Julia Raabe

Schiffbruch (vorerst) abgewendet

12. Dezember 2010, 18:16

Der Gipfel in Cancún bietet die Chance, das verlorene Vertrauen wieder aufzubauen

Die Mannschaft eines leckgeschlagenen Schiffes hat sich nach langem Streit darauf verständigt, nicht ertrinken zu wollen. Eigentlich weiß zwar jeder, was zu tun wäre. Doch sie beschließt, zunächst ein bisschen Ballast abzuwerfen und weiter darüber zu diskutieren, wie man die Lecks stopfen kann - wofür es immerhin schon einige Ideen gibt.

Jeder normale Passagier würde wohl angesichts dieser Lage die Besatzung für verrückt erklären oder gänzlich in Panik geraten. Nicht so die 194 Delegationen, die sich auf dem diesjährigen UN-Klimagipfel in Cancún gerade auf genau so einen Kompromiss geeinigt haben: Sie feiern das überschwänglich als einen Erfolg.

Kein Wunder: Man hatte ja schon fast fix damit gerechnet, Schiffbruch zu erleiden. Wer in Kategorien des nationalen Interesses denkt, kann auf eine gemeinsame Bedrohung nicht reagieren - das war die Lektion aus dem gescheiterten Gipfel in Kopenhagen. Und auch in Cancún sah es zunächst danach aus, als würden sich die Nationalstaaten nicht aus dieser Logik befreien können.

Nun gibt es wieder etwas Hoffnung, eine Chance, weil sich die Staaten zumindest auf einige Punkte des weiteren Fahrplans geeinigt haben: Sie wollen die Erderwärmung auf unter zwei Grad begrenzen, den armen Länder Geld für Klimaschutzmaßnahmen geben und die Entwaldung stoppen.

Doch bisher sind das Absichtserklärungen. Wer das verloren gegangene Vertrauen in die Handlungsfähigkeit der Nationalstaaten wiedergewinnen will, muss diese Beschlüsse in den kommenden Monaten in die Realität umsetzen - allen voran die Finanzhilfen für die armen Staaten. Die Kluft zwischen Entwicklungs- und Industrieländern hat die Verhandlungen schon viel zu lange blockiert.

Geschieht das nicht bis zum nächsten Gipfel im südafrikanischen Durban Ende 2011, könnte dann schnell wieder alles auf dem Spiel stehen. Denn die wichtigsten Fragen, die auch den Cancún-Gipfel fast zum Scheitern gebracht haben, wurden wieder einmal aufgeschoben: Was passiert, wenn die erste Verpflichtungsperiode des Kioto-Protokolls ausläuft, das die Industriestaaten (bis auf die USA) dazu verpflichtet, ihre Emissionen zu senken? Soll es eine zweite Periode geben? Länder wie Japan und Russland winken jetzt schon ab. Wie weit müssen große Schwellenländer wie China und Indien ihre Emissionen senken? Und muss der neue Klimavertrag für alle rechtlich bindend sein? Um die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels abzuwenden, muss es auch darauf Antworten geben.

Wie es auch anders gehen kann, zeigen Initiativen wie das Netzwerk Klimaschutz-Modellregionen, in dem Oberösterreich Mitglied ist, oder das von Kalifornien im November initiierte Klimabündnis "R20" : Hier haben sich jeweils Regionen aus aller Welt zusammengeschlossen, die im Klimaschutz schneller voranschreiten als ihre nationalen Regierungen. Der Klimawandel als Chance, lautet das Motto - vor allem als eine wirtschaftliche.

Prognosen sagen in den kommenden Jahren Milliardeninvestitionen in erneuerbare Energien voraus - 1,7 Billionen Dollar bis 2020, lauten die Schätzungen. Wenn die Regierungen erkennen, dass eine Vorreiterrolle beim Klimaschutz wirtschaftliche Vorteile bringt, wäre das zwar nicht die Überwindung der nationalen Interessen. Aber diese dienten dann durchaus dem Interesse der Menschheit. (Julia Raabe/DER STADARD, Printausgabe, 13.12.2010)

Kommentar posten
18 Postings
papst benedikt
00
13.12.2010, 17:48

so wie in allen belangen lassen wir uns einmal mehr mit einer "hoffnung" abspeisen. den hurramedien reicht es, und wir menschen sind sowieso allen egal.

WAKU
00
13.12.2010, 16:02
Nichts ist abgewendet!

Alles ist wieder mal aufgeschoben, sonst garnichts. Die Arrogante Annahme man könne reagieren auf Temperatursteigerungen,- die 1,5°C Zauberantwort, ist einfach unsachlich und mediengerechtes Verdummen.
Als ob irgend eine Macht der Erde die Vorgänge plötzlich einfrieren könnte.

Protagoras v. Abdera
02
13.12.2010, 12:25
Weiß nicht, was es hier zu feiern gibt

Sämtliche "Kompromisse" in Cancún sind unverbindlich und daher nicht mehr als Lippenbekenntnisse. Wer sich die Praxis der entwickelten Länder im Fall von Katastrophen oder Kriegsschäden ansieht, vor allem wie weit "commitments" und tatsächliche Hilfe auseinanderklaffen, kann über den Entwicklungsfonds nur herzlich lachen. Wie wird Österreich den dotieren, wenn es in den nächsten jahren 83 Mio. im Entwicklungsbudget einspart? Anstelle des Jubels wäre hingegen ein Beschäftignug mit den Gründen erforderlich, die Bolivien als einziges Land nicht zustimmen ließen (hoch leben die "Nervensägen", Hr. Adrowitzer): Ein Umstieg auf neue Produktionsweisen (Agrrastreibstoffe) schafft nur neue Probleme (Regenwald). Systemwechsel heißt die Agenda!

flotter denker
00
13.12.2010, 10:48
Ahhrg - und ich hatte schon Hoffnung geschoepft, der Unsinn hoert auf

Kann er aber nicht, weil die Konferenztouristen weiter Reisebudgets brauchen.

Armin Beh
01
13.12.2010, 10:20

Aufruf zur Bevölkerungsredzierung (Pfui) und das schwindlige "Cap-and-Trade" System (welches - als Incentive - KEINE Verschmutzung reduziert) zur indirekten Besteuerung der ohnehin schwächelnden Wirtschaft... grosse Sprünge wurde da nicht gemacht.

parapente
10
13.12.2010, 09:23
Sehr teure und unnötige

Veranstaltung. Und Punkt.

flymann
10
13.12.2010, 09:16
warum sagt keiner, dass einfach viel zu viele menschen auf dieser welt sind ?

irgendwann kommts sowieso zum grossen krach.

dasandere
01
13.12.2010, 11:37
weil es schlicht nicht stimmt.

und zwar seit Malthus nicht.

sterngucker
 
12
13.12.2010, 13:18
Natürlich stimmt es

Und daß Malthus sich hinsichtich der Produktivitätssteigerung der Landwirtschaft verschätzt hat, ist kein Argument für grenzenloses Wachstum.

Grisu der kleine Drache
00
13.12.2010, 14:09

In fast allen Teilen der Welt fallen die Geburtenraten seit Jahrzehnten, der Höhepunkt der "Bevölkerungsexplosion" war in den 80ern (in absoluten Zahlen) bzw. 60ern (in Prozent). Die Weltbevölkerung wird sich wohl bei ca. 10 Mrd. stabilisieren. Es gibt also kein grenzenloses Bevölkerungswachstum.

www.dsw-online.de

Bleibt die Frage, ob 10 Mrd. Menschen zuviele sind. Die Antwort auf diese Frage hängt massiv von der Wirtschafts- und Lebensweise ab. Heute lebt 1 Mrd. in Wohlstand, die Umwelt geht zugrunde. Ich bin überzeugt, dass 10 Mrd. Menschen nachhaltig in Wohlstand leben können. Die Frage ist, ob wir den Umstieg auf einen nachhaltige Wirtschaft (geschlossene Wirtschaftskreisläufe, EE, Naturschutz ...) rasch genug schaffen.

alcharismi
 
00
13.12.2010, 15:43

Wie geht's den Fischen? Wie geht's dem Regenwald? Gerade ein kleiner Drache sollte doch wohl einen besseren Einblick in globale Zusammenhänge haben, nein?

Grisu der kleine Drache
00
13.12.2010, 17:52

Den Fischen geht´s schlecht, dem Regenwald auch, und ich kann mich nicht erinnern, je etwas anderes behauptet zu haben.

Aber was hat das mit meinem Posting zu tun?

sterngucker
 
00
13.12.2010, 11:11
Es stimmt nicht, daß das keiner sagt:

http://www.guardian.co.uk/commentis... wer-babies

Rent a Democracy
02
12.12.2010, 23:38
Wie kann man nur immer noch glauben, dass da was vernünftiges passieren wird?

Man wird diese schönen Reisen der Diplomaten auf irgendwelche Gipfel nicht einstellen - schließlich muss man ja auch auf diesem Gebiet Aktivität simulieren -, aber zugleich werden die Abschlüsse dieser Gipfel so vage und unverbindlich bleiben, wie dieser. Echt gehandelt wird bestenfalls werden, wenn der Schaden nicht mehr zu leugnen ist und sich bereits massiv auswirkt.

Besser wäre es vielleicht, die verursachenden Unternehmen zur Teilnahme zu zwingen und ihnen für jedes zehntel Grad an Erderwärmung drakonische Strafmaßnahmen anzukündigen, die dann auch durchgezogen würden. Wetten, das würde besser funktionieren, als wenn die von der Globalisierung entmachteten Nationalstaaten verhandeln?

Thomas Anton
12
12.12.2010, 20:08
10BRUSSELS4

Van Rompuy called the Copenhagen Conference a disaster in which Europe was excluded and mistreated. He predicted Mexico COP 16 would be a disaster as well, and added that multilateral conferences would not resolve the climate problem. He proposed coming to an agreement between the EU and the United States during the possible upcoming U.S. - EU Summit in Madrid, and then approaching China to achieve a workable solution...

...he (Van Rompuy) was as animated and as frustrated as I have seen him. He thought that Europe had been “totally excluded” and was “mistreated.” He thought the only saving grace was that he was not there. Van Rompuy said, “had I been there, my Presidency would have been over before it began.”

Citizen
12
12.12.2010, 22:34

Quelle bitte?

Amenhotep IV
00
13.12.2010, 11:25
Pepi friß weniger
01
13.12.2010, 04:05
10BRUSSELS4

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.