Ruf als Sammelstelle radikaler Muslime nahe London – Schwere Vorwürfe gegen britischen Geheimdienst
Die früher hier ansässige Hutindustrie ist längst Vergangenheit, die imposante Autofabrik der GM-Tochter Vauxhall hat auch schon bessere Tage gesehen. Nur der Flughafen mit dem Hauptquartier von EasyJet verleiht der schäbigen Industriestadt Luton 50 Kilometer nördlich von London so etwas wie internationalen Glamour.
In dieser wenig reizvollen Umgebung hat Taimour Abdulwahab in den vergangenen Jahren gelebt. Am Samstag, dem Vorabend seines 29. Geburtstages, sprengte sich der schwedische Staatsbürger irakischer Herkunft in Stockholm in die Luft und bestätigte damit Lutons Ruf als eine der Sammelstellen radikaler Muslime in Großbritannien. Das Reihenhäuschen in einem der heruntergekommenen Arbeiterviertel, in dem der junge Mann mit Frau und drei Kindern gelebt hatte, wurde in der Nacht zum Montag von britischen Terrorfahndern durchsucht. Man habe kein verdächtiges Material gefunden und keine Helfer festgenommen, sagte ein Sprecher von Scotland Yard.
Verbindung zu London 2005
Luton genießt traurige Berühmtheit spätestens seit einem heißen Tag im Juli 2005: Damals parkten vier junge Muslime am Bahnhof der Stadt ihre Autos und machten sich mit schwerbepackten Rucksäcken auf den Weg nach London. Dort riss das Mord-Quartett in vier U-Bahn-Zügen und einem roten Doppeldecker 52 Menschen in den Tod. Bei den Ermittlungen stellte sich heraus: Die Terrorzelle aus dem nordenglischen Yorkshire stand seit Jahren mit Lutoner Extremisten in Kontakt - und war zeitweilig vom Inlands-Geheimdienst MI5 observiert worden.
Gut zehn Prozent der rund 200.000 Einwohner sind Muslime, die überwiegende Mehrheit will mit Gewalt nichts zu tun haben. Offenbar gibt die Stadt aber einen Nährboden ab, auf dem sich gewaltbereite Islamisten wohlfühlen. Hier lebt der Chef der verbotenen Extremistenorganisation Al-Muhajiroun, Anjem Choudary. Muslime hätten das Recht, sich "mit allen Mitteln" gegen ihre "Unterdrückung" in Großbritannien zu wehren, hat der gelernte Anwalt (44) gesagt und damit indirekt die Suizidattentate verteidigt, die von Luton ausgingen. Anhänger des Islamistenführers protestierten mit Plakaten wie "Britische Soldaten sind Mörder und Vergewaltiger" und wurden wegen Volksverhetzung verurteilt. Aus Luton stammte auch Salahuddin Amin, den ein Londoner Gericht 2007 als Bombenexperten einer Terrorzelle zu lebenslanger Haft verurteilte.
Immer wieder mussten sich die friedfertigen Muslime Lutons vorhalten lassen, sie gingen nicht energisch genug gegen die Extremisten in den eigenen Reihen vor. Diesmal, beteuerte am Montag ein Moschee-Ältester, liege die Sache anders. "Wir haben ihn auf seine Irrtümer aufmerksam gemacht. Seitdem kam er nicht mehr zu uns", berichtete Abdul Quadeer Baksh vom Islamischen Zentrum der BBC über den Stockholmer Terroristen. Der Polizei habe man von dem Zwischenfall 2007 nichts berichtet, "schließlich hört der Geheimdienst doch sowieso überall mit".
Daran bestehen diesmal Zweifel. Die schwedischen Ermittler beteuern, bei ihnen habe es über Abdulwahab im Vorfeld keine Erkenntnisse gegeben. Ungewöhnlich deutlich nimmt jedenfalls der renommierte BBC-Sicherheitsexperte Frank Gardner den britischen Geheimdienst in die Pflicht: "Es sieht danach aus, als hätten die Behörden in diesem Fall versagt."
Den schwedischen Behörden zufolge wollte Abdulwahab weit größeren Schaden anrichten und sich in einem Bahnhof oder Kaufhaus in die Luft sprengen. Der Sprengstoffgürtel sei früher als geplant explodiert, sagte Generalstaatsanwalt Tomas Lindstrand. (Sebastian Borger aus London/DER STANDARD, Printausgabe, 14.12.2010)