Der Wikileaks-Gründer hat mit dem massenhaften Outing geheimer Informationen auf Wikileaks viele Fragen aufgeworfen.
Held oder verantwortungsloser Verräter von Staatsgeheimnissen: Julian Assange hat mit dem massenhaften Outing geheimer Informationen auf Wikileaks viele Fragen aufgeworfen.
Googles Street View
Assange hat das Privatsphäre-Dilemma, in Europa zuletzt besonders häufig anhand von Googles Street View debattiert, um eine Dimension bereichert: um die Frage der Privatsphäre von Staaten und Unternehmen. Zugespitzt: Auf der einen Seite soll es zwar das Recht geben, öffentlich sichtbare Fassaden als private Information zu behandeln und auf Wunsch zu verpixeln; andererseits sollen interne Dokumente unabhängig von ihrer Relevanz "Fair Game" zur Veröffentlichung sein.
Die Kontroverse verdeckt frühere Verdienste der Enthüllungssite wie Unterlagen zur Korruption des kenianischen Expräsidenten Daniel arap Moi oder die "steuerschonende" US-Anlagestrategie der Julius-Baer-Bank. Für letztere Information haben US-Behörden deutlich mehr Enthusiasmus gezeigt als für die jetzige Veröffentlichung diplomatischer Depeschen.
Metternichs Wäschelisten
Wikileaks scheint sich dabei in eine Art Veröffentlichungsrausch gesteigert zu haben. Der öffentliche Wert der Diplomatenpost erschließt sich auch nach tagelanger Begutachtung (und Berichterstattung) nicht wirklich - manches davon ist zwar peinlich, weil diplomatische Höflichkeit keine ungeschminkten Einschätzungen vorsehen. Aber man kann davon ausgehen, dass die Dossiers der jeweiligen Gegenseite nicht viel anders ausgefallen sind. Wie will Assange seinen Scoop von "250.000 Geheimdokumenten" noch steigern - mit der Veröffentlichung von Metternichs Wäschelisten (Woody Allen kam ihm dabei zuvor)?
Denn das ist das zentrale Problem für Wikileaks und andere "Whistleblower"-Webseiten: Indem scheinbare Nichtbewertung zur Maxime gemacht wird, hat das System wie Facebook nur einen Button: "Teilen". Dort, wo Assange am meisten bewirken will - bei autoritären Regimes - wird Wikileaks hingegen am wenigsten anrichten. Denn in diesen Staaten ist der Zugang zu Wikileaks und anderen kritischen Seiten sehr effizient gesperrt. Wie auch die undichten Stellen aufgrund der Gefahr für Leib und Leben der Betreffenden geringer sind.
Assange hat noch eine andere Lawine losgetreten
Assange hat noch eine andere Lawine losgetreten: Aktivitäten selbsternannter Rächer - frei nach George W. Bush, wer nicht für uns ist, ist gegen uns. "Operation Payback" nennen sich anonyme Hacker, die Server vermeintlicher Wikileaks-Feinde attackieren - Kreditkartenfirmen, die keine Spenden entgegennehmen, Amazon, weil es Wikileaks nicht mehr beherbergt. Demnächst vielleicht auch Facebook und Twitter, weil es Hackeraufrufe sperrt, oder Medien, die kritische Kommentare bringen.
Demokratische Staaten müssen mit Öffentlichkeit leben, auch in schwierigen Situationen. Ihre Reaktion wird sich darum nach innen richten: Verhindern, dass Einzelne Zugang zu allzu viel vertraulicher Information haben. Und stärkere rechtliche und technische Korsette zur Kontrolle des Netzes. Unkontrolliertes Outing kann sich so als Bärendienst für Offenheit erweisen. (helmut.spudich@derStandard.at, PERSONAL TOOLS, DER STANDARD Printausgabe. 10.12 2010)
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