Kopf des Tages: Gewerkschafter führt in seinen ersten Streik

5. Mai 2003, 19:13
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Franz Bittner eröffnete mit seinen Druckern den Abwehrstreik

Wie so ein Streik geht, was man da eigentlich tun muss, das wusste auch er nicht genau. "Ich gebe zu, es ist auch für mich das erste Mal", gestand Franz Bittner offen ein. Dennoch scheute sich der Obmann der kleinen, aber sehr gut organisierten und schlagkräftigen Gewerkschaft Druck, Journalismus und Papier nicht, den Anfang zu machen: "Seine" Drucker streikten schon am Montag - um ein Erscheinen der Tageszeitungen am eigentlichen Streiktag, dem Dienstag, zu verhindern. Am Streiktag selbst drucken die Drucker, um Informationen über den Streik zu ermöglichen.

Eine Planung, die zum hochpolitischen Bittner passt. Einem Gewerkschaftschef, der manchmal Verantwortungsbewusstsein für die wirtschaftliche Lage vor Kampfbereitschaft stellt: Die Kollektivvertragsgespräche für die Drucker endeten etwa heuer ohne jede Verhandlung mit dem mickrigen Abschluss von 1,8 Prozent - weil Bittner die angespannte Lage im Medienbereich nicht durch hohe Forderungen noch weiter verschärfen wollte.

Im Fall der Pensionsreform der Bundesregierung aber agiert der 50-jährige Bittner ganz als junger Wilder, als Speerspitze gegen die Sozialkürzungen der Bundesregierung - und versteht die Gewerkschaft als das, wofür sie gegründet wurde: als Kampforganisation zur Durchsetzung von Arbeitnehmerrechten. "So geht das nicht, Fritz, die Volksseele kocht. Wir müssen etwas tun", drängte er ÖGB-Präsident Fritz Verzetnitsch vor den Streikbeschlüssen zu mehr Druck - und wünschte sich auch öffentlich einen Präsidenten "mit mehr Ecken und Kanten".

Nach dem Streikbeschluss war er zufrieden - und ist auch einer jener Gewerkschafter, der die Streiks in den vergangenen Tagen mit Verve und Emotionen immer wieder in Fernsehdiskussionen verteidigt hat: "Gegen eine Pensionsreform, die von einer 1000-Euro-Pension 200 Euro wegnimmt, muss man auftreten. Wenn die Gewerkschaft da zuschaut, mutiert sie zum Briefmarken-Verein."

Die teils drastische Wortwahl, mit der Bittner gegen die Pensionsreform anagitiert, mag damit zu tun haben, dass der gebürtige Wiener seine Herkunft als Lithograph nicht vergessen hat und auch jetzt immer ein Ohr für die Anliegen seiner Leute hat.

Oder auch damit, dass er in seinem Zweitjob, als Chef der Wiener Gebietskrankenkasse als bevorzugter Reibebaum der Koalition in der Gesundheitspolitik herhalten muss, seit Hans Sallmutter abgelöst wurde. In der "neoliberalen" Gesundheitspolitik sieht Bittner durchaus Parallelen zur Pensionspolitik - und das bestärkt den zweifachen Vater und zweifachen Großvater in seinem Widerstand gegen die Pensionsreform. Auch, wenn er wie seine Drucker das Streiken erst lernen musste. (Eva Linsinger/DER STANDARD, vom 6.5.2003)

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    foto: der standard
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