Leseforscher Alfred Schabmann über überforderte Lehrer, Eltern, die therapeutische Odysseen hinter sich haben, und warum weder Kinesiologie noch Ideologie beim Lesen helfen
STANDARD: Hat Sie das schlechte Abschneiden der österreichischen Schüler bei Pisa 2009 überrascht?
Schabmann: Überhaupt nicht, denn wir haben schon seit vielen Jahren, um nicht zu sagen Jahrzehnten, den Befund, dass es vor allem die schwächsten Leser sind, die im Verlauf der Volksschule - und wohl auch später - hinter die anderen zurückfallen, zumal durch die frühe Trennung in AHS und Hauptschule.
STANDARD: Wie erklären Sie sich diese massive Leseschwäche?
Schabmann: Es gibt sicher Versäumnisse vonseiten der Schulpolitik: Auf wissenschaftliche Ergebnisse, nicht nur Pisa, wurde schon in der Vergangenheit nicht ausreichend und vor allem nicht nachhaltig und umfassend reagiert. Allenfalls wurden Schuldige gesucht: Lehrer, Eltern, Migranten. Es wurde weitergewurstelt. Allerdings sind dabei auch einige ganz vernünftige Projekte abgefallen, aber das alles ist zu punktuell und ohne ein umfassenderes Konzept.
STANDARD: Welche lesefördernden Maßnahmen wären nötig gewesen, um Fortschritte zu erzielen?
Schabmann: Lesen ist ein so zentrales Anliegen des Unterrichts, dass es viel stärker Inhalt der Lehrerausbildung sein muss als bisher. Das heißt Beschäftigung mit Leseforschung. Speziell benötigen Lehrer bessere Kompetenzen, um Leseschwäche zu erkennen und entsprechend und rasch zu reagieren. Sie brauchen mehr Wissen über die Vermittlung von Lesekompetenzen. Eltern, aber auch Lehrer stehen einer Lese-Rechtschreibstörung oft hilflos gegenüber. Manche Eltern haben eine Odyssee an oft völlig unzulänglichen Therapeuten hinter sich. All das muss flächendeckend eingerichtet werden.
STANDARD: Wie lehrt man Lesen richtig?
Schabmann: In den ersten Klassen muss natürlich das Dekodieren, also Wortlesen, erlernt werden. Ein gutes Zeugnis kann man in diesem Zusammenhang übrigens den Schulbüchern in Österreich ausstellen: Es hat sich gezeigt, dass in Klassen, in denen strikt nach dem jeweiligen Buch vorgegangen wird und der Unterricht allgemein gut strukturiert ist, deutlich weniger leseschwache Schüler sind. Man muss betonen, die meisten Lehrer sind äußerst bemüht. Aber sie sind, gerade was die schwächsten Leser betrifft, oft völlig alleingelassen, ungenügend ausgebildet und zu wenig unterstützt. Diese Hilflosigkeit geht bis in die Flucht zu "alternativen Methoden" wie Kinesiologie und anderem.
STANDARD: Welche Faktoren entscheiden über die Leseleistung?
Schabmann: Individuelle Lernvoraussetzungen, aber nicht primär Testintelligenz, eher gute sprachliche Fähigkeiten. Der Unterricht, er spielt anfangs beim Worterkennen eine größere Rolle, später beim Leseverständnis. Ein wichtiger Faktor ist die Förderung durch das Elternhaus, die Lesenähe der Familie. Gibt es Bücher, wird dem Kind vorgelesen, soll es selbst vorlesen, wird über Texte geredet? Dazu kommt eine sozio-ökonomische Komponente, und einen gewissen Einfluss haben auch emotionale und soziale Faktoren in der Schule.
STANDARD: Gesamtschulgegner sagen jetzt: "Ha! Lesen wird in der Volksschule erworben, und das ist ja eine Gesamtschule."
Schabmann: Wir konnten schon 1995 zeigen, dass sich die Kinder im Lesen der Schulart annähern, die gewählt wurde. Man kann statistisch die Kinder herausfiltern, die aufgrund ihrer Leistungen eigentlich in die Hauptschule gehen müssten, die aber in die AHS gehen - und umgekehrt. Es zeigt sich, dass sich Erstere den Leistungen der AHS annähern und Letztere den Leistungen der Hauptschule. Mit anderen Worten: Die, die trotz guter Leistungen in der Hauptschule landen, werden schlechter, und die, die trotz schwächerer Leistungen in die AHS gehen, werden besser.
STANDARD: Wie kann ein Kind Lesedefizite denn aufholen?
Schabmann: Mit gezieltem Training, das gilt für die allermeisten Schüler mit Leseschwächen. Allerdings ist die Chance eines Schülers, seine Leseschwierigkeiten zu überwinden, im Moment statistisch gesehen äußerst gering.
STANDARD: Was raten Sie als Leseforscher jetzt?
Schabmann: Wir sollten nicht bei irgendeiner Gruppe Schuldige suchen, denn wenn man so will, haben viele versagt: die Politik, weil sie keine klareren Richtlinien vorgibt, etwa für Lehrerausbildung oder Evaluation des Unterrichts. Die Ausbildner, weil die Lehrpläne offenbar nicht für praktisch relevantes Handeln ausreichen. Die Lehrer, weil sich bei weitem nicht alle eigenständig weiterbilden. Die Wissenschaft, weil sie eine gewisse Bringschuld offenbar nicht gut genug erfüllt hat. Schließlich die Presse, weil sie mit den Ergebnissen nicht immer seriös umgeht und Lese-Rankings bisweilen so behandelt, als wäre es das Ergebnis eines Skilaufs, bei dem es um Hundertstel geht. Die Versäumnisse sollten schlichtweg nachgeholt werden. Wir sollten uns unter Bündelung unserer Kräfte den vielzitierten "Ruck" geben und das Notwendige umsetzen. Das wird auch noch Forschung brauchen, sicher auch Geld, vor allem aber endlich Offenheit und "evidence-based policy", also faktenbasierte Politik statt Ideologien welcher Art auch immer. (Lisa Nimmervoll/DER STANDARD-Printausgabe, 9.12.2010)
ALFRED SCHABMANN (49), Psychologe am Institut für
Wirtschaftspsychologie, Bildungspsychologie und Evaluation der Uni Wien.
Arbeitsschwerpunkte u. a. vorschulische Sprachförderung,
Unterrichtsforschung und Längsschnittuntersuchungen über die Entwicklung
von Lese- und Rechtschreibleistung.