"Den Verbindungsmann vernichten"

Preisgekrönte Recherche: Die russische Journalistin Olga Bobrowa über die Hintergründe der Ermordung des Inguscheten Makscharip Auschew

Makscharip Auschew, erfolgreicher Geschäftsmann, war zugleich geheimer Berater des inguschetischen Präsidenten und einflussreicher Verbindungsmann zur Unterwelt. Die Beseitigung seiner Person war eine radikale Lösung, mit der zugleich alle Brücken zu den paramilitärischen Clans verbrannt wurden.

Ganz Russland rätselt: Wer hat Makscharip Auschew getötet? An Mutmaßungen mangelt es nicht. Die einen beschuldigen die Regierung, die anderen machen mysteriöse "kriminelle Kreise" dafür verantwortlich. Nur das Ermittlungskomitee schlägt eine ganz eigene Richtung ein: Laut Aussendung sei eine mögliche Tatversion die Rache von Angehörigen einer Frau, mit der Makscharip angeblich persönliche Beziehungen gepflegt hat. Mit Ausnahme der Ermittler nimmt diese Idee allerdings niemand ernst.

Man ist sich einig: Makscharip hat für seine öffentlichen Aktivitäten mit dem Leben bezahlen müssen - wie auch sein vor einem Jahr ermordeter Freund Magomed Jewlojew, Betreiber der unabhängigen Nachrichtenwebseite ingu shetia.ru und offener Kritiker des ehemaligen inguschetischen Präsidenten Murat Sjasikow. Der Fall Auschew ist weniger eindeutig. Das weithin verbreitete Klischee "Oppositionsführer und Bürgerrechtler Auschew" spiegelt die ganze Breite dieser Person längst nicht wider: Es sagt nichts über seine Position in der Republik.

Bis vor kurzem war Makscharip keine öffentliche Figur. Er war ein erfolgreicher inguschetischer Geschäftsmann, im Marmorhandel tätig. Der Bau von Palästen ist in der Republik sehr lukrativ; Auschew war wohlhabend.

In die Politik kam er durch einen Zufall. Im September 2007 wurden sein Sohn Magomed und sein Neffe, ebenfalls Magomed, entführt. Klar ist: Er hätte die beiden niemals zurückbekommen, hätte er nicht Auschew geheißen. Das Ansehen seiner Familie hat eine entscheidende Rolle in dieser Geschichte gespielt. Natürlich waren keine Polizei- und Justizorgane in der Lage, die Entführten freizubekommen. Makscharip ermittelte auf eigene Faust und erfuhr, dass tschetschenische Polizisten in den Fall verwickelt seien - die Verwaltung des inneren Kreises Urus-Martan.

Starkes Echo

Die Geschichte löste ein starkes Echo aus. Mehrere tausend Menschen versammelten sich vor dem Haus der Familie Auschew an der Grosnenskaja-Straße in Nasran und forderten die Rückgabe der Entführten. Ihr Protest war gegen die Untätigkeit von Sjasikow (ehem. Präsident der Republik Inguschetien - Anm. des Übersetzers) gerichtet und galt nicht nur den entführten Auschews, sondern auch vielen anderen Opfern. Die Zahl der Männer, die in der Republik als vermisst galten, belief sich schon damals auf hunderte. Schlussendlich gelang es Makscharip Auschew, seine beiden Buben zurückzubekommen - mittels Gewaltandrohung, mit Bestechung von Beamten, aber auch dank der Unterstützung von bewaffneten regierungsfeindlichen Gruppierungen. Makscharip machte auch kein Hehl daraus.

Bei dieser "persönlichen Sonderermittlung" spürte er ein großes illegales Gefängnis in der tschetschenischen Siedlung Goity, Kreis Urus-Martan auf. Als das von Makscharip angeheuerte bewaffnete Team in Goity eintraf, war das Gefängnis bereits leer. Auch die beiden Magomeds waren hier untergebracht, doch wegen des großen Rummels, den Makscharip ausgelöst hatte, an einen anderen Ort gebracht worden. Die Wände waren mit Blut beschmiert und mit den Namen jener beschrieben, die dort zuvor getötet wurden. Auch aus den beiden entführten Jungen wollte man gerade "Snickers" machen: An den Kopf eines Toten wird Sprengstoff angebunden und gezündet, damit ihn niemand mehr erkennen kann.

Nach der Befreiung der Magomeds bemühte sich Makscharip, Russland auf dieses Problem aufmerksam zu machen. Er wollte eine offizielle Ermittlung zum illegalen Gefängnis in Goity durchsetzen. Mir hat er seinen Brief an die Staatsanwaltschaft gezeigt. Kein einziger Offizieller fand jedoch Interesse an seinen persönlichen Ermittlungen. Einzig für Makscharip selbst hatte diese Geschichte zwei Folgen.

Die erste Folge: Makscharip hatte den Fall an die große Glocke gehängt. Dadurch geriet er in einen unangenehmen Konflikt mit Tschetschenen - mit ernst zu nehmenden Tschetschenen. Ein illegales Gefängnis ist eben keine Weinpanscherei - es braucht starke Beschützer.

Brillantes Szenario

Die zweite Folge: Makscharip hatte begriffen, dass sich die inguschetische Bevölkerung hinter ihn und gegen den ehemaligen inguschetischen Präsidenten Sjasikow stellen würde, wenn er seine Kritik an den Regierenden richtig formuliert. Mit dem herrschenden Sjasikow-Clan hatte Makscharip dann auch ernsthafte Reibungen. Die Umgebung des damaligen Präsidenten soll versucht haben, Auschew kleinzukriegen, jedoch ohne seine gefestigte Position und seinen gewichtigen Namen zu berücksichtigen.

So begann Makscharip, Leute zu diversen Protestkundgebungen und -Märschen zusammenzutrommeln. Auch ohne die Hilfe westlicher Polittechnologen setzte er ein brillantes Szenario um. Die Forderungen, die auf den Kundgebungen zu hören waren, mobilisierten die ganze Republik. In Moskau riefen sie keinen Alarm hervor, denn: eine Oppositionsbewegung, die an die Autorität der Föderationszentrale appelliert und fordert, Ordnung in der Republik zu schaffen, vor Menschenentführern zu schützen und Korrupte zu verurteilen - eine solche Opposition wirkt auf die Zentrale in Moskau recht sympathisch.

Um öffentliche Aufmerksamkeit zu erlangen, setzte Auschew nicht nur hemmungslos auf die Ressource des unabhängigen Nachrichtenportals www. ingushe tiya.ru. Er garantierte auch die Sicherheit aller angereisten Journalisten - eine große Leistung.

Nur ein Beispiel: Im November 2007, als Makscharip eine neue Aktion plante, wurde das Drehteam von RenTV in jenem Haus blockiert, in dem es abgestiegen war. Bewaffnete Leute in Uniform ohne Erkennungszeichen umzingelten das Haus und forderten die Journalisten auf, herauszukommen und sich zu ergeben. In Erwiderung darauf zeigten sich Maschinenpistolen aus allen Fenstern. Die Journalisten wurden von Auschews Leuten geschützt! "Na, versucht doch, uns zu kriegen", sagten sie denen in der Uniform. Letztere zogen es vor, sich aus dem Staub zu machen.

Im August 2008 wurde Magomed Jewlojew, Besitzer der Webseite ingushetiya.ru, der vieles unternommen hat, um Sjasikows Macht ins Wanken zu bringen, von einem Polizisten im Polizeiauto mit einem Schuss in die Schläfe getötet. Laut der offiziellen Version wurde der Schuss rein zufällig abgegeben. Die Föderationszentrale hatte aber offenbar die zufälligen Todesfälle in Inguschetien satt. Ende Oktober wurde FSB-Genral Sjasikow von Jewkurow abgelöst, einem Oberst der Militäraufklärung.

Besitzerwechsel

Die Webseite ingushetiya.ru wechselte den Besitzer: Nach Jewlojews Tod beschäftigte sich nun Makscharip Auschew damit. Ich denke, dass sich der neue Präsident darüber im Klaren war, was das bedeutete. Jewkurow ist zwar Inguschete, doch er hatte lange Zeit irgendwo in Mittelrussland gedient. Etwaige Clan-Interessen in Inguschetien hatte er keine. Von Beginn an positionierte er sich als Befürworter von Verhandlungen mit diversen Kräften - von der zivilen Opposition bis hin zu bewaffneten illegalen Gruppen.

Natürlich hat er auch mit dem Proteststab Auschews gesprochen. Viele, die bis dahin als kritisch galten, bekamen Ämter unter dem neuen Präsidenten. Makscharip selbst beanspruchte kein Amt für sich. Einen Monat nach dem Amtsantritt Jewkurows verzichtete er auch auf seine Teilnahme am weiteren Schicksal der kritisch gesinnten Webseite ingushetiya.ru. Öffentlich erklärte er: "Ich habe mein Ziel erreicht."

Offensichtlich hielt der neue Präsident Jewkurow sehr viel von Makscharip, zumindest berücksichtigte er stets dessen Meinung. Nach dem Mord an Makscharip sagte der Präsident: "Er war mein realer Helfer in der Republik, obgleich wir das nicht gerade an die große Glocke gehängt haben." Auschew hat den Präsidentenpalast oft besucht und sich sowohl mit Jewkurow getroffen als auch mit dem jetzigen Premier Alexej Worobjow (dieser kontrolliert alle bewaffneten Operationen in der Republik). Zugleich hat aber Magomed Chasbijew, ein Oppositionsführer, der Auschew sehr nahe stand, sofort nach dem Mord an Auschew erklärt, dass von dessen Tod in erster Linie die Führung der Republik profitiere. Im Unterschied zu seinem Gesinnungsgenossen Auschew fand Chasbijew keine Berührungspunkte mit dem neuen Präsidenten. Er behauptet, dass auch in Makscharips Beziehungen mit Jewkurow nicht alles glattlief.

Makscharip hatte stets öffentlich Unterstützung für Jewkurow bekundet. Er lobte sogar die Ergebnisse der jüngsten Wahlen, an denen Chasbijew allem Anschein nach sehr viel auszusetzen hatte.

Nicht das richtige Opfer

Natürlich streitet Jewkurow jegliche Beteiligung an diesem spektakulären Mord ab. Er begründet das allerdings nicht etwa mit ethischen Argumenten, sondern mit rein pragmatischen: "In erster Linie trifft das meine Autorität", sagte er. Warum kann aber die Beseitigung eines ehemaligen Oppositionellen für den Präsidenten so ungünstig sein?

Es ist doch offensichtlich, dass der an und für sich loyale Makscharip Auschew nicht das richtige Opfer war, um Jewkurows Position ins Wanken zu bringen. Es muss andere Gründe dafür geben. In Makscharips Biografie gibt es einen unklaren Punkt: Man sagt, er hat Kontakte zu den illegalen Kämpfern gepflegt. Nicht dass er irgendein geheimer Warlord war. Er war kein Ideologe des Kaukasischen Imarats.

Allerdings wusste er zweifellos Bescheid, was sich für ein Kampfpotenzial im Wald versteckt. Wahrscheinlich hat er davon auch Gebrauch gemacht - wenn man sich allein an die Operation in Goity erinnert.

Ich denke, dass Präsident Jewkurow und der jetzige Premier Worobjow Makscharip nicht unbedingt zu Small Talks an einer Teerunde eingeladen haben. Wenn die Gerüchte über seine Kontakte zu den Wahhabiten stimmen, so haben sie mit dem Mord an Makscharip eine Verbindung zur anderen Seite verloren.

Betrachtet man das, was geschehen ist, unter diesem Gesichtspunkt, so klingt Jewkurows Erklärung nicht mehr so hohl: "Die Mörder von Makscharip Auschew haben eine starke Spielkarte aus meiner Hand geschlagen."

Erinnert sei auch an das Geplänkel zwischen Inguschetien und Tschetschenien über die Methoden des Kampfes gegen die Guerillas. Ramsan Kadyrow wirft Jewkurow öffentlich vor, er behandle diese zu sanft. Jewkurow erwidert: "Ihre Meinung ist mir egal." Letztes Mal habe ich Makscharip Auschew im Sommer gesehen. Wir haben darüber gesprochen, dass in Abwesenheit von Präsident Jewkurow eine tschetschenische Polizeieinheit in der Nähe von Nasran stationiert wurde, angeblich im Interesse einer gemeinsamen Antiterroroperation. "Vielleicht ist es gut, wenn sich Kadyrow hier einmischt", sagte Makscharip. "Dann werden sich alle Inguscheten dagegen erheben - sowohl die Legalen als auch die Illegalen. Alle Unterschiede werden vergessen."

Starke Antipathie

Makscharip hegte eine ausgesprochen starke Antipathie gegen die bewaffneten Strukturen in Tschetschenien. Vor kurzem las ich eine Äußerung von Lidija Michaltschenko, der neuen Redakteurin von ingushetiya.ru: "Makscharip empfahl mir als Redakteurin: 'Jedes Mal, wenn in Tschetschenien etwas geschieht, sollst du gleich in der Überschrift schreiben, die Lage in Tschetschenien sei instabil, Tschetschenien bleibe die gefährlichste Region im Nordkaukasus, usw.' Wie Makscharip sagte, reagiert Tschetscheniens Präsident sehr wütend, wenn er so etwas liest. Zumindest so könnte man dann auf ihn einwirken."

Es war auch ingushetiya.ru (das Internet- Portal gehörte zwar nicht mehr Auschew, es ließ ihn aber stets zu Wort kommen), das am 12. September dieses Jahres mitteilte: "Unsere Redaktion hat einen glaubwürdigen Bericht bekommen, laut dem die Geheimdienste eine Sonderoperation zur Ermordung von Makscharip Auschew vorbereiten. Der geplante Mord sei Angehörigen einer Polizeieinheit aufgetragen worden und soll ausgeführt werden, sobald Auschew das Territorium der Republik verlässt." Drei Tage später, am 15. September, stoppten Unbekannte in einem Schützenpanzerwagen Auschews Auto und versuchten, ihn festzunehmen - Auschew befand sich gerade auf dem Weg zu einem Treffen mit Präsident Jewkurow.

Die Jagd ist eröffnet

Er konnte sich zwar herauswinden, musste aber zugleich den Schluss ziehen, dass die Jagd auf ihn eröffnet wurde. So beschloss er auch, umsichtiger zu sein. Getötet wurde er genau zwei Wochen nach jener Mahnung, und zwar in Kabardino-Balkarien, nicht in Inguschetien.

Auschew war mit einem Lada Priora unterwegs. Ich denke, die Autos, die in seiner Garage herumstanden, mussten Millionen gekostet haben. Für seine Reise nach Naltschik hatte er aber den bescheidenen Lada Priora gewählt. Vergeblich: Damit hat er niemanden irregeführt. (Olga Bobrowa, DER STANDARD; Printausgabe, Album-Spezial, 11./12.12.2010)

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