Wie der "Rote Bus" zum "Toten Bus" wurde und warum Frau Pudschögl darunter leidet - Besuch im Südburgenland, einer benachteiligten Region
Mit klammen Fingern tastet Frau Pudschögl nach dem Zettel in ihrer Jacke, den ihr der Bürgermeister in die Hand gedrückt hat. "Also bitte, jetzt muss ich hinauf fahren um 7.16 Uhr, und zurück komm' ich erst um 13.55 Uhr", sagt die zierliche Dame, dick eingepackt in Winterkleidung, während sie den Fahrplan studiert. "Ein Wahnsinn! Da muss ich mich den halben Tag ins Wirtshaus setzen, oder was?", klagt die Pensionistin.
Hermine Pudschögl muss wie die anderen Bewohner in Moschendorf seit Montag auf ihren Roten Bus verzichten. Alle zwei Stunden fuhr der Linienbus nämlich von Güssing nach Oberwart und nahm auch die Menschen dazwischen - in Kleinstgemeinden wie Strem, Bildein, Eberau und Moschendorf - mit. Gerade älteren Menschen waren die beiden Busse, die ab 2002 die Region um Güssing abfuhren, ein nützliches Transportmittel, um Einkäufe zu erledigen oder den Arzt zu besuchen. In den kleinen Orten galt der Pinkatal-Stremtalbus - wegen seiner Lackierung bald nur mehr Roter Bus gerufen - als einziges öffentliches Verkehrsmittel, das regemäßig vorbeikam. Zumindest bis Samstag, 4. Dezember.
"Das war meine letzte Freiheit"
Frau Pudschögl fuhr gern mit ein paar gleichaltrigen Freundinnen zur Buschenschank, sie erledigte mit dem Bus ihre Einkäufe. Ein Geschäft in Moschendorf gibt es nicht. "Das war meine letzte Freiheit, die ich noch hatte, dass ich bestimmen konnte, wann ich wohin fahre", sagt sie. "Jetzt muss ich meine Schwester fragen, wenn ich zum Hofer will."
Die Passagiere des "Roten Busses" sind Opfer einer Sparidee des Verkehrsministeriums. Pro Fahrt Güssing-Oberwart saßen zwar insgesamt 17 Personen im Bus, verweist Güssings Bürgermeister Peter Vadasz (ÖVP) auf eine Erhebung. Im Schnitt fuhren aber laut Frequenzzählung - wie das im Verkehrsministeriums-Deutsch heißt - nur drei Leute gleichzeitig mit. Zu wenig für den Bund, der die Mindestfrequenz bei zehn Personen pro Fahrt festlegte - und seine bisherige Förderung von 100.000 Euro nicht mehr zahlen wird.
"Stirb, Güssing!"
"Man kann nicht eine dünn besiedelte Region mit Ballungszentren vergleichen und dann sagen: Wenn der Bus die Zahlen nicht schafft, dann drehen wir euch das Geld ab. Das ist für mich eine unverantwortbare Regionalpolitik", ärgert sich Bürgermeister Vadasz. Der 66-Jährige, seit fast zwei Dekaden Güssinger Stadtoberhaupt, berichtet mit einigem Stolz von lokalen Erfolgen: Als energie-autarke Modellstadt wird Güssing in ganz Österreich im Munde geführt. "Das ist jetzt aber eine Politik vom Bund und zum Teil auch vom Land, die zur Region sagt: Stirb!" Er spricht von Zynismus, wenn man eine an Einwohnern (= Wählern) arme Region "elendig im Stich lässt".
Bürgermeister wirft Niessl Wortbruch vor
Was war passiert? Nachdem das Verkehrsministerium seine zuletzt 100.000 Euro nicht mehr zahlen wollte, bemühte sich Bürgermeister Vadasz, im Ehrenamt auch Obmann jenes Verkehrsverbands, der den "Roten Bus" betreibt, zumindest um eine Zusicherung des Landes. Landeshauptmann Hans Niessl (SPÖ) habe ihm bei einem Zusammensein im Feuerwehrkommando Eisenstadt "in die Hand versprochen", das Land werde weiterhin den bisherigen Anteil leisten.
Wenige Tage später bekam Vadasz Post von der Landesregierung: Künftig gebe es rund 52.000 Euro weniger vom Land. Zwar steuerten die Gemeinden selbst bisher rund 110.000 Euro im Jahr bei. "Für einen regelmäßigen Busbetrieb reicht unser Geld allein nicht mehr", sagt Vadasz aber.
Land Burgenland: Wären verhandlungsbereit
Im Landesamt in Eisenstadt sieht man das ganz anders. "Der Bund ist der Auslöser, weil er mehr als 100.000 nicht mehr bezahlt", erklärt der burgenländische Verkehrskoordinator Thomas Perlaky. Und dass die Kürzung der Landesförderung zur gänzlichen Einstellung des Roten Busses führte? "Das war für uns nicht klar, Wir sind ja nicht der Gemeindeverband." Es sei jedenfalls unzulässig zu sagen, das Land sei schuld.
So sieht man das auch im Büro von Landesrätin Verena Dunst, die zugleich SPÖ-Bezirksobfrau in Güssing ist. "Die SPÖ wollte den Roten Bus niemals einstellen, sondern nur effektiver machen", sagt ihr Sprecher. Das heiße zwar, er wäre wohl seltener - nicht mehr alle zwei Stunden - gefahren, aber: "Warum sind die Bürgermeister nicht einmal nach Eisenstadt gekommen und haben verhandelt?" Und noch einen Verdacht hegt man in der Landesregierung: Die ÖVP-Bürgermeister seien froh, dass sie mit ihren knappen Budgets den Roten Bus nicht mehr finanzieren müssen, und dankbar, dass sie nun der Landes-SPÖ die Schuld geben können.
Bewohner fühlen sich allein gelassen
Die Stimmung ist gerade in der älteren Bevölkerung gereizt, sieht man doch dem Niedergang der Heimatorte schon lange zu. Hermine Pudschögl erzählt, wie sie mit ihrem Mann einst nach Moschendorf zog. Da gab es einen Greißler, ein Postamt, einen Arzt und was man sonst so brauchen kann. Nun müsse sie eben für vieles in den nächsten Ort oder gleich nach Güssing. "Simma ehrlich. Man hat andere Besorgungen und Interessen auch noch. Das ist jetzt alles aus", sagt Frau Pudschögl.
Auf den vereisten Gehsteigen von Strem, Moschendorf und Eberau ist nicht viel Leben dieser Tage. Wenn man aber gelegentlich einen Passanten trifft, dann hört man oft diese Erklärung: Die Landesregierung in Eisenstadt kümmere sich nicht allzu sehr um die - meist ÖVP-geführten - Dörfer im Süden. "Das ist leider eine politische Sache", erklärt etwa der Pensionist Richard Cernoch, als er gerade aus der Volksbank in Güssing kommt. Er sei gerne mit dem Roten Bus gefahren. "Jetzt muss ich meinen Mann dauernd führen", jammert seine Frau daneben. Und ein Gemeindebediensteter, der mit oranger Warnweste durch die betroffenen Ortschaften tingelt, um die Fahrzeiten von den Busstationen zu tilgen, sagt ganz direkt: "Der Niessl will die Leute da unten umbringen."
Geplänkel zwischen Rot und Schwarz
Was manche ältere Menschen in den betroffenen Orten ärgert: Noch am 17. November sprach SPÖ-Politikerin Dunst von einem "ineffizienten Geisterbus durchs Pinkatal" und kündigte "Optimierungsmaßnahmen" an. Erst seit die Einstellung drohte, sei sie eine flammende Befürworterin des Busses geworden und sehe die Schuld bei den (ÖVP-)Bürgermeistern. "Einmal ist es der Geisterbus, und dann muss er wieder erhalten werden", ätzt der Bürgermeister von Bildein, Walter Temmel, über die SPÖ.
Das letzte Wort dürfte aber noch nicht gesprochen sein. Aus dem Umfeld von Landeshauptmann Niessl hieß es am Dienstag Nachmittag gegenüber derStandard.at, es werde an neuen Finanzierungsmodellen für die Fortführung des Roten Busses gearbeitet.
Die parteipolitische Posse hilft Frau Pudschögl nur wenig weiter. Ein wenig gerät sie ins Schwärmen, wenn sie von den gemeinsamen Buschenschankrunden mit ihren Freundinnen erzählt. Da sei sie, obwohl verwitwet, endlich wieder gerne außer Haus gegangen. Um zwei mit dem Roten Bus fortgefahren, um sechs am Abend mit der letzten Fuhr wieder zurück. Nun müsse sie das alles privat organisieren. "Jetzt muss ich hoffen, dass die Nachbarn so freundlich sind." (Lukas Kapeller, Rainer Schüller/derStandard.at, 7.12.2010)