"Streikbrecher" im Westen

6. Mai 2003, 12:49
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Verluste für konjunkturgeplagte Blätter - Vorarlberger scheren aus - Tiroler bemühen Bozen

Wien/Innsbruck/Bregenz - "Die Vorarlberger sind die einzigen Streikbrecher": Gerhard Hennerbichler, Zentralsekretär der Gewerkschaft Druck, Journalisten, Papier empört sich über seine Kollegen im Westen.

"Umkehrschwung"

Die Drucker des Vorarlberger Medienhauses von Eugen A. Ruß haben "mit klarer Mehrheit" dafür gestimmt, trotz bundesweiten Streiks ihrer Kollegen auch am Montag Vorarlberger Nachrichten und Neue Vorarlberger Tageszeitung zu produzieren. Ein "Umkehrschwung, der auf massiven Druck der Geschäftsleitung passiert sein dürfte", vermutet ÖGB-Landesvorsitzender Norbert Loacker.

Blockade

Die Gewerkschaft versuchte Montag hektisch, für eine Blockade der Druckerei zu mobilisieren. Die ist freilich größter Betrieb dieser Branche in Vorarlberg, und die Belegschaft hat sich ja gegen Streik ausgesprochen.

So erklärte Ruß auch eher gelassen: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand blockiert. Da würde ja die Gewerkschaft gegen eine einhellige Entscheidung der Belegschaft antreten." Er irrte, wie sich Montagabend zeigte, mehr gleich nebenan unter Mit Hubschrauber gegen Streikposten.

Ruß' Blätter dürften am Dienstag nicht die einzigen Tageszeitungen bleiben, die auf Papier und nicht alleine über Internet kommen: Die Tiroler Tageszeitung (TT) wollte bei der Athesia (Dolomiten) in Bozen drucken, die wie berichtet bei dem Innsbrucker Blatt einsteigen dürfte. Fahrer der TT sollten die Exemplare über den Brenner bringen.

Störaktionen

Montag bis 14 Uhr war die Athesia-Belegschaft aber noch nicht über eine solche Sonderschicht informiert, sagte der Südtiroler Gewerkschafter Arthur Stoffella dem STANDARD. "Eine überfallsartige Aktion", meinte Christian Troger vom Südtiroler Gewerkschaftsbund. "Wir rechnen mit gezielten Störaktionen, die die Produktion oder die Auslieferung zumindest verzögern", hofft Richard Nedel vom ÖGB- Tirol auf Solidarität in Südtirol.

Die Redaktion arbeitete Montagnachmittag an einer "normalen Ausgabe", aber ohne Regionalteile, sagte Chefredakteur Claus Reitan.

Wirtschaftlicher Schaden

Den wirtschaftlichen Schaden des Streiks für die ohnehin konjunkturgeplagte Zeitungsbranche kann Franz Ivan nicht abschätzen. Der Präsident des Zeitungsverbandes sieht "jedenfalls Verluste" durch fehlende Vertriebseinnahmen. Für seine "Presse" entfalle zudem eine an Erscheinungstag gebundene Beilage. Und "die Kosten für Redaktion und Verlagspersonal laufen weiter". Jene für Druck und Papier entfallen naturgemäß.

Inserate verschoben

Für Dienstag gebuchte Inserate dürften auf spätere Termine verschoben werden, sagt Elisabeth Ochsner von der großen Mediaagentur Panmedia. Tagesgebundene Aktionsinserate der Handelsketten erscheinen üblicherweise nicht dienstags. (jub/bs/fid/DER STANDARD, Printausgabe, 6.5.2003)

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    foto: der standard/cremer
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