Verschlafener Opernkitsch

10. Dezember 2010, 18:03
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Premiere von Daniel Catáns "Il postino": Eine biedere Regie wurde mit einer dramaturgisch unbeholfenen Oper nicht fertig

Dennoch Applaus für Placido Domingo.

Wien – Bei seinem letzten Wienauftritt erspähte Tenor Rolando Villazon seinen Kollegen Placido Domingo und setzte gleich zu Kompliment-Arien an, schwärmte, es gebe einen Operngesang vor Domingo und einen nach Domingo. Und tatsächlich hat der rüstige Spanier die Sängerrolle als solche ein bisschen neu definiert. Wobei: Die Tatsache, dass er mit seinen 69 Jahren immer noch sehr passabel klingt, ist nur ein Aspekt. Die Vielzahl seiner Opernrollen (zwischen Bizet und Wagner) zählt ebenso zu Domingos Eigenheiten wie die Tatsache, dass er, dessen Tag 48 Stunden haben muss, auch dirigiert und zwei Opernhäuser in den USA leitet.

Es ist dann auch nur zu logisch, dass dabei nicht immer alles glücken mag. Dass der Ruhelose aber, so er als Direktor einen Opernauftrag vergibt, dabei auch eine Rolle für den Sänger Domingo mitbestellt, ist allerdings auch verständlich. Il postino von Daniel Catán also: Das Werk wurde im September in Los Angeles uraufgeführt und klingt, als hätte es das komplexe, musiktheatrale 20.Jahrhundert gar nicht gegeben.

Wäre nicht weiter schlimm; virtuoser Kitsch-Eklektizismus vermag Charme zu entfalten. Das Theater an der Wien kann darüber viele alte Musical-Geschichten erzählen! Und es ist sympathisch, Domingo (szenisch etwas zu routiniert in der Rolle des chilenischen Dichters Pablo Neruda) quasi noch einmal Puccini singen zu hören. Andererseits ist Catáns Musik, vor allem im orchestralen Bereich, auf mitunter skurril-erheiternde Weise ausschließlich als Teppich des Undramatischen angelegt. Sie klingt, als wollte Minimal-Music-Komponist Philip Glass wie Puccini komponieren, um bei Debussys Klangwolken zu landen, die er (in einer ästhetischen Kehrtwendung) zu unentschlossener Tanzbegleitung umformt.

Kommt der orchestrale Teil (umsichtig Dirigent Jesús López-Cobos) somit nur selten in die Operngänge, bewirkt er im Gegenzug auch noch einige szenische Gefrierungen (nebst manch heiterem Wiener-Symphoniker-Gesicht). Statt die ariosen Bühnenvorgänge um den mit Neruda befreundeten Briefträger Mario (klangschön, manchmal etwas an der Grenze seines Möglichen Israel Lozano) auf ein Plateau großer Gefühle emporzuheben, umgarnt er ja auch die nur im Biederen inspirierte, mit filmischen Mitteln arbeitende Regie von Ron Daniels schüchtern. Als hätte er Angst, Sänger zu verscheuchen.

Immerhin: Eine witzige Hochzeitsszene und ein finales dramatisches Aufbäumen (wenn der bei einer Demo ein Gedicht von Neruda schmetternde Briefträger erschossen wird) ließen so etwas wie gesamtkunstwerkliche Unmittelbarkeit entstehen. Mehr davon und eine leichfüßigere Regie hätten den Abend abheben lassen. So blieb es bei wenig: Es war nett, Domingo wieder einmal zu hören, und es war angenehm zu hören, dass Amanda Squitieri (Beatrice) als sehr guter Teil eines soliden Ensembles glänzte. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD – Printausgabe, 11./12. Dezember 2010)

11., 14., 18. und 21. 12. um 19.00; auf Ö1 am 18. 12. ab 19.30

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    Der Dichter (Placido Domingo) erklärt dem Briefträger (Israel Loranzo), was eine Metapher ist.

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