Cheick Sidi Diarra, UN-Beauftragter für die am wenigsten entwickelten Länder, im STANDARD-Interview
Um den Entwicklungsländern zu helfen, müssen die Industriestaaten zuallererstihre Finanzzusagen einhalten, sagte der UN-Beauftragte für die am wenigsten entwickelten Länder, Cheick Sidi Diarra, zu Julia Raabe.
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STANDARD: Was würde es für die am wenigsten entwickelten Länder (LDCs) und die kleinen Inselstaaten bedeuten, wenn es in Cancún keine Fortschritte gibt?
Diarra: Die LDCs wollen zuallererst, dass das erfüllt wird, worauf man sich in Kopenhagen geeinigt hat, das heißt die Anschubfinanzierung von 30 Milliarden Dollar für 2010 bis 2012 umzusetzen und die erwarteten 100 Milliarden Dollar ab dem Jahre 2020 endgültig zu beschließen.
STANDARD: Das Wichtigste ist also das Geld?
Diarra: Vor allem das für die nächsten drei Jahre. Geld ist so wichtig, weil es notwendig ist, um die Strategien zur Anpassung an den Klimawandel umzusetzen, die die Entwicklungsländer auf nationaler Ebene beschlossen haben. Eine umweltfreundliche Wirtschaft, Technologietransfer, auch ein Transfer von Wissen, also Training - das alles ist ohne finanzielle Ressourcen nicht möglich.
STANDARD: Die EU hat ihr Konzept für die Anschubhilfen in Cancún bereits präsentiert. NGOs kritisieren, dass es auch Kredite vorsieht und das Geld nicht frisch ist.
Diarra:Das Geld muss frisch sein. Es darf nicht von der bestehenden öffentlichen Entwicklungszusammenarbeit abgezogen werden. Es muss zugänglich und vorhersehbar sein und sollte nicht von Jahr zu Jahr verteilt werden, sondern ein längerfristiger Plan sein, damit die Länder planen können.
STANDARD: Ist es ausreichend, was bisher angeboten worden ist?
Diarra: Hören Sie, die 30 Milliarden Dollar für drei Jahre sind nicht ausreichend. Aber darauf hat man sich geeinigt, auf dieser Grundlage können die Entwicklungsländer sofort anfangen zu arbeiten. Und es wäre ein starkes Signal vonseiten der Geberländer, dass sie willens sind voranzukommen. Die Finanzhilfen sind aber das Einfachste des Prozesses. Der schwierige Teil ist, die Staaten - vor allem die Annex-I-Staaten (Industriestaaten, Anm.) - dazu zu bewegen, ihre Emissionen zu senken.
STANDARD: Der Kopenhagen-Beschluss sieht vor, die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen. Einige kleine Inselstaaten wären damit buchstäblich vom Untergang bedroht, sie wollen eine Grenze von 1,5 Grad. Muss man also über noch striktere Ziele reden?
Diarra: Die kleinen Inselstaaten sind sehr verwundbar. Mit wärmeren Temperaturen werden die Ozeane wärmer, das hat direkte Auswirkungen auf die Korallenriffe, die Fischbestände, die Verfügbarkeit von Trinkwasser, der Meeresspiegel steigt. Das muss verhindert werden. Deshalb haben sie das vorgeschlagen - das muss verhandelt werden.
STANDARD: Die jetzigen Vorschläge zur Reduktion der Treibhausgase reichen nicht einmal aus, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen.
Diarra: Die Schwellenländer sind in dieser Hinsicht zögerlich, aber etwas muss getan werden. Viele Länder haben Ankündigungen gemacht, aber jede unterscheidet sich von der anderen. Sie müssen sich auf etwas einigen - auf Zahlen und ein Basisjahr.
STANDARD: Kopenhagen ist auch gescheitert, weil jeder auf seiner Position beharrte und die Staaten nicht fähig waren, Kompromisse zu machen - die Entwicklungsländer eingeschlossen. Sehen Sie nun mehr Kompromissbereitschaft?
Diarra: Die Erwartungen vor Kopenhagen waren sehr hoch, aber der politische Wille war nicht unbedingt da. Die Entwicklungsländer sind nicht für das verantwortlich, was passiert. Sie verursachen weniger als fünf Prozent aller Treibhausgase weltweit. Aber sie sind die ersten, die die Folgen zu spüren bekommen. Sie glauben immer noch, dass rasch ein verpflichtendes Abkommen über die Senkung der Emissionen erreicht werden soll. Ihre Situation muss einbezogen werden, vor allem die der LDCs. 60 Prozent der Bevölkerung lebt dort von weniger als zwei Dollar am Tag. Sie haben nicht die Mittel, um mit den Folgen fertig zu werden. Deshalb muss ihnen geholfen werden - damit sie überleben können. Und damit eine massive Bevölkerungsverschiebung verhindert werden kann. Das ist eine Bedrohung, die auf uns zukommt. Klimaflüchtlinge sind bereits jetzt eine Sicherheitsfrage. Man muss das immer in größerem Kontext sehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.12.2010)