Pisa-Koordinator Schleicher: "Gemeinsame Schule selbstverständlich"

  • "Niemand würde dort einem Teil der Zehnjährigen sagen, sie sind nicht als Wissensarbeiter geeignet."
    foto: oecd

    "Niemand würde dort einem Teil der Zehnjährigen sagen, sie sind nicht als Wissensarbeiter geeignet."

OECD-Pisa-Koordinator Andreas Schleicher über Pisa-Überflieger Schanghai, den Umgang mit Vielfalt und Kinder, die zu Zuarbeitern für die Wissensarbeiter gemacht werden

STANDARD: Österreich muss einen Absturz beim Lesen auf Platz 31 der 34 OECD-Staaten verkraften. Wie muss darauf reagiert werden?

Schleicher: Ein Land wie Österreich muss sich mit den leistungsstärksten Bildungssystemen messen. Diese ersetzen Detailregulierung durch strategische Zielsetzungen, verknüpfen Lehrpläne, Standards und Rückmeldesysteme wirksam und schaffen Anreiz- und Unterstützungssysteme, die Lehrer motivieren, sich kreativ einzubringen und Verantwortung für Bildungsleistungen zu übernehmen. Sie antworten auf die verschiedenen Interessen, Fähigkeiten und sozialen Kontexte der Schüler nicht mit institutioneller Fragmentierung und verschiedenen Schulformen, sondern mit einem konstruktiven und individuellen Umgang mit Vielfalt. Schulen sind dort Lernorganisationen, in denen Lehrer voneinander und miteinander lernen, mit einem professionellen Management und einem Arbeitsumfeld, das sich durch mehr Differenzierung im Aufgabenbereich, bessere Karriereaussichten und Entwicklungsperspektiven, die Stärkung von Verbindungen zu anderen Berufsfeldern und mehr Verantwortung für Lernergebnisse auszeichnet.

STANDARD: Der überragende Sieger bei Pisa 2009 ist Pisa-Partner Schanghai. Was sind die Erfolgsfaktoren des dortigen Schulsystems?

Schleicher: Zwei Dinge stehen dort im Mittelpunkt: Die konsequente Ausrichtung aller Bildungsanstrengungen an der Zielvorstellung, dass alle Schüler hohe Bildungsleistungen erzielen können, dass gewöhnliche Schüler außergewöhnliche Fähigkeiten haben, die es zu finden und zu fördern gilt. Dazu zählt die Förderung der Fähigkeit und Motivation jedes einzelnen Schülers. Das erfordert Unterrichtsstrategien, die an die Schüler hohe Erwartungen stellen und sie in Lernprozesse einbinden, die Lehrer und anderes Personal kreativ und flexibel einsetzen, um verschiedene Lernwege und -stile individuell zu unterstützen. Und es gelingt dort, durch Anreizsysteme die fähigsten Lehrer für die schwierigsten Klassen und Schulen zu gewinnen.

STANDARD: In der Analyse der OECD liest man ein relativ klares Plädoyer für eine gemeinsame Schule heraus. Wer zu früh trennt, hat einen starken Einfluss des familiären Hintergrunds, aber keine Leistungszuwächse, ist zu lesen.

Schleicher: In den leistungsstärksten Pisa-Staaten ist es Aufgabe der Schule, konstruktiv und individuell mit Leistungsunterschieden umzugehen, das heißt Schwächen und Benachteiligungen auszugleichen als auch Talente zu finden und zu fördern - und zwar ohne dass die Möglichkeit bestünde, die Verantwortung allein auf die Lernenden zu schieben, also Schüler den Jahrgang wiederholen zu lassen oder sie in Bildungsgänge oder Schulformen mit geringeren Leistungsanforderungen zu transferieren. Eine längere gemeinsame Schule ist in diesen Staaten Selbstverständlichkeit. Dort würde niemand auf die Idee kommen, im Alter von zehn Jahren einem Teil der Kinder zu sagen, dass sie nicht als Wissensarbeiter geeignet sind und sich lieber darauf konzentrieren sollen, für die Wissensarbeiter zu arbeiten.

STANDARD: Österreich zeigt einen sehr großen Einfluss des sozio-ökonomischen Hintergrunds der Familie auf Schülerleistungen. Wie geht es chancengerechter?

Schleicher: In diesen Ländern ist es selbstverständlich, Sorge zu tragen, dass das Potenzial von Schülern aus sozial schwierigerem Umfeld zur Geltung gebracht wird. Dazu reicht es nicht, überall gleichförmige Lernbedingungen zu schaffen, sondern es gilt umgekehrt sicherzustellen, dass Lernbedingungen so flexibilisiert werden, dass Lernerfolg nicht länger vom sozialen Kontext abhängt. (Lisa Nimmervoll/DER STANDARD-Printausgabe, 9.12.2010)

ANDREAS SCHLEICHER (46) leitet die Abteilung Indikatoren und Analysen im OECD-Direktorat für Bildung. Der gebürtige Deutsche (studierte Physik und Mathematik) ist "Erfinder" der Pisa-Studie.

Share if you care
Posting 1 bis 25 von 110
1 2 3
die ewig gestrige övp wehrt sich noch.

eine wirtschaftspartei, welche sich mit vielen notdürftig gebildeten menschen zufrieden gibt, sollte sich schämen.

zur scham gehört aber anstand.

Das versteht doch jeder halbwegs intelligente Mensch, bei

und müssen aber leider noch ein paar ideologische Hürden beseitigt werden.

@shanghai

in asien wird bildung ganz anders bewertet als in österreich. man wird sich daran gewöhnen müssen dass man weltweit eben eher zu den dummen zählt. daran trägt die österreichische politik aber auch die generelle haltung des durchschnittlichen österreichers zu bildungsfragen schuld.

das wird auf lange sicht auch nicht aus den köpfen zu bringen sein - österreich tendiert zum dritte welt land im bildungsbereich.

Asien kann mit uns kaum verglichen werden, weil wir keinen kompletten Kulturaustausch machen können.
Oder kann sich jemand den dortigen Drill, der bei uns vor 50 oder eher noch vor 100 Jahren üblich war, in unserer Gesellschaft vorstellen?
Das ist dort aber der Alltag, der voll akzeptiert wird, weil es eben ein grundsätzlicher Kulturbestandteil ist.
Heute versucht man aber immer mehr den Mittelweg der 68er Kuschelpädogigik (schmälert die eigene Verantwortlichkeit) und der Staberlautorität (destruktiv und demotivierend) zu finden.

Pisa gibt nicht Auskunft über die ganze Persönlichkeit und die Zukunftsperspektiven des Menschen und es wäre äußerst gefährlich, alles nur PISA unterzuordnen!

interessante ansicht - aus erfahrung kann ich ihnen aber sagen dass sie komplett falsch liegen.

ich lebe in singapur und wenn ich erwähne dass ich akademiker bin werden mir rosen gestreut - die menschen zeigen respekt - nicht selten wird man gefragt ob man vor hat länger zu bleiben, da das land qualifizierte kluge menschen braucht.

wenn ich in österreich erwähnte dass ich studiere war eine generelle frage was ich nachher mit dem studium anfangen kann und wann ich endlich fertig bin - mit dem unnötigen zeitverschwenden.

bildung ist hier ein nobles gut - glauben sie mir, es fühlt sich gut an. aber gewiss, jede gesellschaft hat schwächen, die österreichische ist die abneigung gegenüber bildung.

PISA ist nicht alles keine frage...

Zugegeben, ich kenne diesen extremen Frontalunterricht hauptsächlich aus den Medien. Und die dortige Erziehungspraxis kennt man auch nicht viel anders, nicht nur von Urlaubern, sondern von zahlreichen Dokus. Besser oder schlechter sei dahingestellt, jedenfalls anders.
Aber Ihre Schilderung schließt das sowieso nicht unbedingt aus.

ich habe einige zeit in shanghai und nun in singapur studiert und würde mir nicht anmaßen ein aus dokus (welchen auch immer sie glauben schenken) oder von urlaubern porträtiertes bildungs- und erziehungssystem zu vertreten.

ich gebe ihnen schon recht - hier lastet viel druck auf jungen menschen oft schon auf kindern. nun aber allen dokus glauben zu schenken die japanische schüler kurz vor dem selbstmord und in absoluter isolation darstellen empfinde ich als naiv. dokumentationen müssen extremzustände aufzeigen, sonst sind sie uninteressant.

in österreich igelt man sich einfach ein - mir san mir - und alles andere ist extremer frontalunterricht - nett.

Es geht nicht um besondere Dokus, sondern das ist Allgemeinwissen, nicht nur österreichisches. Ich persönlich schätze mich übrigens nicht übermäßig vertrauensselig ein, besonders nicht im Internet, wo allerlei Unüberprüfbares geschrieben werden kann.

dieses allgemeinwissen sollten sie mir nochmal genauer erklären.

"Shanghai: Kinder leiden unter Drill und Wettbewerb."

http://diepresse.com/home/bild... ect=612554

Aus der Dissertation "Bildung und Erziehung in der Volksrepublik China" (2006):
"Die klassische Form des Lernens beruht in China auf dem Auswendiglernen, sturem
Wiederholen und weiteren Einprägungstechniken. …Es gilt in China als unbestritten, dass Auswendiglernen, unzählige Wiederholungen und Einprägen in jeglicher Form, einen wesentlichen Beitrag zum Zugang und zum Verständnis von zu Lernendem leisten."

Mehr darin über die Verschiedenheit der westlichen und östlichen Kultur:
http://www1.unisg.ch/www/edis.nsf

natürlich sind die kulturen verschieden, natürlich sind es unterschiedliche methoden und ich bezweifle auch nicht dass in asien mehr druck auf den menschen lastet.

der punkt von dem sie mich so beharrlich abbringen wollen ist aber ein anderer. bildung hat einen ganz anderen stellenwert. und weil bildung so hoch geschätzt wird, wird auch alles daran gesetzt sich so weit als möglich zu bilden.

ich kann über schulsysteme nicht viel sagen-aber aus einem land kommend das bei PISA in den letzten rängen liegt würde ich es mir nicht trauen die besten in frage zu stellen.
dieses relativieren hat österreich nie weitergeholfen.

"der punkt von dem sie mich so beharrlich abbringen wollen ist aber ein anderer. bildung hat einen ganz anderen stellenwert."

Auch die dortige hohe Anerkennung der Bildung/Lehrer zähle ich zum Allgemeinwissen, derzeit in der Öff. mehr als früher vielleicht. Habe ich aber sowieso nirgends bestritten.
Bemerkenswert, dass sich Finnland und China in dieser Beziehung ähneln.

Mit Drill kann man Leistung erreichen

Aber das ist nichts Neues, wie schon angemerkt. Auch die negativen Begleiterscheinungen sind bekannt, PISAs Verwendbarkeit ist begrenzt und tw. unmöglich.
Die Kombination entspricht der heutigen Päd. und das könnte dadurch einen höheren Stellenwert bekommen:
"Den Schülerinnen und Schülern soll die
Schule Freude machen, ohne dass der
Leistungsgedanke verteufelt wird." (Kotanko im Kurier)

Bitte können wir uns einmal auf das wesentliche Konzentrieren

und zwar wie wir die Bildung in den Klassen besser machen können, wie wir Anrzeizsysteme für gute Lehrer schaffen können, wie wir intern Schule Evaluieren, wie wir den Parteieinfluss durch ein professionelles didaktisches Schulmanagement ersetzen können etc.

Und können wir einmal mit dieser unsäglichen Debatte über Gesamtschule, die uns seit 30 Jahren lähmt, die überdies nur die 10 - 14 jährigen betrifft, und die sicher leichter geführt werden könnte wenn die Volkschulen etwas besser werden würden (vor allem in Wien).

Schade

Kanpp daneben ist halt auch daneben.
Herr Schleicher hat offensichtlich nichts davon geagt, dass man sich aus seinen Darstellungen die Dinge heraussuchen soll, die einem gerade ins Konzept passen.

Genau und deshalb soll die SPÖ und die Schmied nicht siet 30 Jahren Bildungspotlik mit Gesamtschule gleichsetzen.

Ihr Gewinsel ist echt schon bemitleidenswert!

Kein Argument, keine Idee ...

Wie fördert man in eine individualisierten Gesamtschule Kinder, die Schwierigkeiten haben selbsstständig Strukturen einzuhalten und bei Frontalunterricht die besten Leistungen erbringen?

Mehrere Leistungsstufen in einer Klasse klingt nach unglaublicher Flut an individueller Zettelwirtschaft und kurzen Erklärungen im Flüsterton.

Und da müssen dann ALLE durch, damit wir ja keinen "Wissensarbeiter" verlieren und ganz nebenbei die Minderwertigkeit der Lehrberufe mitvermittelt wird.

Weiter so?

Wohl schon lange nicht mehr in einer funktionierenden Einrichtung für Aus- und Weiterbildung gewesen?
Sollten wir uns an Konzepten von Ländern orientieren, die noch schlechter sind als wir?

Wer sagt was von weiter so?

Für alle das Gleiche ist selten für jeden das Beste!

Es gibt Kinder, die sehr von selbstständiger Arbeit profitieren und andere die stärker die klassische Lehre brauchen, manche den Wechsel.....

Ein Konzept für alle wird nie funktionieren!
Wir sollten endlich aufhören, die Diskussion über alle gleich (Gesamtschule) oder Teilung in besser und schlechter (HS-Gym) zu führen und uns mehr Gedanken darüber machen, wie Kinder in für sie geeignete Lernumfelder finden, die wie gesagt, nicht für alle gleich sind!

Er erwähnt von sich aus Gesamtschule einmal Individualisierung, Evaluierung und Anreizsystem für Lehrer aber 5 mal

nur davon will die SPÖ, die Grünen und anscheinend der Standard nichts wissen, obwohl hier die ganze Öffentlichkeit dafür wäre, obwohl es hier keine stantipe-Differenzen zwischen den Parteien gäbe.

Für Assgange und US-Botschaftsdepeschen würden unsere Transparenz-Schreier durchs feuer gehen, aber wenn es um die veröffentlichung von Evaluierung im Bundesländer, Schultyp- oder gar Schul-Vergleich geht, da sind sie dagegen.

Die Linke ist einfach verlogen, die Kinder interessieren sie nicht sondern ihre Ideologie und Feindbilder und so ist nichts zu machen.

....und welche Schlüsse ziehen Sie aus ihrer etwas wirren Meinung?
....und was genau ist an der Linken so verlogen?
....sind Meinungen, die nicht Ihre sind immer "links"?

Also sein statement zur gemeinsamen Schule

lässt an Deutlichkeit wenig zu wünschen übrig...
Dass der Name "Gesamtschule" ohne ein komplettes Massnahmenpaket nicht automatisch alles von alleine regelt, ist ja wohl eh klar (obwohl, in Ö vielleicht auch nicht...)

Und noch was werter "madrid"

... Unterstellen Sie ihre eigene ideollogische Haltung nicht anderen!
So apodiktische Sätze / Aussagen wie "die Kinder interessieren sie nicht" sind einerseits bar jeglichen Lebensbezuges und von einer aggressiven Widerwärtigkeit, die auf ihre eigene Person zurückfällt!

Das ist ja ganz offensichtliche Beobachtung, wenn man sieht wie Faymann auf die Festellung von Leseschwächen reagiert: Gesamtschule, obwohl sich alle Experten einig sind dass diese auf die Volksschule oder früher zu 90 % rückführbar sind.

Es geht um Parteiprogramm und Geld für Pensionisten, was interessiert die SPÖ nicht mehr.

Posting 1 bis 25 von 110
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.