"Mehr oder weniger angriffslustige Keime"

12. Dezember 2010, 17:03
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    foto: standard/regine hendrich

    FLORIAN THALHAMMER (46) ist Internist an der Klinischen Abteilung für Infektionen und Tropenmedizin an der Klinik für Innere Medizin I an der Med-Uni Wien. Zudem ist er aktuell auch Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Infektionskrankheiten (ÖGI).

Warum macht Kälte eigentlich krank?, fragte Karin Pollack den Infektiologen Florian Thalhammer. Ein Gespräch über die Intelligenz von Keimen, Antibiotikamissbrauch und die Volksgesundheit

STANDARD: Fürchten Sie sich eigentlich vor Viren und Bakterien?

Thalhammer: Nein. Der Mensch ist nicht steril. Jeder von uns ist von tausenden Bakterien und auch einigen Viren besiedelt. Sie sind auf der Haut, im Darm, im Rachen. Einfach überall. Wir leben damit.

STANDARD: Und warum werden viele Menschen gerade jetzt krank?

Thalhammer: Weil durch die Feuchtigkeit für den potenziellen Patienten neue Keime dazukommen, die sich besser in der Luft halten. Das sind Rhinoviren oder Adenoviren, die Schnupfen auslösen, aber auch Bakterien wie Pneumokokken zum Beispiel, Erreger für Lungenentzündungen.

STANDARD: Wo liegt eigentlich der Unterschied zwischen Viren und Bakterien?

Thalhammer: Viren haben, grob gesprochen, im Gegensatz zu Bakterien keinen eigenen Stoffwechsel und brauchen die Wirtszelle, um sich vermehren zu können. Bakterien sind eigenständige Mikroorganismen. Bakterien lassen sich viel gezielter behandeln, und zwar mit Antibiotika. Bei Viren sind sie sinnlos.

STANDARD: Wissen Ärzte, ob Infektionen bakteriell oder viral verursacht sind?

Thalhammer: Sofern sich die Keime nachweisen lassen oder ein typisches Krankheitsbild vorliegt, wissen wir das schon. Oft gelingt das bei Viren aber nicht, weil sie serologisch, also im Blut, mit unseren Methoden nicht aufzuspüren sind. Ich erkläre den Patienten täglich, dass wir nur einen kleinen Bruchteil aller Viren kennen. Jeden Tag wird ein neues entdeckt, Viren verändern sich ständig. Bei Schnupfen lässt es sich relativ einfach an der Farbe des Nasenschleims erkennen. Klar-weißlich bedeutet viral, gelbgrün zumeist, dass Bakterien im Spiel sind.

STANDARD: Warum macht ein Keim nicht alle Menschen gleich krank?

Thalhammer:Weil manche Keime mehr, manche weniger angriffslustig sind, und nicht alle Menschen identisch reagieren. Die einen bekommen mehr Fieber, andere weniger, andere gar nicht. Besonders gefährdet sind jedoch Menschen, deren Immunsystem durch andere Erkrankungen geschwächt ist, etwa Krebspatienten oder Menschen nach Transplantationen, deren körpereigene Abwehr absichtlich reduziert wird, um Abstoßungen zu vermeiden. Auch für ältere Menschen sind Infektionen gefährlich.

STANDARD: Kann man sich irgendwie schützen?

Thalhammer: Ja und nein. Schutz bieten selbstverständlich die verschiedenen Impfungen, die ich jedem empfehle. Tatsächlich hilft aber auch Schlaf, dazu gibt es wissenschaftliche Arbeiten.

STANDARD: Viele haben gerade vor Weihnachten aber keine Zeit, krank zu sein ...

Thalhammer: Fieber ist ein Zeichen dafür, dass der Körper mit einem Infekt konfrontiert ist. Hitze ist eine Reaktion, die einer ganzen Reihe von Keimen schadet. Wer das Fieber senkt, etwa mit Aspirin, unterdrückt ein Symptom, die Auslöser des Fiebers bleiben aber unberührt. Gerade bei bakteriellen Infektionen kann das sehr gefährlich sein. Oft setzt sich auf eine viralen Infekt dann auch noch ein Bakterium zusätzlich drauf, dann sprechen wir von einer Superinfektion. Die gilt es zu vermeiden.

STANDARD: Deshalb nehmen viele auf Verdacht Antibiotika?

Thalhammer: Genau, und das ist falsch. Eine bakterielle Superinfektion im Rahmen einer Respirationstrakt-Infektion findet meist erst nach sieben Tagen Krankheit statt. Dann ist die Frage nach einem Antibiotikum berechtigt.

STANDARD: Wie unterscheiden sich verschiedeneAntibiotika?

Thalhammer: Sie haben unterschiedliche Wirkspektren. Penicillin geht gezielt auf Pneumokokken und Streptokokken. Breit- bandantibiotika wirken gegen viele Bakterien, etwa Staphylokokken, Streptokokken, Enterobakterien. Wieder andere gegen atypische Bakterien wie Legionellen und Mykoplasmen. Antibiotika lassen sich aber auch in ihren Wirkmechanismen unterscheiden. Die einen zerstören die Zellwand von Bakterien, andere greifen in den Bakterienstoffwechsel ein. Bakterien lassen sich auch in bakteriostatisch (wachstumshemmend) und bakteriozide (abtötend) einteilen.

STANDARD: Warum ist Antibiotikamissbrauch bedenklich?

Thalhammer: Bakterien sind intelligente Lebewesen und versuchen, sich gegen Feinde von außen zur Wehr zu setzen. Ein Antibiotikum ist so ein Feind. Deshalb versuchen Bakterien zu lernen, wie sie diesen austricksen können. Dahinter steht der Prozess einer biologischen Selektion. Zu niedrige Dosierungen oder zu kurze Einnahmedauer von Antibiotika begünstigen diesen Prozess. Und wenn nur ein paar Bakterien diesen Selektionsprozess überstehen und gelernt haben, sich gegen Antibiotika zur Wehr zu setzen, sprechen wir von Resistenz. Bakterien geben ihr Wissen an die nächste Generation weiter. Diese Entwicklung ist gefährlich, weil sie dazu führen, dass unsere Medikamente gegen schwere Infektionen nicht mehr wirken. Dem wollen wir durch Guidelines entgegenwirken.

STANDARD: Denn Antibiotika werden ja von Ärzten verschrieben?

Thalhammer: Ja, schon. Sie werden aber auch von den Patienten vehement eingefordert. Deshalb wurden in der Vergangenheit zu schnell und zu viele Breitbandantibiotika verschrieben. Dadurch sind Resistenzen entstanden, bei Staphylokokken zum Beispiel. Schlussendlich sollte aber jeder, der Antibiotika nachlässig einnimmt oder die verschriebene Packung nicht zu Ende nimmt, wissen, dass er die kollektive Gesundheit gefährdet.

STANDARD: Inwiefern?

Thalhammer: In jedem Körper können resistente Bakterien entstehen, die dann der Betreffende weitergibt, dessen sollte sich jeder bewusst sein.

STANDARD: Jetzt beginnt bald wieder die Zeit der Influenza. Wie unterscheidet man die Grippe vom grippalen Infekt?

Thalhammer: Influenza tritt schlagartig auf und ist von Fieber und starken Gliederschmerzen begleitet. Im Gegensatz zum grippalen Infekt ist man wirklich außer Gefecht. Antibiotika helfen nicht. Nur antivirale Grippemittel wie Relenza oder Tamiflu - und auch die höchst bedingt. Die österreichische Gesellschaft für Infektionskrankheiten hat gerade ein Konsensus-Papier dazu herausgegeben. Antivirale Medikamente sind nur sinnvoll, wenn sie zwölf bis maximal 48 Stunden nach Beginn der Krankheit eingenommen werden. Sonst nicht - im Gegenteil. Auch bei diesen Medikamenten gibt es die Gefahr der Resistenzbildung, die unbedingt zu vermeiden ist. Ärzte haben hier eine Schlüsselposition. Generell ist eine Impfung gegen die Grippe immer noch die beste Prophylaxe, auch wenn sie möglicherweise nicht gegen alle Influenza-Stämme hilft. (Karin Pollack, DER STANDARD, Printausgabe, 13.12.2010)

 

Kommentar posten
25 Postings
Zaphod Beeblebrox III
00
18.2.2011, 11:22
Zink hilft gegen Erkältung !!

Es ist jetzt offiziell: die beste Vorbeugung gegen einen Erkältung ist eine rechtzeitige Einnahme von Zinktabletten:

http://onlinelibrary.wiley.com/o/cochran... frame.html

the academic cyber sense
00
16.12.2010, 23:35

die krawatte ist definitiv - krank

werwolfi
01
13.12.2010, 19:24

"Bakterien lassen sich auch in bakteriostatisch (wachstumshemmend) und bakteriozide (abtötend) einteilen."

hm?

"ANTIBIOTIKA lassen sich...." sollte das wohl heißen.

vermutlich entweder ein versprecher, oder ein transkripitonsfehler.

i am austrian
00
13.12.2010, 15:18

kälte hat nichts mit "krank-werden" zu tun.
in tropischen ländern gibt es genau soviele Erkältungskrankheiten und Grippetote wie zB in Skandinavien oder Sibirien.

freeyourmind79
00
13.12.2010, 14:55
bakterien lassen sich auch in bakteriostatisch (wachstumshemmend) und bakteriozide (abtötend) einteilen

der arme infektiologe scheint selber ein wenig an fieber zu leiden, ich glaube er meinte antibiotika...
oder war doch der interviewer ein bisschen fiebrig und hat seine notizen etwas durcheinandergebracht ;-)

Laran Wish
04
13.12.2010, 08:43
"Und warum werden viele Menschen gerade jetzt krank?"

"Thalhammer: Weil durch die Feuchtigkeit für den potenziellen Patienten neue Keime dazukommen, die sich besser in der Luft halten. ..."

Das ist eine seltsame Begründung, da die Luftfeuchtigkeit im Winter ja niedriger ist.

Meines Wissens gibt es dazu mehrere Theorien, u.a. dass durch die verringerte UV-Strahlung die Abwehrkräfte herabgesetzt sind.

Am meisten Sinn ergibt für mich jedoch die Aussage, dass die Schleimhäute durch die Kälte schlechter durchblutet bzw. auch ausgetrocknet sind, und somit Keime besser eindringen können.

Okin37
00
13.12.2010, 13:26
Gemeint sind Keime...

...die mit dieser Temperatur besser umgehen können. Edogene Bakterien, die uns schützen sollen, haben öfter das Problem, das sie durch die Temperaturen weniger oder gar nicht aktiv sind.

www.tropenzentrum.at
00
13.12.2010, 12:16

und wegen den gesteigerten in-door aktivitäten in der kalten jahreszeit.

marty fink
00
13.12.2010, 12:13
Je nachdem...

Bis in den Dezember gibt's vielerorts noch richtig schöne, langanhaltende Nebelsuppen. ;-)

BioLex .
00
12.12.2010, 20:44
nettes Interview..

wenngleich nichts neues...

Lernens Geschichte sprach Kreisky
01
12.12.2010, 20:34
Warum ist Antibiotikamissbrauch bedenklich?

Hier wird nur eine epidemiologische Begründung gegeben. Mir fehlt die individuelle Begründung: warum soll ich nicht zu schnell Antibiotika verwenden und was kann ich sonst gegen eine Bakterieninfektion tun? Das ist die für den einzelnen Patienten relevante Information.

Was kann ich tun, wenn ich mehr auf meinen Körper vertrauen will als auf Medikamente? Einem Nebensatz entnehme ich: lieber den Körper mittels Fieber selbst gegen die Bakterien kämpfen lassen als Aspirin zu schlucken.

Könnte man nicht noch ein paar weitere praktische Tips für mündige Patienten geben?

A Voice
08
12.12.2010, 22:35
auf den Körper

vertrauen, zum Beispiel. Schlaf, Tee und Frieden geben, den Körper arbeiten lassen. OK, Hühnersuppe ist auch OK ;-)

OriT_22
01
12.12.2010, 21:25

warum nicht immer AB:
unser körper ist auch auf bakterien angewiesen ist (darm zb) und ein breitband-AB unterscheidet nicht zwischen "eigene gute" und "fremde böse". also im endeffekt kämpft man dann mit den nebenwirkungen des ABs und weniger mit der infektion, aber kürzer wirds nicht...
praktische tipps: auf den körper hören. sobald man im hals ein kratzen spürt zu tees mit antibakterieller wirkung greifen (salbei oder "hustentee"), viel trinken ist immer gut. Bei bakteriellem schnupfen inhalieren mit kamille zb.
und grundsätzlich: eher die apotheker fragen, die habens diesbezüglich einfach drauf.

Okin37
00
13.12.2010, 13:32
Salbei ist gut, aber....

...flüssigkeitsstauend. Daher ist bei Halsschmerzen bzw. verstopfeter Nase Thymian zu bevorzugen.
Ebenfalls ein sinnvoller Tipp: Kräuter und Essenzen wirken (fast) nur innerhalb der ersten 48 Stunden - danach muss man die Krankheit "austragen" oder mit schulmedizinischen Mitteln bekämpfen.

alcharismi
 
20
12.12.2010, 21:05

Tja, die Methoden zur Stützung der eigenen Abwehr sind erstens individuell sehr unterschiedlich in ihrer Effizienz, zweitens individuell sehr unterschiedlich in ihrer Akzeptanz.
Stets empfiehlt sich die Erhöhung der Einnahme von Vitaminen, insbesondere C.
Bei Abwesenheit ernster Grunderkrankungen ist in frühen Stadien insbesondere viraler Infekte zu empfehlen, intensiv zu saunieren (cave Herzkranke!), bei entsprechender Neigung kann auch eine Chili-Kur helfen, die Viren abzuwehren.
Körpertemperaturentwicklung beobachten, langes hohes Fieber legt dann doch den Griff zu Antibiotika nahe.
Gesundheit!

www.tropenzentrum.at
12
13.12.2010, 12:17

deine vitamin c therapieempfehlung ist längst wissenschaftlich widerlegt.
auch der rest deiner tipps ist nicht seriös.

Joe Bazooka
 
00
15.12.2010, 22:53

wieso? der bedarf an vitamin c ist doch im erkältungsfall erhöht, und körpereigene produktion gibt es nicht, also ist die zufuhr doch wohl nötig, oder?

www.tropenzentrum.at
00
16.12.2010, 11:45

Das ist/war die Theorie.
Entscheidend sind Studien, die zeigen dass Vit C weder in der Prophylaxe noch in der Therapie irgendeinen Effekt hat.

Joe Bazooka
 
00
16.12.2010, 16:55

Nicht ein Mal in der Prophylaxe? Finde ich höchst erstaunlich: dann eignet sich Ascorbinsre also nur zur Symptombekämpfung? - Wenigstens dazu muss es aber taugen: irgend einen Effekt muss es geben, weil sich ja auch der 'erhöhte Bedarf' irgend worin manifestiert...

Lernens Geschichte sprach Kreisky
00
12.12.2010, 21:12
Vielen Dank, das gibt schon etwas Orientierung!

Bonair
21
12.12.2010, 20:59

Das ist schwer zu generalisieren, weil eine beschwichtigende Antibiotikapolitik bei einigen mündigen Patienten dazu führen würde, dass sie diese auch dann nicht nehmen wenn es lebensnotwendig ist. Letztendlich ist es meist das Immunsystem, das die Erreger abtötet, aber in gewissen Fällen - und die wurden in der Vergangenheit leider zur Regel - ist eine Unterstützung von außen notwendig.

Lernens Geschichte sprach Kreisky
01
12.12.2010, 21:11

Was kann es schaden, mehr über die natürliche Stärkung des Immunsystems zu wissen? Die Selbstverantwortung, bei größeren Auffälligkeiten den Arzt aufzusuchen, besteht ohnehin und ist m.E. bei jenen größer, die die Funktionsweise ihres Körpers besser kennen.

Reisebegleiterin
00
12.12.2010, 23:09

also ich glaube, dass es immer sinnvoll is mehr zu wissen.
leider kümmern sich bestimmt die hälfte aller ös nicht um ihren körper, mal abgesehn von gesichtswasser und aftershave..

A Voice
00
12.12.2010, 22:37
Das Immunsystem

wird natürlich gestärkt über sein ganz eigenes Training, den Kontakt mit Erregern.

Bonair
22
12.12.2010, 22:15

Das Immunsystem ist eines der komplexesten Organsystem des Körpers. Generelle Empfehlungen lassen sich da kaum aussprechen, da es nahezu keine gesicherte Datenlage zu den meisten Methoden gibt. Der obige Vorschlag, vermehrt Vitamin C zu sich zu nehmen ist z.B. nur ein Ammenmärchen, weil es physiologisch gesehen das Immunsystem bei der Arbeit behindert (und es auch Studien gibt, wo herauskam, dass langfristige Vitamin C-Gabe das Sterberisiko erhöht).
Falls Sie gegen die gemeine Erkältung etwas suchen, ist z.B. Cystus 052 (Extrakt aus der Zistrose) einen Versuch wert. Mehrere Studien verliefen hier positiv, allerdings ist die Datenlage noch etwas dürr.

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