Verstärktes Auftreten von Feuerquallen ist kein Medien-Hype

19. Jänner 2011, 17:26
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Forscherteam untersuchte Bestände im Nordostatlantik und im Mittelmeer - sie wachsen

Madrid - Nachdem zu Silvester im US-Bundesstaat Arkansas einige tausend Vögel tot vom Himmel gestürzt waren, wurde in den folgenden Tagen über eine Reihe vermeintlich "gleicher" Ereignisse in aller Welt berichtet (welche in Wahrheit jeweils unterschiedliche lokale Ursachen hatten). Der Effekt ist altbekannt: Ein Aufsehen erregendes Ereignis lenkt die mediale Berichterstattung plötzlich auf Phänomene, die tagtäglich vorkommen und ohne dieses Ereignis ignoriert worden wären. Dazu werden oberflächlich ähnlich wirkende Ereignisse zusammengewürfelt, bis sich das Bild eines scheinbaren Trends ergibt. Teilweise mit kuriosen Folgeerscheinungen wie Verschwörungstheorien um den bevorstehenden Weltuntergang oder den Einsatz experimenteller Waffen im Falle der diversen Vogelsterben.

Ein ähnliches Bild ergibt sich gerne, wenn wieder Bade- und Quallensaison ist. Ist es in einer Region zu einem massenhaften Auftreten von Quallen gekommen, dauert es nie lange, bis auch die Quallenpopulationen an anderen Orten ins Scheinwerferlicht rücken - Populationen von durchaus unterschiedlichen Quallenspezies mit entsprechend unterschiedlichen Rahmenbedingungen. Ist das Thema "heiß", kann die Speziesgrenze im Eifer des Gefechts sogar noch viel weiter übersprungen werden: Wie im Quallenjahr 2007, als sich der Humboldtkalmar, dessen Bestände an der amerikanischen Westküste im Wachsen begriffen sind, plötzlich in einer ganzen Reihe deutschsprachiger Medien als "50 Kilo schwere Riesenqualle" wiederfand.

Zahlen und Fakten

Umso wichtiger ist eine nüchterne Bestandsaufnahme durch Wissenschafter - erst dann kann ein Trend widerlegt oder auch bestätigt werden. Im Falle der auch als "Feuerqualle" bezeichneten Leuchtqualle Pelagia noctiluca läuft es auf eine Bestätigung hinaus: Die Zahl der Tiere, die Badegästen mit ihrem Nesselgift wochenlange Schmerzen bescheren können, ist im Nordostatlantik und im Mittelmeer tatsächlich im Steigen. So lautet das Resümee einer über 50 Jahre laufenden Studie, wie ein internationales Forscherteam im Fachjournal "Biology Letters" berichtet.

Die Leuchtqualle hat einen relativ langen und komplizierten Lebenszyklus. Teile davon finden in tieferen Wasserschichten statt und sind daher nicht sonderlich gut erforscht. Umso besser bekannt ist dafür der Lebensabschnitt, den das Tier nahe der Oberfläche verbringt. Da sich die von Fischlarven und anderem tierischen Plankton lebenden Quallen gerne in Küstennähe aufhalten, sind ihre Schwärme auch von Land aus zu sehen. Wenn ein solcher Schwarm Milliarden von Tieren enthält und sich über mehrere Quadratkilometer erstreckt, spricht man auch von einer "Blüte". 

Klarer Trend

Und solche Blüten haben sowohl an Häufigkeit als auch an Größe zugenommen, wie Forscher des Balearischen Ozeanografie-Zentrums des Spanischen Instituts für Ozeanografie (IEO) berichten. In der Nordsee reichte der Untersuchungszeitraum von 1958 bis 2007. Die Daten aus dem Mittelmeerraum gehen nicht so weit zurück, zeigen aber einen ähnlichen Trend. Massenhaftes Auftreten von Leuchtquallen folgt hier einem mehrjährigen Rhythmus - die Intervalle zwischen den Hochphasen werden jedoch seit 1998 kürzer, erklärt IEO-Forscherin María Luz Fernández de Puelles.

Die Ursachen für den Anstieg der Quallenzahl sind vielfältig, zwei Faktoren sind laut den Forschern aber besonders bedeutsam: Zum einen Überfischung, welche die Zahl der Nahrungskonkurrenten der Quallen wie auch die der Meeresräuber, die Leuchtquallen fressen, verringert. Und zum anderen die langsame Erwärmung der Meere, die den Tieren entgegenkommt. Da die Winter im Nordostatlantik wärmer geworden sind, treten die Quallen dort mittlerweile häufiger und auch länger auf. Im November 2007 sorgte ein riesiger Feuerquallenschwarm vor der irischen Küste für Aufsehen, als er auf seiner Wanderung eine Lachsfarm passierte, was 100.000 der eingesperrten Fische das Leben kostete.

In Spanien hingegen macht sich vor allem die Tourismusindustrie Sorgen wegen der Quallen. "Wir haben gezeigt, dass sie sich rasch vermehren können, wenn die Bedingungen stimmen, und dann das ganze Jahr über eine hohe Dichte erreichen können", schließt Fernández de Puelles und fordert eine genauere Untersuchung, wie sich der Quallen-Boom auf die marinen Ökosysteme auswirkt. (red)

  • Wunderschön, aber lästig - und bei massenhaftem Auftreten auch mit schwerwiegenden Folgen für Ökologie und Ökonomie
    foto: hans hillewaert

    Wunderschön, aber lästig - und bei massenhaftem Auftreten auch mit schwerwiegenden Folgen für Ökologie und Ökonomie

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