Wenn Mode ein Ausdruck der Persönlichkeit ist, ist Persönlichkeit - zumindest im Business - nicht gefragt - Wer keine Zugehörigkeit in Sachen Kleidung signalisiert, wird maximal geduldet - Das darf doch bitte hinterfragt werden
"Wir möchten unsere Kunden bitten, nicht in Pyjamas oder Nachthemden einzukaufen", wurde unlängst ein Dresscode in einem Supermarkt in Cardiff eingeführt. "Schuhe müssen immer getragen werden, Nachtwäsche ist verboten", heißt es in der dortigen Kleiderordnung. Zu viele Kunden hätten sich über den allzu legeren Kleidungsstil mancher beschwert, heißt es aus der dortigen Direktion. Ein Extrembeispiel. Es sind aber diese Beispiele, die deutlich machen, dass bei bestimmten Tätigkeiten oder Anlässen einfach auch passende Kleidung gern gesehen ist. Selbst im privaten Bereich scheint es hier Grenzen zu geben. Anders ist das bei der Arbeitskleidung, dem vielzitierten Business-Dresscode.
"Semiotisches Statement"
In den allermeisten Unternehmen gibt es einen solchen, zwar nicht festgeschrieben, aber oft als Faktum angenommen. So auch bei IBM. Vor Jahren machte das Unternehmen unter anderem auch Schlagzeilen mit einer angeblichen Kleiderordnung. "Allerdings", sagt Georg Haberl von IBM Österreich, "ist es schon so, dass man diesen Bereich sehr wohl als Teil der Managementaufgaben sieht." In gewisser Weise, so sagt er, sei die dem Arbeitsplatz und dem Gegenüber angemessene Kleidung als semiotisches Statement zu verstehen. "Es geht einfach auch um Respekt - den Kollegen gegenüber, den Kunden gegenüber." Ähnlich verhält es sich bei der Erste Bank. Auch hier ist aus der Human-Resources-Abteilung zu hören, dass es keinen "festgeschriebenen" Dresscode gebe. Der gewünschte Bekleidungsstil werde nach dem Motto "Sitten und Gebräuchlichkeiten" von der jeweiligen Führungskraft an den Mitarbeiter direkt weitergegeben. Einleuchtend.
Bedeutende Kür
Allerdings: Zwischen korrekt und gut gekleidet ist ein meilenweiter Unterschied. Das heißt nicht, dass man jeden Trend mitmachen und jeden Designer kennen muss, bleibt aber dennoch eine Herausforderung hinsichtlich des individuellen Geschmacks und der Zumutbarkeit für jene, die einen umgeben. Mut und ein wenig Interesse für modische Belange können nicht schaden - selbstredend. Carl Tillessen etwa, einer der Gründer und Designer des Berliner Modelabels Firma schrieb in einem Beitrag im Manager Magazin Anfang des Jahres, dass es selbst in der streng reglementierten Welt der Businesskleidung eine Pflicht, aber auch eine Kür gebe - egal wie gut man die Pflicht absolviere, wenn man in der Kür versage, habe man trotzdem verloren. Tillessen: "Bei der Anzugpflicht ist der Anzug Pflicht, und der modische Schnitt ist die Kür. Der modische Schnitt signalisiert: Dieser Mann ist nicht stehengeblieben. Er ist geistig beweglich. Dieser Mann ist auf der Höhe der Zeit." Gut.
Wenig Schutz vor Geschmacklosigkeit oder Eitelkeit
Nur: Nicht jeder Mann oder jede Frau ist in Sachen Stil wie Geschmack so treffsicher und schon gar kein Trendsetter wie einst der legendäre Edward "David" Herzog von Windsor, Namensgeber des gleichnamigen Krawattenknotens, Erfinder der Bügelfalte für das Hosenbein. Wer sich bei den Businesscodes in Sachen Kleidung absichern will, sucht meist Rat bei sogenannten Dresscode-Experten. Allerdings entfernt man sich auf diesem Pfad tendenziell von modischen Belangen, bzw. setzen sich diese Dress-Coaches gar nicht erst das "Hütchen Mode" auf. Sie raten tendenziell zu konservativer Kleidung, weil "sichere Seite" oder weniger Interpretationsspielraum für das jeweilige Gegenüber. Und vor allem im Zuge der vielzitierten Wirtschaftskrise sei, so sagen die Dresscode-Spezialisten, der Kleidungsstil noch strenger geworden. Unternehmen legen angeblich mehr Wert auf tadelloses und höchst korrektes Aussehen ihrer Repräsentanten nach außen. Ratschläge, die für Männer wie Frauen gleichermaßen gelten.
Designer wie Stylisten (im landläufig bekannten Sinn) argumentieren demgegenüber, dass konservative Kleidung keinen Schutzschild vor Geschmacklosigkeit oder Eitelkeit bieten könne. Selbst in ihrer vermeintlich korrektesten Darstellung wird sie immer noch ein Statement abgeben. Egal wie man es dreht und wendet. Der Spielraum für Interpretationen bleibt riesengroß.
"Grau, fahl und eher mittelmäßig"
Wenn also in einen Menschen mit "korrekter" Kleidung reine Pflichterfüllung und "Dienst nach Vorschrift" interpretiert werden kann, warum nicht gleich drauf pfeifen - meinen viele und tragen ungeniert ihren Luxus nach außen. Es sei ihnen gegönnt. Ob nun unter anderem durch den kürzlich auch in Österreich angelaufenen Kinostreifen Wallstreet 2 der Trend einer "neuen Opulenz" in Sachen Business-Style auf den Straßen erkennbar sei, kann Designer Gregor Pirouzi zumindest für Österreich verneinen. "Grau, fahl und eher mittelmäßig" beschreibt er das modische Empfinden der heimischen Anzugträger. Und eine neue - wenn es sie denn tatsächlich gebe - Opulenz an der Wallstreet könne er sich nur damit erklären, dass diesen Menschen mittlerweile vieles "noch egaler ist als vorher". "Da gibt es alle möglichen Spielformen, die mir da einfallen", so Pirouzi.
Notwendigkeit zur Uniformierung
Diejenigen, die Pirouzi als Österreich-Geschäftsführer des Unterwäschlabels Agent Provocateur mehr Interesse für das Unten-drunter als für das Oben-drüber unterstellen, werden Lügen gestraft, wissen sie doch nicht, dass der Designer davor für Größen wie Armani oder Vivienne Westwood gearbeitet hat. Auch trägt eine gemeinsam mit Hermann Fankhauser - neben Helga Schania Teil des Designerduos Wendy & Jim - entworfene "Galakollektion" für Licona Pirouzis Handschrift. Selbst als Designer gesteht einem Dresscode etwas Gutes zu, "es gibt sicher eine gewisse Notwendigkeit in Sachen Uniformierung, um die Norm in einem Unternehmen dazustellen oder einfach um sich vor Mobbing zu schützen. Egal ob in Banken oder Modefirmen - die Leute sind irgendwie dann doch alle gleich angezogen", sagt er.
Versteckter Luxus
Und wenn wer wirklich gut angezogen ist, dann ist das meist "mit freiem Auge" nicht erkennbar, so Pirouzi weiter. Selbst im Banking-District von London, seiner favorisierten Modemetropole (zumindest in Sachen Anzug) sei das nicht der Fall. "Die Kenner und Könner sehen das", weiß er. Und in Sachen luxuriöser Details bleibe man auch gerne "unter sich". Da gehe es um dezent versteckte Details wie etwa das Innenfutter, die handgemachte Knopfleiste, das Revers, die Manschettenknöpfe zum Beispiel. Das gelte auch für Frauen - und mit dem Material stehe und falle quasi sowieso alles, so Pirouzi sinngemäß. Im Business eher nicht denkbar ist "bunt", sagt er. "Schade eigentlich. Der bunte Vogel, wenn man so will, das Farbenspiel zeugt von einer gewissen Unkontrolliertheit, einem Chaosdasein - das will man freilich nicht vermitteln."
Wunsch nach mehr Authentizität
Neben der Uniformität in Sachen Kleidung, würden sich viele - und darunter auch Personalchefs - über mehr Authentizität freuen. Nicht nur dass verschiedene, passend zur Strenge gewählte verspielte Details dem Gegenüber mehr Kontur verleihen würden - vielleicht auch mehr Angriffsfläche (was ist so schlecht dran?) -, es gebe, einmal grundsätzlich gesprochen, mehr zu schauen. Ob das zur eigenen Erbauung geschieht oder nicht, ein bisschen mehr Auseinandersetzung mit dem Modischen würde uns wahrscheinlich gut zu Gesicht stehen. Und zum Schluss wieder Tillessen: "Mode hat immer auch etwas mit Mut zu tun. Wer versucht, es mit seiner Kleidung allen recht zu machen, der darf sich nicht darüber wundern, dass seine Umwelt in einem Schafspelz keinen Wolf vermutet, sondern ein Schaf." (Heidi Aichinger, DER STANDARD, Printausgabe, Portfolio 2011, 7.12.2010)