Was soll die Nelke in meinem Pferd?

15. November 2011, 16:25
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Abendessen mit 2 PS, ein Fest der Pferde (und der Esel): Harald Fidler und Freunde erforschen das nördliche Piemont

Glauben Sie mir, ich hab das nicht entschieden. Fünf Optionen hatte ich der Piemont-Posse vorgelegt für den bisher letzten Einstieg ins Fondutaland. Ich hoffte, die werten Mitesser würden sich für einen Beginn in und um Cuneo entscheiden, wo ich mir einige wirklich schöne Wirte erlesen hatte. Ich vermutete aber, sie würden sich der Einfachheit halber für Calamandra entscheiden, quasi auf dem Weg zum Standardziel La Morra, nicht weit von dort und zudem mit zwei Schneckenlokalen, eines davon praktischerweise mit Zimmern. Aber nein.

Pferd und Esel, Reis und Wurst

Herr Hilberg galoppierte blitzartig auf das Pferdethema los und plädierte für Borgomanero als erste Station im Piemont, weit im Norden, nicht weit vom immer wieder wunderschönen Lago Maggiore. Speisende soll man nicht aufhalten, wenn sie so wild entschlossen sind, gab ich mich schnaubend geschlagen.

Tapulone ist in dieser Gegend ein wesentlicher Kraftspender, praktisch Schmorfleisch aus Pferde- und Eselsfleisch. Nicht schön, aber gut. Pferd und Esel werden hier in der Gegend ganz generell gerne verputzt. Typisch auch noch: Paniscia, ein Risotto mit Bohnen und Wurst, die möglicherweise auch nicht ganz frei von Unpaarhufern. Normal aber mit Schwein, entnehme ich dem praktischen Fress-Dictionary im Osteriaführer.

Wer Hauben sucht, findet eine in Borgomanero bei Pinocchio, dem "Espresso"-Gastroführer 2011 immerhin 15 Punkte und eine Kochmütze wert. Als ich das lese, haben wir allerdings unsere beiden Abendessen in Borgomanero fast schon wieder verdaut und sind nach Süden unterwegs. 80 Euro veranschlagt der Guide für ein Menü beim Holzmännchen. Wir gaben's ein bisschen billiger. Und ziemlich gut.

Schön ist anders

Hilberg und ich steigen quasi in der gehobenen Mittelklasse von Borgomanero ein: Trattoria dei Commercianti, ein durchaus gediegenes Lokal, in dem sich auch die nordpiemontesische Antwort auf Paris Hilton mit ihrer Gouvernante Montagabends schnell auf einen Happen vorbeilimousinieren lässt.

Ich wähle als Unterlage den Salumi- und Lardo-Teller, beeindruckende Menge, beeindruckende Qualität, mit ortstypischer Fidighina aus Leber, Backe, Bauchspeck vom Schwein und der einen oder anderen Pferdewurst. Hilberg steigt etwas leichter ein und entscheidet sich für Hähnchensalat und Perlhuhn-Paté, auch nicht übel, aber doch Platz zwei in dieser Runde.

Wenn wir schon in der Gegend sind, muss die Pasta natürlich Paniscia heißen. Merke: Es ist bei diesem Risotto augenscheinlich besonders schwer, es appetitlich anzurichten. Schmeckt aber ausgezeichnet.

Graz gegen Borgomanero

Der Hauptgang lag ebenfalls auf der Hand: Ich nehme Tapulone, Hilberg greift zum Rosmarin-Filet vom Pferd. Mein Pferdegeschmurgeltes schmeckt auch deutlich besser, als es aussieht, wenngleich sich Gewürznelke für unseren Geschmack allzusehr in den Vordergrund spielt, uns schmeckt der Brei zudem auch noch zimtig.

Edelfleisch vom Unpaarhufer hatte ich auch schon besser - in Graz nämlich. Das Ristorante Corti servierte mir 2010 schon ein weitaus saftigeres Pferdefilet als Hilbergs in Borgomanero. Aber da jammern wir schon wieder einmal auf hohem Niveau.

Pferdefleischer aller Länder!

Borgomanero, die Zweite: Trattoria del Ciclista. Gegenüber verblasst "Circolo Carlo Marx" mit der Aufforderung an die Proletarier aller Länder, sich doch zu vereinigen. Ein schönes Motto, eigentlich. Wenngleich hier und im Wirtshaus wenige Menschen meiner oder anderer Klassen auszumachen sind, mit denen ich mich vereinigen möchte. Doch uns geht es hier ums Essen. Am Wirtshaus selbst, mit seinen großen Auslagenscheiben auf die Schank, laufen wir ohnehin erst einmal vorüber, weil wir in dem Tschocherl kein ernst zu nehmendes Essen erwarten. Weit gefehlt!

Im ganz schön großen Speisesaal ganz hinten verlieren wir uns als anfangs einzige Abendgäste (später kommt noch ein einzelner Esser dazu), aber das muss ja noch nichts heißen. Der Wirt fährt Wurst und Bresaola vom Pferd auf, aber hallo, und russischen Salat, um den kommt man im Piemont ja nicht gut herum.

Paniscia & Tapulone

Paniscia muss wieder sein, rein optisch auch nicht schöner als am Vorabend, und Agnolotti, gefüllt mit Esel, beides sehr gut. Zum Hauptgang schlägt der Wirt uns inzwischen drei Eseln, wie passend, Dreierlei vom Pferd vor: Brasato, Stufato und, logisch, Tapulone, hier erfreulicherweise einfach, also insbesondere ohne allzu vorwitzige Gewürznelken oder Zimtanklänge. Mit sattgelber, cremiger Polenta.

Ein Hecht zum Dessert

Sorry, Dessert hatte auch im Ciclista leider keinen Platz mehr. Und doch musste es schließlich noch sein. Und nicht nur das.

Denn: Der schon recht fröhliche und auch sonst sehr freundliche Chef unseres netten Agriturismo La Capuccina freute sich, dass wir ihn um Weintipps aus dem Nordpiemont zur sofortigen Verkostung zwecks Huftierverdauung baten. Und: Er hatte gerade eine größere Gesellschaft verköstigt. Mit einem heute von einem Freund gefangenen kapitalen Fisch aus dem Lago Maggiore. Kann man da nein sagen? Aber Hecht nicht.

Also servierte er uns noch ganz spontan ein bisschen Hecht mit Polenta zum Drüberstreuen, gar nicht übel. Und weil er schon dabei war, noch Zabaione, dessen Weinanteil sich allerdings ein bisschen penetrant hervortat, oxidativ könnte man den Geschmack vielleicht nennen, wenn man sich damit auskennte. Nicht so mein Fall, nicht allein wegen süß. Meine Mitesser kümmerten sich wacker auch noch um diesen Gang. Ich konzentrierte mich auf Osso San Grato und seinen kleinen Bruder.

Heuer lassen wir die Pferdeherde einmal an uns vorüberziehen. Ich bin ausgesprochen zuversichtlich, Cuneo samt Umgebung vor die Gabel zu kriegen. Schon weil Hilberg, der alte Pferdefreund, in diesem Jahr schwänzt. Bleiben Sie also dran!

Trattoria dei Commercianti (Borgomanero/Piemont)
www.trattoriadeicommercianti.it/

Zweimal ordentlich Abendessen mit Wein, Wasser, Kaffee: 165 Euro

Ristorante Corti (Graz/Steiermark)
www.ristorantecorti.at/
Pferdefilet, Wasser und Kaffee: 31,40 Euro

Trattoria del Ciclista
Via Rosmini 34
Borgomanero/Piemont
0039032281649
Dreimal ordentlich Abendessen mit Wein, Wasser, Kaffee: 107,50 Euro

Agriturismo La Capuccina
www.lacapuccina.it/

 

 

 

Schmecks ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.

  • In der Trattoria dei Commercianti in Borgomanero geht's um die Wurst. Nicht alleine vom Pferd, aber auch, hören wir
    foto: bernhard peball

    In der Trattoria dei Commercianti in Borgomanero geht's um die Wurst. Nicht alleine vom Pferd, aber auch, hören wir

  • Sieht aus wie vom Pferd gemacht, ist aber Schweinerei (und so siehts ja auch aus): Paniscia bei Commerciantis.
    foto: bernhard peball

    Sieht aus wie vom Pferd gemacht, ist aber Schweinerei (und so siehts ja auch aus): Paniscia bei Commerciantis.

  • Tapulone: Was macht die Nelke in meinem Pferdefaschierten? Sonst aber schon ganz gut
    foto: bernhard peball

    Tapulone: Was macht die Nelke in meinem Pferdefaschierten? Sonst aber schon ganz gut

  • Wieder Pferdethema, aber bodenständiger: Gegenüber vereinigt Carlo Marx die Proletarier, herüben in der Trattoria del Ciclista werden nicht etwa Radfahrer, sondern wieder Huftiere verputzt
Trattoria del Ciclistavia Rosmini 34Borgomanero (Novara)0039 0322 81649
    foto: bernhard peball

    Wieder Pferdethema, aber bodenständiger: Gegenüber vereinigt Carlo Marx die Proletarier, herüben in der Trattoria del Ciclista werden nicht etwa Radfahrer, sondern wieder Huftiere verputzt

    Trattoria del Ciclista
    via Rosmini 34
    Borgomanero (Novara)
    0039 0322 81649

  • Speck, Wurst, Bresaola, auch vom Pferd, bei den Radfahrern. Das gibt Kraft
    foto: harald fidler

    Speck, Wurst, Bresaola, auch vom Pferd, bei den Radfahrern. Das gibt Kraft

  • Agnolotti, zur Abwechslung mit Esel, yeah
    foto: bernhard peball

    Agnolotti, zur Abwechslung mit Esel, yeah

  • Insalada Russa, lässt sich im Piemont kaum vermeiden
    foto: bernhard peball

    Insalada Russa, lässt sich im Piemont kaum vermeiden

  • Brasato und Stufato vom Pferd, sehr fein in Erinnerung
    foto: bernhard peball

    Brasato und Stufato vom Pferd, sehr fein in Erinnerung

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