VP-Wien-Stadtrat Gerstl über Parkplatzroulette, die U5, Grätzelbefragungen und einen autofreien ersten Bezirk
Wien, so VP-Wien-Verkehrssprecher Wolfgang Gerstl, sei nicht für den Autoverkehr erbaut worden. Daraus die Konsequenz zu ziehen, Autofahrer aus der Stadt zu verbannen, hält er aber für falsch. "Vielleicht stellt sich der kleine Maxi so die große Welt vor, aber so funktioniert das natürlich nicht", so Gerstl in Richtung Grüne. Mit derStandard.at sprach der über Erleichterungen für Pendler, Verkehrsregeln für Radfahrer und autofreie Siedlungen.
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derStandard.at: Herr Gerstl, sind Sie Autofahrer, Radfahrer, Öffi-Fahrer oder Fußgänger?
Gerstl: Alles davon. In der Früh fahre ich mit dem Fahrrad mit meinem Sohn in den Kindergarten, dann stelle ich das Fahrrad bei der S-Bahn ab und fahre mit der S-Bahn zum Westbahnhof, danach mit der U-Bahn bis zum Rathaus. Und am Wochenende, wenn mein Sohn zu Fußballmatches nach Niederösterreich muss, fahre ich mit dem Auto.
derStandard.at: In welcher Rolle empfinden Sie Wiens Verkehr-Infrastruktur am komfortabelsten?
Gerstl: Das ist schwer zu sagen. Es gibt in allen Bereichen etwas zu verbessern. Wien ist eine über Jahrhunderte gewachsene Stadt, es ist keine klassische Stadt für den Autoverkehr und war auch nicht als solche geplant. Ebenso hat die Stadt zu wenig frei nutzbare Plätze. Beide Punkte stellen heute ein Problem dar.
derStandard.at: Wenn Sie sagen, Wien ist nicht auf Autos ausgelegt, wäre ja dann die einfache Konsequenz, Autos so weit wie möglich aus der Stadt zu verbannen? Beziehungsweise den Autoverkehrs-Anteil zu reduzieren, wie es die Grünen fordern?
Gerstl: Vielleicht stellt sich der kleine Maxi so die große Welt vor, aber so funktioniert das natürlich nicht. Wenn die grüne Philosophie ist, einfach keine Autos mehr rein zu lassen, dann widerspricht sie unserer diametral. Mobilität bedeutet auch Freiheit des Einzelnen, die man grundsätzlich nicht einschränken sollte. Reduktion der Mobilität bedeutet meistens auch Reduktion der Lebensqualität. Und es gibt eben Bereiche, die eindeutig durch Individualverkehr versorgt werden müssen, ich denke da etwa an Familien mit kleinen Kindern, den Zulieferverkehr sowie den Handwerker oder Vertreter, die mit schweren Taschen herumreisen müssten.
derStandard.at: Zum Thema Parkplätze - Christoph Chorherr meinte in einem derStandard.at-Interview, nichts werde so verbissen verteidigt wie Parkplätze. Sehen Sie das auch so?
Gerstl: Das ist deswegen so, weil die Stadt keine neuen Parkplätze schafft. Das ist das Problem. Die Stadt Wien hat es bisher sogar versäumt, eine Analyse zu machen wie viele Stellplätze es im gesamten öffentlichen Raum gibt. Im 8. Bezirk etwa gibt es mehr PKW-Besitzer als Stellplätze. Das kann sich nicht ausgehen. Und zwar auch nicht, wenn man das Parkpickerl ausweitet.
derStandard.at: Sind Sie für oder gegen die Ausweitung des Parkpickerls?
Gerstl: Ich bin nie für einseitige Lösungen.
derStandard.at: Das bedeutet, Sie wären dann einverstanden wenn man die Parkplatzanzahl erhöhen würde?
Gerstl: Ich bin dafür, dass man etwas bekommt, wenn man für etwas zahlt. Und ich bin dagegen, dass man mehr zahlen muss und trotzdem nichts dafür bekommt. Zu verlangen, dass die Menschen für Parkplätze zahlen und dann keinen bekommen, das ist Abzocke wie beim Spielautomaten, ein Glücksspiel. Die Grünen waren auch immer sehr gegen das kleine Glücksspiel, man sollte sich auch hier nicht auf Parkplatzroulette einlassen.
derStandard.at: Und wenn, wie von Rot-Grün geplant, eine Art „Grätzelbefragung" gemacht wird und die Bezirksbürger zustimmen? Trauen Sie Ihnen nicht zu, die für sie richtige Entscheidung zu treffen?
Gerstl: Doch, sicher. Aber ich habe etwas gegen Volksbefragungen, die nur dazu dienen dass man ein bisschen Publicity für sich selber macht. Und danach sieht es in diesem Fall eben aus. Da wird Verantwortung von der Politik an den Bürger abgeschoben. Wir leben ja in einer repräsentativen Demokratie, und wir könnten uns als Politiker durchaus trauen, etwas selber zu entscheiden. Um es zusammenzufassen: Wenn man jetzt schrittweise einfach versucht, alles gegen Autofahrer zu machen, ohne sinnvolles Konzept dahinter, dann schadet das der ganzen Stadt.
derStandard.at: Was halten Sie von „Autofreien Siedlungen"?
Gerstl: Die Erfahrungen haben gezeigt, dass es immer Leute gibt, die mit solchen neuen Konzepten zufrieden sind, meistens alleinstehende, sehr junge Leute. Wenn dann Familie da ist, dann wollen viele wieder weg, weil sie ein Auto haben wollen, um einzukaufen oder auch um aufs Land zu fahren. Meine Philosophie geht eher dahin: Wohnraum zu entwerfen, so dass es Freiraum und Grünraum gibt, aber auch genug Stellplätze. Eine reine Anti-Autofahrer-Siedlung wird langfristig nicht erfolgreich sein.
derStandard.at: Mehr Grünraum klingt ja eigentlich auch nach einer recht grünen Forderung, oder?
Gerstl: Die wahre Grünpartei ist die ÖVP. Wir unterstützen die Landwirtschaft, und ohne Landwirtschaft gäbe es in Wien das ganze Frischgemüse nicht, an dem wir uns erfreuen können. Ich bin ein absoluter Fan von Grünraum. Aber sich jetzt vorzunehmen, einfach überall neue Parks zu schaffen, das wird nicht in allen innerstädtischen Bezirken möglich sein. Darüber hinaus ist es auf Grund der demografischen Entwicklung sinnvoller, Verdichtung im innerstädtischen Bereich vorzunehmen, als Grünflächen am Stadtrand in Bauland umzuwidmen.
derStandard.at: Was halten Sie von den rot-grünen Vorsätzen im Bereich Radfahren?
Gerstl: Stadtrat Schicker hat schon bewiesen, dass es nichts nützt nur auf bestimmte Kennzahlen zu schauen. Ihm war es ein besonderes Anliegen, 1000 Kilometer Radweg zu schaffen. Wie hat er das gemacht? Er hat einfach auf beinahe jeder Straße, die ihm untergekommen ist, einen Mehrzweckstreifen anbringen lassen. Dadurch verbessert sich rein gar nichts für alle Verkehrsteilnehmer. Ich bin für sinnvolle Radweggestaltung, gut abgegrenzt vom Fußgänger- und Autoverkehr.
Bei Übergängen ist es wichtig, dass auch Radfahrer mit nicht mehr als 10 km/h über die Kreuzung fahren. Wir müssen das Rowdytum bei den Radfahrern bekämpfen, auch die Radfahrer müssen sich an alle Pflichten der Straßenverkehrsordnung halten, so wie alle Verkehrsteilnehmer.
derStandard.at: Können Sie sich einen ersten Bezirk ohne Autos vorstellen?
Gerstl: Damit würde, fürchte ich, die Vitalität des ersten Bezirks stark abnehmen. Ich glaube, man muss sehr vorsichtig vorgehen bei der Ausweitung von Fußgängerzonen, man muss gemeinsam mit den Bürgern vor Ort darüber diskutieren. Eine Justament-Haltung nützt niemandem. Wenn man alles autofrei macht, wird nicht alles besser.
derStandard.at: Was wären denn die „Leuchtturmprojekte" der Wiener ÖVP in der Verkehrspolitik, wenn Sie die Chance hätten Sie umzusetzen?
Gerstl: In erster Linie würd ich mich um die rund 300.000 Pendler kümmern, die täglich nach Wien ein- oder auspendeln. Denn wenn man es schafft, den Pendlerverkehr auf die Schiene zu verlagern, würde man viel an schädlichen Umwelteinwirkungen verhindern. Der öffentliche Verkehr muss so ausgebaut sein, dass Leute aus dem Umland ihn leichter nützen können: Außerdem müssen die Park&Ride-Anlagen am Stadtrand günstiger werden z.B. 50 Cent pro Tag - je weiter man also vom Stadtzentrum entfernt Park&Ride-Anlagen nutzt, desto billiger sollen sie werden. Man muss Pendlern schließlich die Möglichkeit bieten, kostengünstig umzusteigen - auch über Bundesland-Grenzen hinweg. Das sollten wir in einem gemeinsamen Planungs- und Verkehrsausschuss mit Wien, Niederösterreich und dem Burgenland besprechen.
Zweitens würde ich den U-Bahn-Ausbau forcieren. Was ich nicht verstehe ist, dass die Grünen eine reine Anti-U-Bahn-Partei geworden sind und nur noch Straßenbahnen bauen wollen. Sie argumentieren mit den geringeren Kosten - was richtig ist -, ich argumentiere mit der geringeren Attraktivität und Qualität. Wenn man will, dass die Leute auf öffentlichen Verkehr umsteigen, muss man aber attraktive und qualitative Verkehrsmittel schaffen, und das ist in erster Linie die U-Bahn. Wir als ÖVP Wien wollen eine U5 bauen, die U4, U6 und U3 an den Stadtrand führen und teilweise darüber hinaus. Es gäbe hier also genug Ideen, denen sich Rot-Grün widmen könnte. (derStandard.at, 10.12.2010)
WOLFGANG GERSTL ist seit dem 27. April 2001 Abgeordneter zum Wiener Landtag und
Gemeinderat für die ÖVP, zuständig für den Bereich Verkehr. Seit November ist er nicht amtsführender Stadtrat. Gerstl ist Jurist, verheiratet und hat drei Kinder.