Der junge Startenor Saimir Pirgu im Gespräch
Wien - An wichtigen Stationen seiner Laufbahn stand Mozart: Così bei den
Salzburger Festspielen, Idomeneo bei der Styriarte in Graz. Vor der
Premiere des Don Giovanni an der Wiener Staatsoper am Samstag musste
sich Saimir Pirgu allerdings grundsätzliche Gedanken über seine Rolle
machen.
Denn, so der 1981 geborene Sänger: "Don Ottavio ist eine Figur mit wenig
Persönlichkeit. In der Partitur steht leider nicht besonders viel für
ihn; er ist immer allein oder tritt mit Donna Anna auf. Vielleicht war
Mozarts Librettist noch nicht so sicher in der Zusammenarbeit. In
unserer Inszenierung gibt es aber einen neuen Ottavio mit mehr Kraft und
lyrischem Sentiment. Regisseur Jean-Louis Martinoty wollte, dass er und
Don Giovanni Freunde sind. Sie stehen ja beide auf einer Ebene, sind
beide Don."
Dass sich Pirgu selbst als nobler Sänger etablieren würde, zeichnete
sich allerdings erst über Umwege ab. Er stammt aus dem albanischen
Elbasan, "einer Industriestadt, nicht so wichtig, nur mit einer großen
Fabrik, aber auch mit einer Musikschule, wo ich Geige studiert habe."
Der Unterricht lief rund um die Wendejahre noch nach der alten
russischen Schule ab: "Das war eine ganz gute musikalische Tradition,
die nur zu sehr in eine bestimmte Richtung, des Sozialistischen
Realismus, ging. Aber Albanien hat viele hervorragende Musiker
hervorgebracht: Bei den Wiener Philharmonikern gibt es drei, bei den
Münchnern kommt der Konzertmeister aus Albanien."
Seine Geigenausbildung war ihm später auch als Sänger nützlich: "Mein
gutes Gehör, das ich dabei entwickelt habe, hilft mir natürlich auch
beim Singen. Man kann durch die Erfahrungen mit einem Streichinstrument
außerdem viel besser legato singen und Farbe in die Stimme geben."
Der Ort von Pirgus zweiter musikalischer Heimat sollte Italien werden:
"Ich hatte das Gefühl, dass es für mich in Albanien keine Zukunft gibt.
Deshalb ging ich nach Bozen. Eine kleine Stadt, aber mit viel Kultur,
dem Busoni Wettbewerb, dem Mahler Jugendorchester mit Claudio Abbado.
Eigentlich wollte ich dort Dirigieren und Komposition studieren. "
"Du bist ein Tenor!"
Doch dann wurde er von einem Professor Vito Brunetti entdeckt: "Er sagte
mir: Du bist ein Tenor! In ein paar Jahren wirst du auf der Bühne
stehen." Bis heute erhält er Unterricht vom Italiener. Daneben gab es
einen weiteren italienischen Lehrer, und zwar einen ganz Großen: "Mit
Luciano Pavarotti lang durfte ich sechs Jahre lang jedes Jahr arbeiten.
Das war eine wunderbare Zeit."
Und noch jemand aus Italien solle einer seiner wichtigsten Mentoren
werden: "Claudio Abbado war der erste große Dirigent, der mich
unterstützt hat. Ohne ihn würde ich vielleicht auch singen, aber meine
Karriere wäre nicht so schnell gegangen."
Entsprechend umfangreich sind die Zukunftspläne: An der Scala singt
Pirgu eine Zauberflöte; bei den kommenden Salzburger Festspielen gibt es
ein Verdi-Requiem mit Riccardo Muti, dazu Auftritte an der Met und in
Coventgarden "eben überall", wie Pirgu lachend sagt.
Doch obwohl er an allen großen Häusern singt, betont er: "Ein
Sängerleben ist nicht so einfach. Wenn man jung ist und eine
Weltkarriere macht, muss man aufpassen: auf die Stimme, auf die
Gesundheit. Das Leben ist viel schneller als früher: An einem Tag kann
man in New York auftreten, am nächsten in Mailand. Mir ist aber
wichtiger, neue Produktionen zu machen, mit Zeit für Proben, als nur
viele Vorstellungen zu singen, wo man nichts Neues für sich entdecken
kann." (Daniel Ender/ DER STANDARD, Printausgabe, 10.12.2010)