Ohne Angst vor Kosten können wohnungs- und obdachlose Menschen ihre Haustiere im Neunerhaus in Wien-Landstraße behandeln lassen
"Das Tier überlegt nicht, ob man alleine oder arm ist", sagt Tierärztin Eva Wistrela-Lacek. Gemeinsam mit sieben anderen Veterinärmedizinern und acht Helfern betreut sie eine kostenlose tierärztliche Versorgungsstelle im Neunerhaus in der Hagenmüllergasse im dritten Wiener Gemeindebezirk. Vier Tage in der Woche können die Tierärzte schon ihre
Dienste anbieten, ein fünfter Tag ist geplant. Alle obdach- und wohnungslosen Menschen in Wien können sich an diese Stelle wenden, wenn ihre Tiere krank sind, geimpft oder gechipt werden müssen. Die Behandlungen sind kostenlos.
Das Neunerhaus stellt die Räumlichkeiten zur Verfügung, Tierärzte,
Sozialbetreuer und Helfer sind ehrenamtlich tätig. Auch wenn keine Personalkosten anfallen, aber Wurmkuren, Augensalben oder das Verarzten von Bisswunden kostet eben Geld: Die Tierärzte sind auf Spenden angewiesen, um das Service
weiterhin anbieten zu können. "Wir haben ausgerechnet, dass wir nächstes Jahr 30.000 Euro brauchen werden. Es ist zwar sehr schön, wenn wir etwas geschenkt bekommen, aber damit können wir nicht kalkulieren", sagt Wistrela-Lacek.
"Verantwortung nicht wegschmeissen"
Die Basisversorgung umfasst Impfung, Befreien von Parasiten, chipen
und registrieren. Viele Tiere werden auch kastriert - "auch um dem
Welpenhandel vorzubeugen", informiert Tierärztin Wistrela-Lacek. Zwei
Tage im Monat konnte ein Chirurg für schwierigere Operationen gewonnen
werden. Alleine im November wurden 61 Hunde und 24 Katzen behandelt.
Fälle von Vernachlässigung seien ihr bislang nicht begegnet, sagt die Tierärztin: "Die
Tiere sind wohlgenährt und gepflegt, da sehe ich in meiner privaten
Ordination Tiere in weitaus schlimmerem Zustand." Es komme vor, dass
bevor der Halter sich etwas zu essen besorgt, sein Hund längst satt sei.
"Nur weil sie ihr Obdach verlieren, schmeißen die Leute ihre Verantwortung
für das Tier nicht gleich weg", sagt Wistrela-Lacek.
Einstieg in ein geregeltes Leben
Es gehe bei dem Projekt nicht nur um den Tierschutz, sondern vor allem auch um das Wohl der Besitzer, betont Geschäftsführer Markus Reiter. Das Tier könne ein wichtiger Baustein sein, um wieder den Einstieg in ein
geregeltes Leben zu schaffen. Daher sind in den Einrichtungen des Neunerhauses Tiere willkommen. "Der Ansatz ist, die Menschen mit all ihren Bedürfnissen anzunehmen und bedarfsgerechte Unterstützung auf allen Ebenen zu bieten. Daher ist auch eine veterinär-medizinische Basisversorgung notwendig", sagt Reiter.
Von dem Angebot des Neunerhauses profitieren ebenso Bewohner anderer Einrichtungen: Denn wohnungs- und obdachlose Menschen dürfen in den Häusern, in denen Haustiere erlaubt sind, nur leben, wenn ihre Tiere gesund und registriert sind. Diese Vorgaben sind mit einer finanziellen Belastung verbunden: In der Hagenmüllergasse können sie ihre Tiere ohne Angst vor Kosten behandeln lassen. (jus, derStandard.at, 22. Dezember 2010)
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