Wenn Journalisten unfreundlich werden

9. Dezember 2010, 15:19
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Migration ist Dauerbrenner in den Printmedien - Die meisten Politiker nehmen allerdings nicht freiwillig an der Debatte teil - Integrationsdebatte vor allem in Qualitätsmedien, Boulevard polarisiert

"'Russen-Bande' hat zugeschlagen", titelt eine österreichische Tageszeitung. Doch bei den Tätern handelt es sich um keine Russen. Lediglich die brachiale Gewalt ihres Einbruches ist Anlass für diesen Vergleich. Das ist eines der vielen Beispiele dafür, wie österreichische Boulevardmedien mit sogenannten "Angstthemen" umgehen, sagt Walter Schwaiger, der am Donnerstag eine Medienanalyse der Agentur Media Affairs vorgestellt hat.

Im Auftrag von Meinungsforscher Peter Hajek und der auf Ethnomarketing spezialisierten Werbeagentur NOA analysierte die Agentur die Berichterstattung von sechs österreichischen Tageszeitungen (STANDARD, "Presse", "Kurier", "Krone", "Österreich", "Wirtschaftsblatt") und drei Wochenmagazinen ("Format", "Profil", "News) im November 2010. Neben dem Umfang der Darstellung (in gezählten Worten), wurden auch Kriterien wie die Positionierung im Blatt und die Qualität hinsichtlich migrationsfreundlicher beziehungsweise -kritischer Berichterstattung" berücksichtigt. Besonders bei der "Freundlichkeit der Berichterstattung" sei eine "gewisse Subjektivität" nicht auszuschließen, fügt Schwaiger hinzu.  

Überraschendes Ergebnis

Mit diesen Ergebnissen hätten die Studienautoren allerdings nicht gerechnet. "Überrascht hat uns, wie stark das Thema Migration in den Medien ist", sagt Schwaiger. Das Thema sei sowohl in den Boulevard-, als auch in den Qualitätsmedien in allen Ressorts "enorm präsent". "Auch, wenn Abschiebungsfälle und das Medienecho auf das Interview des türkischen Botschafters Tezcan das Bild bestimmen, so erreichen in unserer Analyse auch Themen wie Religion oder Bildung eine relevante Größe", sagt Schwaiger. Auch in den Kommentaren der Journalisten würde das Thema oft diskutiert werden.

Abschiebung mit Gesicht

Während Qualitätsmedien allerdings "tendenziell migrantenfreundlich" berichten, würde die Darstellung in Boulevardmedien stark polarisieren. Migrationspolitik, Ausländerkriminalität, Islam - die Studie zeige: Je abstrakter das Thema, desto "unfreundlicher" würden Boulevardmedien darüber berichten. "Über 50 Prozent der 'Krone'-Kommentare sind hier kritisch bis unfreundlich", erklärt Schwaiger. "Freundlicher" berichte man, sobald das Thema ein Gesicht bekommt. Schwaiger nennt hier als Beispiel den Fall der Familie Zogaj.

Vereinfachung bei "Angstthemen"

"Sobald Medien ein Thema auf Einzelfälle herunterbrechen, können sie die Menschen leichter dafür gewinnen", ergänzt Hajek. Bei Arigona Zogaj hätte Innenministerin Maria Fekter "die Gesetze von 'Krone' und 'Österreich' verstanden", als sie die "großen Rehaugen von Arigona" thematisierte, erklärt Schwaiger. Auffällig sei außerdem: "Wenn es um "Angstthemen" geht, ist die Darstellung in den Boulevardmedien durch grobe Vereinfachung geprägt".

"Die allgegenwärtige Bildungsdebatte, die Österreich seit Jahresbeginn beschäftigt, verblasst im Vergleich mit der Berichterstattung zu Migration und Integration", sagt Hajek. "Migration schlägt Bildung", heißt es kurz und bündig in einer Aussendung von Media Affairs. Auffällig sei dabei, dass im Gegensatz zur Bildungsdebatte, die Diskussion um Migrationsthemen in den Medien deutlich weniger politisch besetzt ist. 

Migrationsdebatte "auf dem Holzweg"

Weiters zeige die Studie, dass "Medien zwar die Bereitschaft haben, der Migrationsdebatte eine Bühne zu geben, die jedoch niemand betreten möchte", erklärt Schwaiger. Drei Viertel der Berichterstattung im November sei von den Journalisten eigeninitiiert gewesen. Im Vergleich dazu wären Artikel über die Bildungsdebatte im Schnitt nur etwa zu einem Drittel von der Eigenititiative des Journalisten ausgegangen. Das zeige, dass es an Dialogpartnern fehle, erklärt Schwaiger, der die Migrationsdebatte in den Medien aus diesem Grund "auf dem Holzweg" sieht. Wenn politische Akteure beim Thema Migration Stellung nehmen, "dann wurden sie meist von den Medien auf diese Bühne gezwungen", führt Schwaiger fort.

Wirtschaftliche Aspekte wie Migranten als Kunden oder Unternehmer werden ausschließlich in Qualitätsmedien behandelt, so die Studienautoren. Auffallend sei, dass sich das "Wirtschaftsblatt" nur marginal mit wirtschaftlichen Aspekten der Migration beschäftige.

"Kurier" führt beim Umfang der Berichterstattung

Was den Umfang der Berichterstattung betrifft, führt der "Kurier" vor "Presse" und STANDARD das Ranking an. Keine negative Berichterstattung haben die Studienautoren in "Format" und "Profil" entdeckt, siehe Grafik links. Den prozentuell größten Anteil an negativer Berichterstattung hatten demnach "Österreich" und "Krone".

Migration als Chance, würden vor allem Qualitätsmedien transportieren. "Derzeit wird die Migrations- und Integrationsdebatte von den Qualitätszeitungen getragen und das sollte der Politik, der Wirtschaft und den Wählern zu denken geben", sagt Darko Miloradovic von NOA. (Daniela Neubacher, derStandard.at, 9. Dezember 2010)

  • Das Thema Migration "nimmt im Gegensatz zur Bildung doppelt so viel Raum in Österreichs Printmedien" und "ist nur zu einem Viertel politisch besetzt".
    grafik: media affairs

    Das Thema Migration "nimmt im Gegensatz zur Bildung doppelt so viel Raum in Österreichs Printmedien" und "ist nur zu einem Viertel politisch besetzt".

  • Medien-Ranking: Anzahl und Art der Berichterstattung.
    grafik: media affairs

    Medien-Ranking: Anzahl und Art der Berichterstattung.

  • Positiv, neutral, negativ: Qualität der Berichterstattung in österreichischen Printmedien
    grafik: media affairs

    Positiv, neutral, negativ: Qualität der Berichterstattung in österreichischen Printmedien

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