Wie wir das Auto fast erfunden haben

7. Dezember 2010, 16:54
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Mitten in Wien-Mariahilf allein gegen alle: Siegfried Marcus Superstar. Die Gegner hießen immerhin Daimler und Benz. Zum Tod seines fulminanten Chronisten Alfred Buberl

Siegfried Marcus (1831-1898) war kein Ösi, ganz im Gegenteil: ein spitzbärtiger Mecklenburger, wie er im Buch steht. Er lernte Elektrotechnik, hatte keinen Bock auf das preußische Militär, wanderte daher nach Wien aus und war hier so innovativ, dass er in der Hofburg im Schlafzimmer der Kaiserin die erste elektrische Klingel installieren durfte. Wohlwollen fand auch sein Minenzünder im praktischen Rucksackformat.

Über Patente in den Problemzonen Vergaser und Zündung näherte er sich dem Verbrennungsmotor und damit einer Idee vom Automobil. In (nicht nur) österreichischen Lesebüchern lernte man, dass Marcus schon 1875 auf der Mariahilfer Straße gefahren sei - immerhin elf Jahre vor Daimler und Benz.

In der Nazi-Zeit wurde das Bild des Juden Marcus völlig vernebelt, da half auch der Vorname Siegfried nicht, sodass die Causa nach dem Krieg praktisch geschlossen war.

Wäre da nicht der Querschädel aus Sieghartskirchen gewesen.

Als der österreichische Automobilhistoriker Alfred Buberl kürzlich im 88. Lebensjahr starb, hinterließ er ein vieltausendseitiges Werk. In seiner grandiosen Verbissenheit und Akribie hatte Buberl einen Kampf befeuert, der zwangsläufig den Daimler-Benz-Konzern herausfordern musste, abgesehen von einer jungen, unparteiischen Generation von Historikern. Damit löste Buberl wieder tausende Seiten von Gegenexpertisen aus und führte Gelehrten-Kongresse an die Kippe von Saalschlachten - durchaus amüsant, wie immer, wenn sich große Wissende befetzen.

Es ist anzunehmen, dass nun, nach Buberls Tod, die letzte Marcus-Schlacht nicht mehr zu gewinnen ist. Trotzdem wollen wir uns noch einmal vorstellen, wie der Herr Marcus zur rechten Zeit (das wäre also 1875 gewesen) sein Gefährt von der Werkstatt in der Mondscheingasse hinüber zur Mariahilfer Straße schieben ließ, um sodann das leichte Gefälle hinunter zur Ringstraße zu nutzen, er hatte ja nur 0,75 PS. Für den Innovationsstandort Wien passt das natürlich fantastisch, denn gut zwanzig Jahre später war man auch Weltspitze im Bergauffahren. Dies modernerweise mit Elektroantrieb, trotzdem scheppernd wegen der eisenbereiften Räder: Ferdinand Porsches Teststrecke führte von der Porzellangasse die Berggasse hinauf. Das passierte nachts, wenn die Pferdefuhrwerke nicht im Weg standen, somit zum Missvergnügen des Sigmund Freud, der auf Nr. 19 sein Arbeitszimmer gassenseitig hatte und die ruhigen Stunden nutzte.

Für das Wirken der deutschen Erfinder Nicolaus Otto, Gottfried Daimler, Carl Benz, Wilhelm Maybach, dann Rudolf Diesel existieren jede Menge Primärquellen, oft detailfreudig im Stundentakt des Alltags. Der ringsum fremdkörperliche Marcus blieb da viel tiefer im Dunkeln, und Jahrzehnte, auch ein Jahrhundert später, musste zweierlei Schutt weggeräumt werden: Die verklärenden österreichischen Lesebuchfabeln ebenso wie mögliche Nazi-Geschichtsfälschung.

Wenn es irgendeinen handfesten Vorteil der Marcus-Forschung gegenüber den Deutschen gibt, dann ist es die Existenz des originalen Automobils, der Hardware, auf wundersame Weise gerettet über die Zeitläufte. Das Gefährt ist früh in den Besitz des ÖAMTC gelangt und wurde als Dauerleihgabe ans Technische Museum weitergereicht. Von allen anderen Vorläufern des Automobils gibt es nichts dergleichen.

Das existierende Marcus-Auto ist eine Sensation eigenen Ranges, ein fabelhafter Schatz der Technikgeschichte, da gibt's kein Herumfackeln. Es ist eindeutig das älteste existente Benzinauto der Welt - auch im schlechtesten Fall, was die Datierung betrifft. Es sogar wieder fahrfähig zu machen, bedeutete 1950 die Sternstunde des Alfred Buberl - landesweite Sensation, Wochenschau! - und gab ihm eine Mission für die weiteren sechzig Jahre seines Lebens. Der Fokus der Forschung richtete sich fortan auf das kolportierte Entstehungsjahr 1875. Würde das stimmen, wäre das Automobil in Wien erfunden worden, elf Jahre vor Gottfried Daimler und Carl Benz.

Von Materialuntersuchungen hat man sich in dieser Causa nie viel versprochen: Das Eichenholz mag zwischen Baumfällen und Verarbeitung kürzer oder länger gelegen sein, und die diversen Metallteile sind kaum aufs Jahr genau zu datieren.

Alfred Buberl war ein lodernder Technikhistoriker aus der Praxis des Kfz-Ingenieurs. Wirklich: lodernd. Auch noch mit 60, 70, 80, das Alter hat ihn nicht milder gemacht. Ein polternder, rechthaberischer Mann, der nur selten Kreide speiste, dann aber zu fantastischer Argumentationskraft auflief. Wer ihn in seinem Haus im westlichen Wienerwald aufsuchte, saß drei Stunden wie angeschraubt und wusste dann endgültig und ohne jeden Zweifel, wer das Auto erfunden hatte.

Dann musste man sich wieder durch hunderte Seiten Gegenliteratur lesen, bis man sich just nimmer auskannte, aber mit großer Freude zum Kongress eilte, wo die Wissenden einander die Daten von Spritzbürstenvergasern um die klugen Köpfe schlugen. 1875 war da längst nur noch ein Code für gesammelte technische Weisheit zwischen 1864 und 1889, verseucht durch Patentstreitigkeiten in allen denkbaren Ländern weit ins nächste Jahrhundert hinein (am wildesten führten sich die Amerikaner auf).

Alfred Buberl, wie gesagt, konnte seinen Kampf nicht endgültig gewinnen - der Marcus-Wagen als Juwel des Technischen Museums Wien wird heute mit nobler Resignation auf 1888 datiert.

Buberl hat allerdings die vielen Schritte zum mobilen Benzinmotor, bei denen Marcus tatsächlich der Erste war, in ergreifender Präzision nachvollzogen und ausgeschmückt. Dass ihm dann just eine junge österreichische Historikerin (Ursula Bürbaumer) besonders schlicht und schlüssig gegenübertrat, hat ihn auf so fantastisch altmodische Weise erbost, dass es dem Gesamtkunstwerk Marcus+Buberl angegliedert werden darf.

Die österreichische Siegfried Marcus Forschungsgesellschaft hält ihren Helden hoch, das Technische Museum Wien ist stolz auf ihr Objekt, das inzwischen auch die Ehre einer Technischen Welt-Landmarke trägt, und die internationale Corona der Technikhistoriker ist sich einig, dass der Spitzbart aus Mariahilf einer der größten Erfinder des 19. Jahrhunderts war.

Gut so, würde Buberl sagen, aber diese Leute vergessen, dass er auch das Auto erfunden hat. (Herbert Völker/DER STANDARD/Automobil/03.12.2010)

-> derStandard.at/AutoMobil auf Facebook.

-> Wissen: Der Marcus-Wagen

  • Informationen: Technisches Museum Wien
Das Baujahr des Marcus-Wagens liegt zwischen 1875 und 1889. Das 
Technische Museum Wien, wo der Wagen steht, hat ihn mit 1888 datiert, da
 wären die Herren Benz und Daimler ein Haucherl früher drangewesen. Das 
kann man glauben - oder auch nicht.
    foto: technisches museum wien

    Informationen: Technisches Museum Wien

    Das Baujahr des Marcus-Wagens liegt zwischen 1875 und 1889. Das Technische Museum Wien, wo der Wagen steht, hat ihn mit 1888 datiert, da wären die Herren Benz und Daimler ein Haucherl früher drangewesen. Das kann man glauben - oder auch nicht.

  • Siegfried Marcus wirkte ab 1852 in Wien, steht als große 
Erfinderpersönlichkeit außer Zweifel, aber "Erfinder des Automobils" 
wäre vielleicht etwas zu viel gesagt.
    foto: technisches museum wien

    Siegfried Marcus wirkte ab 1852 in Wien, steht als große Erfinderpersönlichkeit außer Zweifel, aber "Erfinder des Automobils" wäre vielleicht etwas zu viel gesagt.

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