Guttenberg ist der erste deutsche Minister, der seine Ehefrau mit ins Einsatzgebiet nimmt - Johannes B. Kerner plant, Talkshow vor Ort aufzuzeichnen
Masar-i-Sharif - Der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg ist gemeinsam mit seiner Ehefrau Stephanie zu einem Überraschungsbesuch in Afghanistan eingetroffen. Nach einem Zwischenstopp im nordafghanischen Stützpunkt der deutschen Bundeswehr, Masar-i-Sharif, trafen beide am Montagmorgen im Feldlager in Kunduz ein.
Begleitet werden die Guttenbergs von den Ministerpräsidenten Niedersachsens und Sachsen-Anhalts, David McAllister und Wolfgang Böhmer. Zur Delegation zählt auch Johannes B. Kerner, der in Afghanistan eine Talkshow mit dem Verteidigungsminister und mit Soldaten aufzeichnen will. Stephanie zu Guttenberg will während des Aufenthaltes in Afghanistan ein Feldlazarett besuchen und vor allem mit deutschen Soldatinnen reden.
Guttenberg ist der erste deutsche Minister, der seine Ehefrau mit ins Einsatzgebiet nimmt. Im Frühjahr war bereits der damalige deutsche Bundespräsident Horst Köhler in Begleitung seiner Ehefrau zu einem Truppenbesuch in Nordafghanistan. Eine umstrittene Äußerung in einem Interview auf dem Rückflug nach Deutschland wurde später zu einem Grund für Köhlers Rücktritt.
Gemischte Afghanistan-Bilanz
Deutschland legt neun Jahre nach dem Start des Afghanistan-Einsatzes erstmals eine offizielle Zwischenbilanz mit einem sehr gemischten Ergebnis vor. In dem Fortschrittsbericht der deutschen Bundesregierung wird neben Erfolgen im Bildungswesen sowie in der Strom- und Wasserversorgung die anhaltende Korruption als einer der Hauptkritikpunkte aufgeführt. Auch die Menschenrechtslage, die sich seit dem Sturz des Taliban-Regimes verbessert habe, entspreche nicht internationalen Standards, hieß es am Montag aus Regierungskreisen in Berlin.
Als Beginn des Abzugs deutscher Truppen vom Hindukusch wird in dem Fortschrittsbericht der Bundesregierung der Zeitraum Ende 2011/2012 genannt. Dieser Abzug von Bundeswehreinheiten sei an Verbesserungen der Sicherheitslage gebunden und nicht an bestimmte Daten, wurde von offizieller Seite bekräftigt. Bereits im ersten Halbjahr kommenden Jahres sollen die ersten von der internationalen Schutztruppe ISAF kontrollierten Regionen am Hindukusch in afghanische Verantwortung übergeben werden. Erwartet wird, dass darunter auch eine Region im Norden des Landes ist, die unter deutscher Verantwortung steht.
Von deutscher Seite wurde darauf hingewiesen, dass das Jahr 2010 einen Strategiewechsel für die internationale Gemeinschaft gebracht habe. Mit der Londoner Afghanistan-Konferenz Anfang des Jahres sei Realismus eingekehrt. Drei Punkte bestimmten jetzt das internationale Engagement: Schaffung von hinreichender Sicherheit und Gewährleistung fundamentaler Menschenrechte, zweitens der Beginn eines innerafghanischen Versöhnungsprozesses sowie drittens ein Transitionskonzept zur Übergabe der Sicherheitsverantwortung bis Ende 2014.
Zugleich wurde in Regierungskreisen die Erwartung an einen schnellen Abzug der Bundeswehr gedämpft. "Die Übergabe der Verantwortung an die afghanischen Sicherheitsbehörden bedeutet nicht per se einen Abzug, sondern ist die Voraussetzung dafür", hieß es. Daher sei in dem Fortschrittsbericht auch kein konkretes Datum für den Beginn des Truppenabzugs genannt worden. Denn eine Übergabe der Verantwortung an die Afghanen müsse "irreversibel" sein. Das große Ziel bleibe, bis Ende 2014 keine Kampftruppen der ISAF mehr auf Afghanistans Straßen zu haben. (APA/dpa)