Josef Winkler besuchte Alligny-en-Morvan in Frankreich, das Dorf, in dem der Dichter Jean Genet aufgewachsen war
... und fragt sich, warum keiner stolz darauf ist, dass Genet seine Kindheit dort verbracht hatte.
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"Ich bin gefangen in einem sehr genau definierten Vokabular. Ich habe versucht, es zu ändern, weil ich glaubte, daß ich mit einem neuen Vokabular auch eine andere Welt entdecken könnte."
Jean Genet
Auf der Fahrt durch die französischen Morvan-Berge, nach Alligny-en-Morvan, wo Jean Genet von seinem 7. Lebensmonat bis zu seinem 14. Lebensjahr bei Pflegeeltern, der Familie von Eugénie und Charles Regnier, untergebracht war, aus dem Fenster des Autos schauend, sehe ich, dass ein silberner Kastenwagen, auf dem "La Perrier" steht, einen Igel, der sich vor Schreck vorm daherpolternden Auto zusammengekugelt, überfahren hatte. Links und rechts vom zusammengequetschten grauen Stachelfell quoll rosarotes Fleisch hervor. Auf einer Wiese, zwischen zwei grauen Eseln grasen zehn weiße Rinder mit schwarzen Knien. Vor einem Haus springt eine weiße Katze aufs Fensterbrett, zur anderen zwischen den eingetopften gelben Chrysanthemen, ihren Buckel wölbenden grauen, weit ihr Maul aufreißenden Katze.
Haufenweise übereinandergestapelte, in ein weißes Plastiknetz eingezwängte Christbäume liegen auf einem vor uns fahrenden, von einem Jeep gezogenen Anhänger. 20 Prozent der Weihnachtsbäume Frankreichs, heißt es, sollen aus den Morvan-Bergen kommen. Entlang eines engen Hochweges sehe ich das grüne Gestrüpp der Ginstersträuche. "Wenn ich", schreibt Jean Genet in seinem Roman Miracle de la Rose, "auf der Heide - und besonders in der Dämmerung, bei der Heimkehr von meinem Besuch die Ruinen von Tiffauges, in denen Gilles de Rais lebte - auf Ginsterblüten treffe, so empfinde ich für sie ein tiefes Mitgefühl." Ginster heißt im Französischen "genet". Und: "Im Vorübergehen erweisen sie mir die Ehre; sie verneigen sich, mich wiedererkennend, ohne sich zu verneigen. Sie wissen, ich bin ihr lebendiger, beweglicher, lebhafter, windbesiegender Stellvertreter. Sie sind mein natürliches Sinnbild. Durch sie habe ich Wurzeln gefasst in jenem französischen Boden, der genährt ist vom Knochenstaub der Kinder, der Jünglinge, die Gilles de Rais aufspießte, hinmetzelte und verbrannte."
Die Glocke der L'église Saint-Hilaire in Alligny, stammt aus dem Jahre 1518 und trägt den weiblichen Namen "Marie Jeanne". Der nach hinten geneigte Jesuskopf in der Altarnähe stehenden Pietà hat fünf Wurmlöcher, eines an der Augenbraue, eines an der Schläfe, zwei an der Stirn und eines am unteren Augenlid des Herrn der genagelten Knochen. Das Gesicht der Schmerzensmutter ist unversehrt geblieben. Unter der Pietà steht ein mit Silberpapier umwickelter, mit roter Erika bepflanzter Topf. Auf dem muschelförmigen Taufbecken liegt ein Deckel, an dem ein Fisch angelötet ist, und auf dem Sakristeitisch liegt eine große blauweiße Schachtel mit Aldi-Zündhölzern. In einem großen verglasten Holzkasten stehen drei große goldene Monstranzen. Im Schaubehälter einer Monstranz, an der vergoldete Engelsköpfe angebracht sind, ist in der sichelförmigen Lunula keine Hostie, sondern ein Stück blauer Schaumgummi eingeklemmt. In der zweiten, kleineren Monstranz befinden sich im Schaubehälter mehrere winzige, von einem hauchdünnen Draht umflochtene, löchrige Knochenstückchen. Im unteren Teil des Kastens stehen die bunt bemalten Weihnachtskrippefiguren aus Gips.
In der Dämmerung aus dem Gasthaus tretend, in dem sich Jean Genet dann und wann einquartiert hatte, als er schon ein berühmter Schriftsteller war, das Dorf Alligny wieder sehen und die Kinder seiner Pflegeeltern besuchte, flog zu meiner Überraschung - ich duckte mich im ersten Moment des Erschreckens - eine zweimal schreiende Eule über meinen Kopf hinweg auf die Kirche zu. Die Fensterseite des Hotelzimmers, in dem Genet als Besucher seines Kindheitsdorfes übernachtete, ist mit Holz ausgetäfelt ein Schieferboden, ein eingebauter Dusch- und Toilettkasten, gelbe Tapeten mit Veilchenblumenmuster, und das eiserne Bettgestell ist rosa angestrichen. Den Schraubverschluss einer Plastikflasche öffnend, spritzte mit großem Druck frisch gepresster Orangensaft, den ich am selben Tag noch in Paris aus dem Kühlregal eines Supermarktes genommen hatte, auf Spiegel und Waschbecken. Ich hob erschrocken meinen Kopf und wartete eigentlich darauf, dass mit gelbem Gesicht der längst schon in Marokko Begrabene aus dem Spiegel schaut, wie damals der Teufel, als ich als Kind zu lange in den Spiegel schaute, mich schminkte mit den Salben meiner Schwester, mich wegdrehte und mich wieder blitzschnell hinwendete zum Spiegel, um den von der Mutter angekündigten Luzifer endlich bei den Hörnern erwischen oder in Ohnmacht fallen zu können und in die lang ersehnte und gefürchtete Hölle getragen zu werden.
Lange schaute ich beim Verlassen des Gasthauses der über meinen Kopf hinweg auf die Kirche zufliegenden Eule nach, die sich auf einen Giebel gesetzt hatte und ging schließlich über die Straße, über die Stiege eines Hauses hinauf. Jede mich überraschende Kleinigkeit verstand ich als eindeutiges Zeichen, die Fäden zieht der Tote, alle Toten ziehen Fäden, spannen die Särge ein und laufen damit über die Maulwurfhügel querfeldaus und querfeldein. Mehrere große Stapel paketierte Holzkohle steht vor dem Eingang einer Trinkerbude, die früher einmal, wie uns der Führer erzählte, ein Café war, ein weißer Steinigel, an dem man die Füße abputzen konnte, steht daneben, gelbe Tagetes, ein paar Rosensträucher mit kleinen, gelben und roten Blüten, im Garten läuft ein großer brauner Boxer bellend hin und her. In der überwarmen Bude, die mit Holzkohle geheizt wird, hockt vor dem langen silbernen Ofenrohr ein ungepflegter schwarzer Pudel, die Pendeluhr tickt laut. Ein Säufer mit hochrotem Gesicht und dickem Bauch, der bereits zur Mittagszeit vor einer Flasche selbstgebranntem Schnaps sitzt, lässt die Asche seiner Zigarette ins Loch des Ofendeckels fallen. Monsieur Louis, der Besitzer der Bude, dessen Augen voller Blutgerinsel sind, berichtet uns, mit starrem Blick aus seinen Draculaaugen schauend, dass nicht er, aber seine Schwester den jungen Jean Genet persönlich gekannt habe, im Dorf heute keiner stolz drauf ist, dass Genet seine Kindheit hier verbracht, der als Kind eigentlich keine Freunde hatte, der kriminell, ein Dieb war, der sogar seine liebevollen Adoptiveltern bestohlen hatte und dass man unglücklich sei über die immer wieder aus aller Welt auftauchenden Besucher, die das Dorf Alligny und das Elternhaus des Dichters sehen möchten. Auf dem Friedhof von Alligny waren die Gräber in diesen Novembertagen mit weißen und gelben Chrysanthemen geschmückt, aber es brannte keine einzige Kerze auf dem ganzen Friedhof, nirgendwo waren eingetrocknete Kerzenreste auf den Gräbern zu sehen.
"Wir gehen jetzt den Weg entlang, den auch Genet als Kind gegangen ist, als er die Kühe auf die Weide geführt hat", sagte unser einen weißen Schal um seine Schultern tragender Alligny-Führer. An der steinernen Dorfbrücke, die über einen leise fließenden Bach mit viel in die Fließrichtung sich neigendem Moos am Bachgrunde führt, steht ein hohes, breites Steinkreuz. Am offenen steinernen Gebäude des Waschhauses, in dem sich die Frauen mit ihrer Wäsche eingefunden haben, ist ein großer Waschtrog aus Stein angebracht, die alten Mauerziegel sind ebenfalls mit Moos bedeckt.
Zwei kleine rote Blüten sehe ich auf einem Rosenstrauch vor dem Haus, in dem der kleine Jeannot mit seinen Adoptiveltern gewohnt hatte. Hinter dem Rosenstrauch sehe ich ein paar aufgeklebte Weihnachtssterne auf einem Fenster, auf der anderen Fensterbank eine eingetopfte afrikanische Teufelskralle mit ihren großen hellrosa Blüten, armartigen Auswüchsen und ankerartigen Haken. Unter dem Kinderzimmerfenster, aus dem der junge Jean Genet Tag für Tag geschaut hatte, blühen in einem Beet orangefarbene und gelbe Tagetes. In diesem Zimmer soll der kleine Jeannot mit dem Nachbarmädchen Kleider entworfen, Kekse gebacken, mit Puppen gespielt und Teegesellschaften organisiert haben, zu denen nur Mädchen zugelassen waren. Mit seiner Spielkameradin Marie-Louise Robert, die mit ihren Eltern im ersten Stock des Hauses der Familie Regnier wohnte, taufte der Schüler Jean Genet, der von seinen Schulkameraden am besten Latein lesen und sprechen konnte und zum "Ersten Ministranten" ernannt wurde, Puppen, Katzen und Hunde.
Wir gehen jetzt den Weg
Seine katholische Pflegemutter Eugénie Regnier soll ihn einmal beim Zelebrieren einer Messe vor einem selbstgebastelten Altar überrascht und dann die Hoffnung geäußert haben, dass vielleicht aus dem Sohn einer Pariser Nutte eines Tages ein Priester oder gar ein Bischof werde. Gegenüber von Genets Elternhaus, auf der anderen Straßenseite, watschelten im dampfigen Hof eines Wirtschaftsgebäudes Gänse, Enten, Hühner und zwei sich immer wieder im Kreis drehenden und schreienden Truthähnen. Ein Mann taucht mit einer Plastikschüssel auf, in der Petersilie, Porree, noch erdiger Rettich liegen. Eine aus Ackergerätschaften zusammengestellte Archimboldi-Figur hängt an der Mauer des gegenüberliegenden Wohnhauses. Eine Plastikschildkröte mit einem eingebauten Tonband steht auf der Fensterbank, die mit einer Kinderstimme "Bon jour" sagt, wenn man auf den Klingelknopf des Hauses drückt.
Braune Eichelblätter liegen im Matsch am Rande des Weges zwischen großen, betauten Kleeblättern. Eichen und Buchen, Brombeersträucher, über einen Meter hohe Brennesseln und Ginstersträuche säumen den Weg. Mehrere Bäume sind mit Stacheldraht umwickelt. Am Rande des Feldes angekommen, wo Jeannot die Kühe hütete, schlug der Alligny-Führer den Roman Miracle de la Rose auf und las eine Stelle vor. Nicht diesen, ein paar andere Sätze: "... und ich schwöre feierlich, und man möge mir glauben, denn die Dichter glauben an den Himmel und fürchten ihn ...". Weiße Kühe trotten aus dem Wasser eines leise, aber stark fließenden Baches, der sich durch die Felder schlängte. "Ich will auch eine Kuh sein, jetzt in diesem Moment, wo ich sie sehe, jetzt möchte ich eine Kuh sein!" sagte Marina, unsere jungen Übersetzerin. Als dann auch noch vom Essen in den Pariser Restaurants die Rede war, sagte sie: "Spaghetti ist ein Gericht, das ich beim ersten Date niemals bestellen würde."
Dabei fiel mir der Schriftsteller ein, den wir ebenfalls in Paris kennengelernt hatten, der seine Gedichte auf Frauenstrumpfhosen drucken lässt und uns erzählte, dass er in der Stadt gerne hinter diesen Frauen hergehe, deren Strümpfe mit seinen Gedichten bedruckt sind, stundenlang könnte er hinter ihnen her gehen, auf ihre voranschreitenden Beine mit seinen auf den Strümpfen aufgedruckten Gedichten schauen. Der wohl 30 Meter hohe Felsen, auf dem Jeannot und seine Freundin Solange oft saßen, auf die Kühe und auf den sich durch die Felder schlängelnden Bach hinunterschauten, war an der Spitze mit Moos, Ginstersträuchern, Wacholder und Erika überwachsen, auf der roten, stark eisenhaltigen Erde schwarze, zusammengeschrumpelte Samenhülsen. Absichtlich trete ich auf einen dicken gelben Bovist und warte wieder auf den Geist aus der Flasche, bis er verpufft. "Mein Buch ruft Sie. Ich schreie nach Ihnen, und mein Schrei verändert Sie entsprechend, aber man darf nicht vergessen, daß, wenn man auf die Suche nach einem geliebten Toten geht, man sich selbst verliert, und wenn ich den Schrei ausstoße und meine Stimme die ganze Musik des Himmels und der Erde hervorbringt, ist es doch der Schrei eines Ertrinkenden." (Josef Winkler, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 11./12. Dezember 2010)
Josef Winkler, geb. 1953 in Kärnten, arbeitete, während er die
Abendhandelsakademie in Klagenfurt besuchte, in einem Verlag, der
Karl-May-Bücher produzierte. Seit 1971 war er in der Verwaltung der
neuen Hochschule für Bildungswissenschaften in Klagenfurt tätig. In
seiner Freizeit besuchte er germanistische Vorlesungen. Seit 1982 ist
Josef Winkler freier Schriftsteller. Er lebt derzeit in Klagenfurt. Von
ihm erschien zuletzt "Das Zöglingsheft des Jean Genet" (Suhrkamp 2010).