Die geplatzten Wetten der Anglo Irish

András Szigetvari
10. Dezember 2010, 17:50

Riskante Finanzdeals und Darlehen an den eigenen Vorstand haben den Niedergang der Anglo Irish Bank beschleunigt

Riskante Finanzdeals und Darlehen an den eigenen Vorstand haben den Niedergang der Anglo Irish Bank beschleunigt. Die Polizei ermittelt. Anklagen gibt es bisher aber nicht. Die Opposition wittert Korruption in großem Stil.

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Die Dublin Docks waren einst ein prominentes Symbol für die bittere Armut in Irland. Dort, wo der Fluss Liffey die irische Hauptstadt in Nord und Süd teilt, reihten sich bis in die 1980er-Jahre heruntergekommene Lagerhallen und abbruchreife Mietshäuser aneinander. Die Gegend war zwielichtig, erzählen Dubliner.

Dann kam der rasante Aufschwung. Hotels, schicke Geschäfte und jede Menge Banken zogen in die Docks. Auch Seán FitzPatrick wollte hier den Erfolg seiner Anglo Irish Bank mit einem Prunkbau krönen. 2007 gab das Bauamt dem Anglo-Vorsitzenden grünes Licht. Doch dann folgte der Absturz: Anglo wurde verstaatlicht. FitzPatrick musste seinen Hut nehmen, und der Prunkbau ist bis heute ein unfertiges Skelett.

Zwielichtige Deals

Das Desaster bei Anglo prägt aber nicht nur das Stadtbild Dublins, sondern wird in den kommenden Jahren auch die Gerichte des Landes beschäftigen. Denn die 2009 verstaatlichte Bank, in die bisher 22 Milliarden Euro Steuergeld geflossen sind, ist in eine Reihe zwielichtiger Deals verwickelt. Im Zentrum steht dabei der frühere Bankchef FitzPatrick selbst. Er ist laut dem irischen Ökonomen Alen Barrett "heute der mit Abstand meistgehasste Bürger".

FitzPatrick musste Ende 2008 zurücktreten. Wie sich herausstellte, hatte er sich einen 87-Millionen-Euro-Kredit bei seiner eigenen Bank genommen. Damit der Deal nicht in der Bilanz auftauchte, transferierte er das Geld über einen Zeitraum von acht Jahren stets im Dezember zu einer Konkurrenzbank, der Nationwide Building Society. In seiner Rücktrittserklärung gestand FitzPatrick unethisches Verhalten zwar ein, erklärte jedoch, rechtlich korrekt gehandelt zu haben. Inwieweit die restliche Führung von Anglo informiert war, ist unklar. Denn: Nahezu das gesamte Direktorium war bei der eigenen Bank verschuldet. Anglo klagt derzeit etwa den früheren Bank-CEO David Drumm in den USA auf Rückzahlung von Krediten. FitzPatrick, heute in Privatkonkurs, schuldet Anglo 110 Millionen Euro; gegen ihn und andere Direktoren ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Doch FitzPatrick ist "unser kleineres Problem", heißt es in der Zentrale von Anglo, wo längst ein staatlich ernanntes Direktorium die Führung übernommen hat. Das große Problem heißt Seán Quinn. Quinn ist Chef der Quinn-Group, zu der Hotels, Versicherungen und Baufirmen gehören.

Kursmanipulation

Im Sommer 2008 stellte sich heraus, dass Quinn massive Finanzwetten auf Anglo abgeschlossen hatte. Bei diesen Contracts for Difference (CFD) genannten Geschäften sagt ein Verkäufer einem Käufer zu, die Differenz zwischen aktuellem und künftigem Preis eines Produktes zu zahlen. CFD sind hochriskant und in den USA sogar verboten. Quinn trat als Käufer auf. Er spekulierte auf einen Kursanstieg bei Anglo. Mit der Zeit erwarb er laut irischen Medien CFDs im Wert von 25 Prozent des realen Aktienbestandes von Anglo. Aber Quinns Wetten gingen schief, Anglo fiel bereits an den Märkten.

Plötzlich bedrohten die Spekulationen Anglo direkt: Bei CFD-Geschäften kauft der Wettpartner einen Teil der Aktien, auf die gewettet wird, tatsächlich auf, um sich abzusichern. Wenn Quinn pleiteginge, würden seine Partner die Anglo-Aktien nicht mehr benötigen und abstoßen. Die Folge wäre ein Kurssturz, fürchtete der Bankchef FitzPatrick. Beim anschließend eingefädelten Deal kaufte Quinn 15 Prozent der Aktien von Anglo auf, wofür er von der Bank reichlich Kredite erhielt. Weitere zehn Prozent wurden an Investoren verkauft; auch für diese Deals vergab Anglo Darlehen. Die irischen Behörden ermitteln daher wegen des Verdachts auf Kursmanipulation.

Quinn schuldet Anglo heute 2,8 Milliarden Euro, den größten Teil davon wird die Bank wohl abschreiben müssen. Quinn gibt sich nämlich zahlungsunfähig. Seine Versicherung steht bereits unter Zwangsverwaltung. Anglo versucht zu retten, was zu retten ist und bietet selbst um den Erwerb des Irland-Geschäftes bei Quinn-Insurance mit.

"Aufwändigste Ermittlungen"

Die Geschäfte von Anglo sind auch zum zentralen politischen Thema geworden. Ruairi Quinn, Abgeordneter der oppositionellen Labour und früherer Finanzminister, spricht der Nähe der regierenden Fianna Fáil zu den Bankern eine Mitschuld am Desaster zu. "Ich frage mich zudem, warum es trotz all der Vorwürfe bis heute keine einzige Verurteilung oder Verhaftung gegeben hat", sagt Quinn. Bei der Antikorruptionsbehörde ODCE ist "von den aufwändigsten Ermittlungen unserer Geschichte" die Rede. Anklagen gebe es aber noch keine, heißt es in einer Stellungnahme gegenüber dem STANDARD.

Die Vorfälle spielen auch in den beiden Untersuchungsberichten über die Bankenkrise kaum eine Rolle. Ein Report stammt vom irischen Notenbankchef, ein zweiter vom späteren Chef des Eurorettungsfonds Klaus Regling. Regling schreibt zwar von problematischen Vorgängen rund um Anglo, fährt aber fort: "Hier wird nicht suggeriert, dass solche groben Regelverstöße im irischen Finanzsystem an der Tagesordnung waren. Wenn überhaupt, dann waren sie sehr klar auf ganz konkrete Institute begrenzt." (András Szigetvari aus Dublin, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11./12.12.2010)

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25 Postings

Die Betrügereien in so einer Bank können vorkommen und die Schuldigen werden von den Gerichten zur Verantwortung gezogen.
Wirklich erschütternd ist aber die Unfähigkeit der Regierungen die Gesamtwirtschaft zu schützen. Die Politiker sind von den Banken abhängig. Wir alle müssen jetzt für die Fehler von ein paar Spekulanten zahlen. Solche Politiker gehören verjagt. Das stimmt leider auch für Österreich.

Irland & europäische Banken

Schauen Sie bitte, wer ist die Erteilung dieser Anglo-Irish Bank Anleihen in diesem Dokument von der irischen Börse am 7. Dezember 2010 erteilt:
http://www.ise.ie/app/annou... D=10733769

Antwort: UBS & Landesbank Baden-Württemberg

Weitere Informationen über das Geschäft der UniCredit in Dublin, besuchen Sie bitte:
http://whistleblowerirl.blogspot.com/

Immer mehr drängt sich mir der Verdacht auf, dass bislang ein einziges Land in Europa

aus der ganzen Misere die richtigen Konsequenzen zog: Island.

Als da die Bankenblase platzte, weigerte sich Island für die Schulden der privatwirtschaftlichen Banken einzustehen. Und dies, obwohl es düstere Prophezeiungen gab, es würde das Land eine solche schroffe Verweigerung wirtschaftlich nicht überstehen. Es ließ die Banken pleite gehen.

Der Staat Island musste sich zwar gleichfalls beim IWF verschulden, doch mittlerweile ist die Realwirtschaft wieder angesprungen, Island hat ein Wirtschaftswachstum, konnte seinen Bürgern die soziale Sicherheit erhalten, und der IWF rechnet damit, dass Island in einigen Jahren seine Schulden beim ihm wird abgezahlt haben.

Alles Dinge, von denen Irland noch nicht einmal träumen kann.

enteignen bis auf die unterhosn

teeren und federn - und ab in den knast. zugesperrt und schlüssel weggeworfen.

wann wird mit dieser sauerei endlich aufgeräumt?

egal ob irland, griechenland oder anderswo. die deppen bei der geschichte sind immer wieder wir.

ICH WILL NICHT LÄNGER DER DEPP SEIN!

das geht ja nicht, weil dies erstens helden des neoliberalismuses sind, und somit zu der spezies der ehrlichen und fleißigen gehören, und zweitens weil die bankster sowieso die regierungen beherrschen

und fuer diese white collar Wirtschaftskriminellen ...

... muessen wir alle mit unseren Steuergeldern haften !
Ein Baerendienst fuer die EU - Idee !

es wurde unten schon gepostet - und auch wenn der vergleich hinkt ....

... aber assange wird verhaftet, weil sein kondom platzt, und leute die 2,8 millarden verspekulieren und andere, die sich von der eigenen bank 110 mio kredit geben lasse gehen spazieren. da stimmt etwas grundlegendes nicht.

CFD sind im Grunde nicht hochspekulativ wie der Artikel suggeriert sondern gleich riskant wie die zugrunde liegende AKtie ergänzt um das Konkursrisiko des Vertragspartners. Sie wurden ja auch nur erfunden um die Stamp Duty in London zu umgehen.

Riskant werden sie nur wenn sie auf Marge gekauft werden (Also nur ein Teil der Summe eingezahlt wird und der Rest als Kredit läuft), dass ist aber bei jeder Anlage so.

niemand hat die irische regierung gezwungen diese bank zu verstaatlichen, ein konkurs wäre besser gewesen, dann wären eigentümer und gläubiger dran gewesen, jetzt müssen steuerzahler aus d, a, nl u. fl dafür zahlen

Oh, der Druck aus GB, D und F war beträchtlich....

die EZB nicht zu vergessen

Banken, systemrelevant usf.

Na sicher.

"FitzPatrick, heute in Privatkonkurs, schuldet Anglo 110 Millionen Euro"

"Quinn schuldet Anglo heute 2,8 Milliarden Euro, den größten Teil davon wird die Bank wohl abschreiben müssen. Quinn gibt sich nämlich zahlungsunfähig"

Sicher. Genauso mittellos wie der Flöttl oder der Meischberger.

Ich frage mich mittlerweile wirklich, wann die ersten Scheiterhaufen wieder brennen.

Die Justiz hat das nämlich nicht mehr im Griff.

sie haben leider recht ...

... wenn nicht bald ein paar dieser wahsinnsspekulanten hinter gittern landen, kommt es wohl wirklich zur lynchjustiz

Antwort an Roter Baron

Es ist niemand in Untersuchungshaft. Das ist Irland.

Ruairi Quinn vergessen zu sagen, auf der Standard, dass der neue Chef der Anglo-Irish Bank Alan Dukes ist. Mr. Dukes ist eng mit anderen großen irischen Oppositionspartei stehen -Fine Gael.

Das kriminelle Verhalten der UniCredit in Irland ist gut dokumentiert. Bitte lesen Sie diese Website:
http://whistleblowerirl.blogspot.com/

Wieder einmal gibt es niemanden in Untersuchungshaft. Das ist Irland.

Einer

ist hier wenigstens geopfert worden (Elsner)

Machen Sie sich nichts daraus

Hier in good old Austria ist die UniCredit mit der Bankaustria und Mr. Madoff voll im Treiben.

Und Leute wie Frau Sonja Kohn, natürlich gilt die Unschuldsvermutung, in diesem Umfeld mit BankAustria/UniCredit und Mr. Madoff Milliardenschäden anrichten, sitzen auch hierzulande nicht in Untersuchungshaft. Es ist also nicht nur in Irland so.

http://derstandard.at/plink/129... d=19162430

Riskante Finanzdeals und Darlehen an den eigenen Vorstand

wieviele sind schon in haft ?
müßte doch mindestens so schnell gehen wie bei assange !

roter baron

Was ist mit Anglo-Irish Bank (Wien)?

"The curious tale of Anglo Irish Bank and its Austrian deposits" - Sunday Business Post:
http://www.thepost.ie/story/ojkfojidoj/

Und was ist mit der UniCredit Bank Dublin?
http://whistleblowerirl.blogspot.com/

Es entsprach schon seit jeher der subjektiven Überzeugung eines jeden Defraudeurs, dass seine Unterschlagung als Aufnahme eines Darlehens zu werten sei, dessen ordungsgemäße Rückzahlung zunächst durch Liquiditätsschwierigkeiten bloß verzögert und schließlich durch die polizeiliche Festnahme vereitelt wurde. Das neoliberal deregulierte Bankwesen eröffnet dem Defraudeur nun die Möglichkeit, seine Unterschlagungen tatsächlich in Form einer legalen Finanzdienstleistung abzuwickeln, vorausgesetzt, er ist bereit, eine Funktion im Vorstand zu übernehmen. Moralische Bedenken des Defraudeurs gegenüber dieser anrüchtigen Tätigkeit werden dabei durch das Angebot einer äußerst lukrativen Vergütung beschwichtigt.

Jede Gesellschaft, die sich vor Verbrecher nicht schützen kann

wird auf die Schnauze fallen.

Wir haben Instrumente (geschaffen), die wir nicht mehr beherrschen, nicht einmal durchschauen. Ganz wenige können diese "Undurchsichtigkeit" für sich, den eigenen Vorteil - wenn es hoch herkommt zum Vorteil einer "Institution" - nutzen.

Gesetzgeber können dieses Komplexitäten nicht mehr abdecken, wie auch "Prüfinstitute" hoffnungslos überfordert sind.

Aufgrund maximaler Globalisierung kann man "lokal" dubiose Machenschaften nicht verbieten, weil das Kapital "scheu wie ein Reh" ist.

Diese nüchterne Bewertung zeigt, dass die Situation ausweglos ist und sich demokratisch überhaupt nichts lösen lässt. "Globale Gesetze" sind eine Illusion, weil alles "nur Menschen" - die auf ihren eigenen Vorteil bedacht - sind.

...ja...

Einzigartiges Vorgehen und Enteignung von Anleihebesitzern

Bei Anglo gab es in den letzten Wochen ein bislang einzigartiges Vorgehen gegenüber Anleihenbesitzern. Besitzer von 2017 rückzahlbaren Tier-2-Anleihen, die ein 'Angebot' auf 80 % ihres Geldes zu verzichten nicht angenommen haben, wurden mit 0,01 Euro pro 1.000 Euro Nominale zwangsenteignet. Bei 2014 udn 2016 fälligen Anleihen geschieht gerade das Gleiche.

Hier ein guter Kommentar, wo darauf hingewiesen wird, wie dreist das Vorgehen gegenüber den Tier-2-Bonds ist, die in der Vergangenheit ja meist nur einen sehr geringen Rendite-Aufschlag auf Senior-Bonds hatten:

http://www.emfis.de/no_cache/... 91668.html

11.12.2010, 12:08

Verstehe ich nicht.

Die Bank ist pleite, das Geld ist futsch.
Wenn die Anleihen noch 20% wert sind, dann ist das eh schon geschenkt.

Lauter Leute, die etwas von Wirtschaft verstehen

Bekanntlich sollten die viel mehr zu sagen haben...

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