Das Anti-Lese-Land

Wer in Österreich mit der Bahn fährt, wird kaum einen Mitreisenden sehen, der ein Buch in der Hand hat

Es gibt noch einen tieferen Grund dafür, dass so viele Österreicher - und beileibe nicht nur die Schulkinder - nicht ordentlich lesen können. Die schlechte Schulpolitik, die frühe Selektion, die mangelnde Förderung der Migrantenschüler spielen ihre Rolle. Aber das alles findet auf dem Hintergrund einer jahrhundertealten Anti-Lese-Tradition statt. Österreich ist kein Leseland.

Als die Gegenreformation daranging, das zu 80 Prozent protestantische Österreich zu rekatholisieren, galt das Hauptaugenmerk der Behörde dem Auffinden von Bibeln. Wer eine Bibel zu Hause hatte - andere Bücher gab es kaum -, machte sich verdächtig. Leute, die die heiligen Schriften selber lesen wollten und sich nicht damit begnügten, zu hören, was der Pfarrer sagte, waren unerwünscht. Wenn sie verstockt blieben, wurden sie deportiert. Eine erste Vertreibung der Intelligenz, lange vor der Judenvertreibung, von der sich das Land bis heute nicht erholt hat. Das von der Gegenreformation besonders betroffene Kärnten ist ein gutes Beispiel dafür.

Das Bibellesen und damit das Lesen überhaupt wurde den Menschen ausgetrieben. Noch im 19. Jahrhundert war es verboten, Bücher aus dem Ausland zu importieren. Das Gift der Aufklärung sollte dem Lande möglichst ferngehalten werden. Die Folge war, dass im 17. und 18. Jahrhundert die Literatur in Österreich bedeutungslos blieb, während sie in Frankreich und England eine Blütezeit erlebte. Dafür blühte die Musik, die unpolitischste aller Künste. Es möge schon sein, schrieb Grillparzer, dass es in Sachsen und am Rhein Leute gäbe, die mehr in Büchern lesen. Das gilt auch heute noch.

Wer in Österreich mit der Bahn fährt, wird kaum einen Mitreisenden sehen, der ein Buch in der Hand hat. Wenn doch, ist es meistens ein Ausländer. Als ich in die Schule ging, war unsere Deutschprofessorin besonders daran interessiert, dass wir nichts "Unpassendes" lasen. Damit war für uns arrogante Fratzen natürlich alles, was die Lehrerin empfahl, automatisch gestorben. Was sie gut fand, konnte einfach nicht gut sein. Im Unterricht lasen wir Stifter und Wildgans, Autoren, die ich - ungerechterweise - später nie wieder angerührt habe.

Schlechter Deutschunterricht kann Jugendlichen die Literatur und das Lesen auch für immer verleiden. Umgekehrt kann ein guter Deutschlehrer seine Schüler natürlich auch für die Literatur begeistern. Man muss fairerweise sagen, dass es solche Lehrer nach wie vor gibt. Aber dass Lesen eine Freude sein kann, ein Tor zur Welt, ist im allgemeinen Bewusstsein nicht wirklich verbreitet. Die Texte, die den zum Deutschlernen verdonnerten Migranten und Migrantinnen in den Integrationskursen des Innenministeriums verordnet werden, sind vor allem sogenannte Alltagstexte - Formulare, Ankündigungen, Verordnungen. So etwas soll der Zuwanderer verstehen, um sich hierzulande zurechtzufinden. Aber Freude an der Sprache wird dadurch nicht vermittelt, eher im Gegenteil. Ich beispielsweise kann Gebrauchsanweisungen, die meist in schauderhaftem Deutsch abgefasst sind, bis heute nicht "sinnerfassend" lesen.

Pisa war ein Schock. Aber wenn wir wollen, dass die Kinder künftig gut lesen, müssen wir zuerst einmal darauf schauen, dass sie gern lesen. (Barbara Coudenhove-Kalergi, DER STANDARD, Printausgabe, 14.12.2010)

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