Einserkast RAU

"Märtyrer der Wahrheit"

10. Dezember 2010, 18:55

Julian Assange fordert sein Jahrhundert in die Schranken

Wikileaks-Gründer Julian Assange, Eintrag im Blog August 2007 (zitiert nach der Süddeutschen): "Hier ist nun die Wahrheit, die Sie frei machen wird ... für die Befreier und Märtyrer der Wahrheit, für die Voltaires, Galileos und Principias der Wahrheit, für die Gutenbergs, Marconis und Internets der Wahrheit, für die Serienmörder der Täuschung, jene brutalen, getriebenen und besessenen Bergleute der Wirklichkeit, die jedes vermoderte Gebäude zerschmettern, zerschmettern, zerschmettern, bis alles in Ruinen liegt, für die Saat des Neuen."

Ein bisschen kleiner haben Sie's nicht? Nein, denn hier fordert einer sein Jahrhundert in die Schranken, hier will einer nicht "Skandale aufdecken" und systemimmanent reformieren, sondern gleich der ganze Krempel soll in die Luft gehen.

Kriegsverbrechen der Amerikaner im Irak, damit fängt er einmal an, aber die nächste Großlieferung soll gleich alle Paranoiker weltweit aufjagen. Durch die Veröffentlichung der Cables sind keine Menschen zu Schaden gekommen? Na, abwarten, wie das iranische Regime auf die Anregung der Araber reagiert, ihm militärisch den Garaus zu machen. Und was sich Nordkorea einfallen lässt, das von einem chinesischen Diplomaten abgeschrieben wurde. Wer sich derart als "Märtyrer" der "Wahrheit" sieht, wer "zerschmettern" will, bis "alles" in Ruinen liegt, dessen Vorstellung vom "Neuen" sollte äußerst kritisch betrachtet werden. (rau/DER STANDARD, Printausgabe, 11./12.12.2010)

 

 

Kommentar posten
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mikromalist
 
01
13.12.2010, 09:31
Auch gestern in der TV Diskussion,

die "Etablierten" begreifen es einfach nicht was da geschieht. Pelinka war geradezu peinlich in seinem Versuch die Diskussion in Richtung "verantwortlichen Journalismus" zu lenken (Ich musste zwischenzeitlich weg schalten, so peinlich .. ) .
So diskutiert jemand, der die Felle davon schwimmen sieht.
Es geht um Schwarm-Intelligenz. Es geht um ein Geben-und-Nehmen ohne Geld. Es geht um Demokratisierung von Wissen. Es geht um völlige Verflachung von Hierarchien. Es geht um die Versenkung des Vorgekauten ....

p.s. ich habe den Print-Standard nur aus Fairness abonniert. Ich lese ihn nicht mehr, weil HIER erfahre ich viel mehr. Hier erhält meine Meinung Korrektive, Verstärker, Ablehnung, und sogar (völlig OK) Schimpf.

LadyDoolittle
00
12.12.2010, 17:55
Wie funktioniert unsere Gesellschaft?

Auf Strafandrohung. Jeder, der Unrecht begeht, muss mit Aufdeckung und Strafe rechnen.

Nur so kann Ordnung herrschen. Das beste Beispiel ist, wenn durch äußere Umstände kein Rechtsraum mehr besteht.

Dann zeigt der Mensch seine (leider) wahre Natur.

Es darf also niemand geben, der sich im "straffreien Raum" befindet. Jeder muss mit Aufdeckung rechnen, damit, zur Verantwortung für sein Handeln gezogen zu werden.

Jeder, in Politik, in der Wirtschaft und auch im Krieg.
Auch im Kriegsfall gibt es die Genfer Konvention.

Menschenrechtsverletzungen begehen Einzelne, nicht das System.

Zivilcourage ist auf beiden Seiten gefordert - für eine bessere Welt.

biberkopf
00
12.12.2010, 17:31

herr rauscher, im internet würd' man jetzt sagen: "fail!"

flankierende maßnahme
01
12.12.2010, 17:28
uijegerl, da ist aber jemand ordentlich beleidigt,

weil er nicht nach bewährter manier "schleusenwärter" und moralischen oberzensor für das dumme volk spielen kann, dass er in dieser sache einmal kein herrschaftswissen hat, das nach gutdünken eingesetzt werden kann. der medienlogik folgend wird eine geschichte, die nicht im eigenen medium als erstes veröffentlicht wurde, natürlich schlecht gemacht. der assange mag eine wunderliche type sein, die meisten (österreichischen) journalisten sind nicht weniger wunderlich und geltungssüchtig. anstatt die depeschen als das zu nehmen, was sie sind, nämlich ein wirksames werkzeug zur aufdeckung von missständen, wird auf moralischer oberlehrer gemacht, als wäre moral irgendwann eine kategorie im (heimischen) medienwesen gewesen.

AbdA
23
12.12.2010, 16:35
Es ist nicht Assange,

der hier alles in Schutt und Asche legt.
Er zeigt nur auf, wer das tatsächlich macht - um den Boden für einen anständigen Neubeginn vorzubereiten.
Dafür sollten wir ihm alle dankbar sein.

Bekka
 
23
12.12.2010, 16:04
also zusammengefasst:

der böse ist nicht derjenige, der eine untat begeht oder eine abwertende äußerung macht.

der böse ist der, der das an die öffentlichkeit bringt.

interessant.

oblomow II
12
12.12.2010, 15:07
zu viel der aufmerksamkeit ....

... mich erinnert bisher das ganze getue eher an den kreißenden berg und die maus ...

und was manche krähwinkler hierorts für eine revolution halten ... den mantel drüber

Lilith Boessse
 
27
12.12.2010, 14:10
und wieder:

was ist die alternative?

die "mächtigen" weiter lügen lassen? alles weiter unter den teppich kehren? blinder gehorsam?
sollen die machen was sie wollen - denn sie wollen ja nur unser bestes?

ich denk ja gar nicht, dass es früher anders war, aber dass wir jetzt mal mitbekommen, was für eine scheixxe da läuft, finde ich sehr spannend. und ich fühle mich NICHT geschützter, wenn diese "wahrheiten" vertuscht werden!! wenn die können, machen die mit uns was wollen. warum sollten sie auch nicht, wenn man sie lässt?

da spricht schon ein geballte ladung an neid aus unseren österr. journalisten, die es nicht mal schaffen, den österr. sumpf halbwegs aufzuzeigen!

Cuniculi
18
12.12.2010, 10:28
Weil die herkömmlichen Medien als Kontrollinstanz versagen

Über Assange mag man geteilter Meinung sein. Worum es im Kern geht, ist, daß die Rolle der Medien als 4. Säule der Gewaltentrennung, als demokratische Kontrollinstanz, nicht wirklich funktioniert.

Beispiel Korruption. Die jüngsten Berichte von Transparency International zeigen auch in Österreich nur die Spitze es Eisbergs auf. Z.B. weiß jedes Unternehmen, das von der Stadt Wien Aufträge erhalten will, ein Lied davon zu singen. Das ist bekannt. Und was steht davon in den Medien? Nichts!

Übrigens: Die Wiener Grünen hätten im Rahmen der Koalitionsverhandlungen eigentlich zeigen können, daß man gemäß politischer Transparenz diese Verhandlungen öffentlich(er) hätte führen müssen. Statt dessen: Mauscheleien hinter verschlossenen Türen.

erkelteter tiger
310
12.12.2010, 02:48
die ertappten lügner

die kriege aufgrund der lüge führen, wo täglich unschuldige ermordet werden,
verstecken sich jetzt hinter einem schutzschild aus menschen, die möglicherweise in gefahr sind, weil jemand die wahrheit sagt.

aber diese menschen sind in gefahr, weil die lügner lügen, nicht weil die lügen aufgedeckt werden.

mikromalist
 
23
11.12.2010, 22:49
Das Netzt hat das Reisebüro verändert,

die Arbeit von Professoren, Künstlern, es geht zu Lasten der Briefträger und selbst Programmieren ist anders im Cloud, wir kaufen nicht nur im Sky, sondern erwerben Wissen ... Es wird neuen Journalismus begünstigen und sogar Politiker werden sich ändern MUESSEN.
Nichts scheinen sie mehr zu fürchten. Deshalb fahren sie noch einmal richtig die Bajonette auf gegen ihre undankbaren Untertanen, denen sie doch so viele Almosen ....
Zuerst stehen sich die Fundamentalisten wutentbrannt gegenüber ....

erkelteter tiger
47
11.12.2010, 18:48
eine kleine gruppe hält

mit ihren veröffentlichungen die welt in atem,

da kann der journalist eines lokalblattes schon ins grübeln kommen.

Der Mann der Straße
12
11.12.2010, 17:55
„Jemanden in die Schranken fordern" ist eine unglaubliche "bochane" Formulierung. Gebacken also.

Albacken im wahrsten Sinne des Wortes. Mittelalt gebacken sogar.

Warum schreibt eine Edelfeder sowas?

Um zu zeigen, welche Redewendungen man kennt?

Kann man ein Jahrhundert überhaupt in die Schranken fordern? Was meint Rau damit?

Bezogen haben sich die Schranken ja auf die abgeteilte Arena zum ritterlichen Zweikampf (Turnier). Jemanden 'in die Schranken fordern' bedeutete für den Angesprochenen somit das Ende des Feierns und statt dessen das Anlegen der Rüstung.

Georg Nitsche1
24
12.12.2010, 00:23

"Das waren noch Zeiten, als Johann Nestroy gegen die Zensur aufstand. In Graz war 1830 der "Don Carlos" abgesetzt worden, weil das Publikum bei dem Satz "Arm in Arm mit dir, so fordr' ich mein Jahrhundert in die Schranken!" seinen Freiheitsdrang gezeigt hatte. Statt dessen kam "Figaros Hochzeit" auf den Spielplan. Nestroy, der die Rolle Bartolos sang, nahm den Intriganten Basilius unter den Arm und führte ihn dicht an die Rampe. Dort zögerte er unter wachsender Spannung des Publikums und sagte schließlich: "Arm in Arm mit dir, so fordr' ich Beschränktheit fürs Jahrhundert." Nach einem orkanartigen Lachsturm musste Nestroy verkleidet aus dem Fester klettern, um der Polizei zu entkommen, wurde später aber dennoch in Wien verhaftet."

Der Mann der Straße
00
12.12.2010, 23:58
Alles klar! Man lernt nie aus, danke!

Warentester
39
11.12.2010, 17:24

Hehe, Rau fürchtet anscheinend schon um sein warmes Platzerl im System. Aber es wird nicht helfen, früher oder später wehen die Stürme der Geschichte zu stark und fegen alles Morsche hinweg.

rätätä, rätätä ...
00
12.12.2010, 15:02

Ja, ich kann den heissen Atem der Vorsehung auch schon im Genick spüren. Geil!

Meerwelle
63
11.12.2010, 17:44

"Aber es wird nicht helfen, früher oder später wehen die Stürme der Geschichte zu stark und fegen alles Morsche hinweg." Mein Gott, das hat der olle Lening auch gesagt und dann brauchte es Jahre um den depperten Stalin loszuwerden und Jahrzehnte bis der Kommunismus endlich zusammengebrochen ist.

Ich persönlich finde den Pathos dieser Art von Aussagen unerträglich.

Bertel Mann
25
12.12.2010, 13:53
Ich persönlich finde es hingegen unerträglich,...

...wenn in einer selbsternannten Qualitätszeitung darüber räsoniert wird, dass unter Umständen, vielleicht - man wird sehen - der Iran irgendwann, irgendwie, nichts genaues weiss man nicht, reagieren wird, und man andererseits komplett ignoriert, dass ein fundamentalistisches Regime, zu dessen Staatsbürgern die überwiegende Mehrheit der Attentäter des 11. September zählte, das allerdings unser Schweinehund ist, dass also ein solches Regime einen Krieg gegen den Iran anregt.
Wobei man davon ausgehen kann, dass der Iran durch solche Veröffentlichungen nicht überrascht ist allerdings können unsere Medien solche Fakten nicht mehr unter den Tisch kehren wie bisher.

Aber wenn Sie sich auf das Pathos von Postings konzentrieren wollen...

mikemey
48
11.12.2010, 17:03

Na, riechen Sie schon den Duft (und die Angst) von Revolution, Herr Rauscher? :-)

Da werden nun mal Mauern eingerissen - und zwar jene Mauern der Angst, Repression, Täuschung und Lüge die jeden von uns ständig umgibt. Habens Sie nicht auch satt? Um einen großartigen Film zu zitieren:
http://www.youtube.com/watch?v=r... re=related

Albert Wittwer
17
11.12.2010, 16:31
Herrschaftswissen will Geheimhaltung?

Per poter vivere e rafforziarsi una democrazia ha bisgno della massima estensione del rapporto di fiducia reciproca fra I cittadini, e quindi di bandire quanto es possible la strategia della simulazione e dell’ inganno (il che vuol dire anche ridurre quanto e possible lo spazio del segreto)…Un buon cretirio per valutare lo scarto tra ideale e reale ….e quello di prendere in considerazione quanta parte delle relazione politiche siano ancora coperto da segrete (che favorisce l’arte della menzogna)…
Norberto Bobbio
In Kürze: Demokratie existiert nur mit Transparenz.
Glauben Sie wirklich, daß die Machthaber überrascht sind, was so in der Diplomatie wechselseitig geriebelt wird?
Pathos ist für die Herrschenden zu reservieren?

unschuldsvermutungsrettungsschirm
211
11.12.2010, 14:27
Natürlich kann man WikiLeaks auf J. Assange reduzieren,

und diesen wiederum auf ein paar aus dem Zusammenhang gerissene Zitate reduzieren.

Dieses Verkürzen und aus dem Zusammenhang reißen der althergebrachten Medien und deren Journalisten ist aber vielleicht auch einer der Gründe, warum WikiLeaks so populär geworden ist und weltweit so viele Unterstützer gefunden hat.

Viele Menschen wollen sich die Tatsachen und Fakten über diese Welt und deren Entscheidungsträger nicht mehr "vorschreiben" lassen.

papst benedikt
119
11.12.2010, 14:15

kommt ihnen das nicht seltsam vor? "zerschmettert" wurde der irak, afghanistan, viele unschuldige dort. richtig zerschmettert: mit blut, mit wunden, mit tod.
tatsächliche opfer. zigtausende menschen, die nachweislich gestorben sind.
und sie kommen mit dem "schaden" daher, den die cables "angeblich" anrichten "könnten", können aber keinen einzigen konkret anführen?
mir kommt sowas seltsam vor, aber wahscheinlich bin ich nicht "kritisch" genug.

bitte nicht
27
11.12.2010, 13:08
warum ist assange "böse" und die aufdecker von watergate journalistische heilige?

ich sehe da den unterschied ehrlich gesagt nicht.

Meerwelle
61
11.12.2010, 17:20

Warten sie ein wenig ab, dann wird sich die Frage von selbst beantworten.
Und bei ein wenig Ehrlichkeit sich selbst gegenüber werden sie es vermutlich dann selber auch sehen.

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