubranche ist für den Hauptanteil des weltweiten Kohlendioxid-Ausstoßes verantwortlich - Wiener Unternehmen befassen sich in Forschungsprojekten nun mit der Reduktion von CO2-Emissionen

Die schlechte Nachricht: Der Gebäudebestand in Österreich verursacht rund 40 Prozent aller CO2-Emissionen. Die gute Nachricht: Das Verbesserungspotenzial im Bauwesen ist riesig. Unterschiedlichen Schätzungen zufolge – darunter etwa Studien der TU Graz und der Donau-Universität Krems – sind in Österreich rund 130 Millionen Quadratmeter Wohnnutzfläche sanierungsbedürftig.

Eingreifen müsse man vor allem in die Form der Beheizungsquelle, in die Dämmwerte der Außenwand sowie in die meist undichten Altbaufenster. Einige Forschungsprojekte, die sich genau diesen baulichen Defiziten widmen, werden aktuell vom Zentrum für Innovation und Technologie (ZIT), der Technologieagentur der Stadt Wien, gefördert.

"Ein großes Problem in der Sanierung alter Bausubstanz sind die Fenster", erklärt Georg Sebastian Lux vom Wiener Architekturbüro Baukanzlei. Das treffe vor allem auf die Kastenfenster zu: "Entweder sind sie thermisch dicht, passen dafür aber nicht zur historischen Gründerzeitfassade, oder aber sie sind den Richtlinien des Denkmalschutzes angepasst, lassen jedoch bei den Dämmwerten zu wünschen übrig."

Wirkungsweise Kastenfenster

Lux arbeitet derzeit an einer Lösung, die sowohl Bauphysik als auch optisches Erscheinungsbild berücksichtigt. Die Grundidee dahinter: Der Außenflügel der Kastenfenster bleibt original erhalten und wird, falls nötig, tischlermäßig saniert, der Innenflügel jedoch wird gegen ein eigens entwickeltes, schlankes und architektonisch ansprechendes Isolierfenster mit einem Wärmedurchgangskoeffizienten (U-Value) von rund 1,3 W/m2K ausgetauscht.

"Der U-Wert entspricht zwar einem ganz normalen, handelsüblichen Fenster, doch im Verbundsystem mit dem bestehenden Außenflügel erreicht man in der Praxis damit bessere Werte als mit einem einfachen Flügel von der Stange." Das liege vor allem am Aufbau des Kastenfensters, sagt Lux: Der typische Zwischenraum werde im eingebauten Zustand bauphysikalisch mitgenutzt.

Einziges Manko dieser überaus eleganten Lösung: der Preis. "Das ist sicher kein Produkt, das für die Sanierung von Anlegerwohnungen gedacht ist", meint Lux. Die Entwicklungs- und Testphase des mit 60.000 Euro geförderten Entwicklungsprojekts ist abgeschlossen. Im Zuge einer Wohnungssanierung wird im Dezember erstmals eine Kleinserie von vier Stück eingebaut.

Mit der ganzen restlichen Fassade rundherum – wiewohl nicht für historisch wertvolle Bausubstanz geeignet – befasst sich ein Forschungsprojekt der Gebrüder Haas Fenster Türen GmbH (Fördervolumen 67.000 Euro). Dabei wird das bestehende Haus nicht wie sonst üblich mit expandiertem Polystyrol-Hartschaum (EPS) gedämmt, sondern mit Pflanzen und Erde.

"Einerseits wird die Hausfassade bei dieser Methode beschattet, andererseits sorgt die Verdunstungskälte des Wassers dafür, dass die Oberflächentemperatur der Außenwand zusätzlich reduziert wird", sagt Geschäftsführer Wolfgang Haas. Nicht zuletzt entlastet die Fassadenbegrünung auch das Kanalisationsnetz, das im Fall von heftigen und lang anhaltenden Regenfällen oft überlastet ist: Bis zu 40 Liter Wasser pro Quadratmeter Fassade können gespeichert und so zurückgehalten werden.

Das Jungfernprojekt ist bereits fertiggestellt: Beim Verwaltungsgebäude der Wiener Magistratsabteilung 48 (siehe Foto) wurde erstmals eine grüne Wand in voller Größe installiert. Dabei wurde die 850 Quadratmeter große Hausfassade am Wiener Margaretengürtel mit Trögen aus Edelstahl und Aluminium verkleidet. Aus den Erdkoffern wachsen heute 17.000 Pflanzen, darunter Federnelken, Schafgarben und Kräuter.

"Die Fassade wurde im September fertiggestellt, die sommerlichen Erfahrungen halten sich vorerst also noch in Grenzen", erklärt Haas. "Wir wissen allerdings, dass die Mitarbeiter bei direkter Sonneneinstrahlung zumindest subjektiv eine deutliche Abkühlung im Raum empfinden." Kommenden Sommer soll das grüne Haus evaluiert werden.

Bauen mit dem Mikroklima

Mit einem ganz anderen Aspekt des Mikroklimas beschäftigt sich das Projekt "urban summer comfort" (USC) der A-Null Bauphysik GmbH (Fördervolumen 200.000 Euro). Dabei soll anhand der Baukubatur ermittelt werden, ob man aufgrund der Eigenverschattung der Gebäudemasse und der sogartigen Windkräfte in schmalen Innenhöfen gegebenenfalls die Bauvorschriften unterbieten könnte – etwa, indem man auf teure Thermoschutzfenster, zusätzliche Verschattung oder gar auf eine aufwändige Klimatisierung der Innenräume verzichtet.

"In dicht bebauten Ballungsräumen gibt es meistens sogenannte Wärmeinseln", sagt Kurt Battisti zum Standard. Während sich in kleinen Innenhöfen im Winter oft konzentrierte Wärmeherde bildeten, herrsche hier im Sommer oft ein weitaus kühleres Klima als draußen auf der breiten Straße. "Genau dieses Prinzip wollen wir uns zunutze machen."

Entwickelt wird eine Planungssoftware, die aufgrund der eingegebenen Parameter – darunter etwa geografische Position, exakte Gebäudekubatur und Bauweise des Hauses – errechnen kann, inwiefern sich die kühlen Inseln in der Stadt auf die Innenräume der Wohnungen und Büros auswirken. Battisti: "Wir werden in den nächsten drei Jahren ein paar Innenhöfe in Wien meteorologisch erfassen. Ziel ist es natürlich, dass sich die Planungssoftware USC eines Tages in der Önorm und somit auch in den Bauordnungen niederschlagen wird. So könnten in der Bauwirtschaft viel Geld und Energie gespart werden."

Erst Form, dann Architektur

Noch einen Schritt weiter geht das Projekt "Lebenszykluskosten-Tool für energieeffiziente Immobilien" der e7 Energie Markt Analyse GmbH in Zusammenarbeit mit M.O.O.CON, das vom ZIT mit rund 100.000 Euro gefördert wird. Dabei sollen Neubauten in Hinsicht auf möglichst niedrige Betriebskosten entwickelt werden. Anhand von bis zu 150 Variablen soll so die Form des Bauwerks ermittelt werden – und zwar noch lange, bevor der Architekt überhaupt einen Strich gesetzt hat.

"Die schwerwiegendsten Entschlüsse werden in der Entwurfsphase gefällt", sagt die zuständige Projektleiterin Margot Grim von e7. "Anstatt die Gebäudekosten erst im Nachhinein zu berechnen und das Projekt dann unter Umständen teuer umzuplanen, soll die richtige Grundform des Gebäudes schon von der ersten Minute an feststehen." Die Software könnte auf die Architektur der Zukunft großen Einfluss haben. Das erste Projekt, das unter Zuhilfenahme des e7-Tools entworfen wurde, ist bereits in Planung: das Landespflegezentrum Mautern. (Wojciech Czaja/DER STANDARD, Printausgabe, 15.12.2010)

Wissen: ZIT-Call 2011 – Grünes Forschen

Der aktuelle ZIT-Call widmet sich dem Thema "Green Innovation". Gefördert werden Forschungsprojekte aus den Bereichen Recycling, Life Cycle Management, Mess- und Frühwarnsysteme, Green IT, Energieversorgung der Zukunft sowie innovative Vorschläge im Logistik- und Mobilitätsmanagement. Fördervolumen: eine Million Euro. Einreichschluss: 2. März 2011. (woj)

  • Kastenfenster neu: Architekt Georg Sebastian Lux entwickelte einen schlichten Innenflügel, bei dem der für historische Kastenfenster typische Zwischenraum bauphysikalisch genutzt wird. Im Bild: Druck- und Dichtigkeitstest auf dem Prüfstand der Holzforschung Austria.
    foto: lux

    Kastenfenster neu: Architekt Georg Sebastian Lux entwickelte einen schlichten Innenflügel, bei dem der für historische Kastenfenster typische Zwischenraum bauphysikalisch genutzt wird. Im Bild: Druck- und Dichtigkeitstest auf dem Prüfstand der Holzforschung Austria.

  • Grüne Fassadensanierung: Die Begrünung der Außenwand sorgt für zusätzliche Beschattung und Verdunstungskälte.
    foto: gebrüder haas

    Grüne Fassadensanierung: Die Begrünung der Außenwand sorgt für zusätzliche Beschattung und Verdunstungskälte.

Share if you care.