Der Crash blieb aus

Wenn alle gleichzeitig Geld abheben, kollabieren die Banken: Mit dieser Rechnung wollten die Aktivisten des "Bankrun 2010" Druck ausüben

Paris - Im nordfranzösischen Städtchen Albert steuerte die "Revolution" am Dienstag ihrem Höhepunkt entgegen: Bei der dortigen Filiale der Großbank BNP wollte Ex-Fußballstar Eric Cantona sein Konto leerräumen - und Zehntausende Gegner des Finanzsystems wollten es ihm europaweit bei ihren Banken gleichtun. "Bank-run" hieß die Protestaktion, die das Bankensystem zum Einsturz bringen sollte, und Cantona war die Galionsfigur. Sein Aufruf dazu im Internet war selbst Ministern, Bankern und Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker nicht ganz geheuer. Natürlich blieb am Ende der große "Crash" aus - doch "Enfant terrible" Cantona hatte wieder einmal mächtig für Wirbel gesorgt.

"Die Revolution läuft über die Banken," verkündete der 44-jährige Cantona über Wochen in einem Video im Internet. Statt sich die Füße bei Demonstrationen platt zu laufen, "gehst du einfach zur Bank in deinem Dorf und hebst dein Geld ab", lautete das simple "Umsturz"-Konzept des Franzosen. Auf Facebook und auf der Internetseite bankrun2010.com klickten weltweit Hunderttausende die Botschaft des einstigen Stürmers von Manchester United an. Allein in Frankreich wollten am Dienstag mehr als 30.000 Menschen ihr Geld auf einen Schlag vom Konto abheben. Aus Deutschland meldeten sich ein paar hundert Unterstützer.

"Canto", der sich seit dem Ende seiner Fußball-Karriere der Schauspielerei zugewandt hat und derzeit in Albert einen Film dreht, wollte in der Kleinstadt "mehr als 1.500 Euro" abheben, wie er nach Auskunft der Bank BNP vorher ankündigte. Denn ganz spontan lässt sich eine "Revolution" eben doch nicht umsetzen - wer größere Geldbeträge abheben will, der muss dies bei seinem Finanzinstitut anmelden, sonst scheitert die Beteiligung am "Umsturz" schlicht an den Höchstbeträgen, die von den Banken pro Tag ausgegeben werden.

Die Kritik hochrangiger Politiker, die Cantona vorhielten, er verbreite mitten in der Euro-Krise nur Unsicherheit und solle sich lieber wieder dem Fußball zuwenden, beeindruckte den im südfranzösischen Marseille geborenen 1,88-Meter-Mann nicht sonderlich. Hat Cantona während seiner Fußballer-Karriere doch schon für mehr als einen Skandal gesorgt: Er trat im Kung-Fu-Stil nach einem Zuschauer, beleidigte Trainer und ohrfeigte gegnerische Betreuer, angeblich wegen rassistischer Äußerungen. Und dennoch schaffte es der Ausnahme-Spieler, in den 90er Jahren beim britischen Club Manchester United zum "Fußballer des Jahrhunderts" gewählt und als "King Eric" bis heute in Großbritannien verehrt wird. In seinem Heimatland Frankreich hingegen war Cantona mit seinen Vereinen und als Nationalspieler nie sehr erfolgreich.

Als Schauspieler konnte Cantona erst nach Jahren wirkliche Anerkennung erringen - durch den Film "Looking for Eric" des britischen Regisseurs Ken Loach, in dem sich der einstige Fußballstar selbst spielte. Seine Frau, die Schauspielerin Rachida Brakni, verschaffte ihm in diesem Jahr auch Theaterauftritte. Und beide sind seit langem immer wieder im Fernsehen zu sehen - in Werbespots für große Unternehmen wie den Autobauer Renault oder den Kosmetikkonzern L'Oreal. Diese Werbe-Aktivitäten brachten dem "Revolutionär" Cantona jetzt aber herbe Attacken und bösen Spott ein: Die Kritiker nahmen nicht nur sein mutmaßlich angehäuftes Bank-Vermögen aufs Korn - sondern auch eine Kampagne seiner Frau aus diesem Jahr. Cantonas Gattin macht darin ausgerechnet Werbung für die Großbank LCL.

 

Harsche Kritik von Euro-Gruppen-Chef

Der Chef der Euro-Gruppe, Jean-Claude Juncker, hat den Aufruf Cantonas zu einem europaweiten "Bank-run" unterdessen  kritisiert. Auch er hege "gegenüber dem Finanzsektor gemischte Gefühle", aber die von Cantona gestartete Aktion sei "vollkommen unverantwortlich", sagte Juncker. Der frühere französische Nationalspieler dürfe nicht Menschen zu Fehlern verleiten, die nicht die finanziellen Mittel wie er hätten.

Auch EU-Währungskommissar Olli Rehn kritisierte die Aktion des als "enfant terrible" bekannten Cantona. Er sei Manchester-Fan und der Meinung, dass Cantona ein besserer Fußballer als Wirtschaftsexperte sei, sagte Rehn. (APA)

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