"Wir entschärfen die Zeitbombe"

5. Mai 2003, 15:58
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Andrea Schatz arbeitet in Linz an einer besseren Bewertung von Finanzoptionen - Banken brauchen solche Programme für ihr Risikomanagement

der Standard: Der prominente Investor Warren Buffett hat zuletzt Derivate als die Zeitbombe der Finanzmärkte bezeichnet. Sie arbeiten daran, ihnen den Schrecken zu nehmen?

Andrea Schatz: Ich arbeite an der Verbesserung einer Software, die solche Produkte, also Optionen, Wandelanleihen oder Zinsswaps, in ihrem Risiko berechenbarer macht. Genau gesagt verbessern wir unser derzeitiges Programm UnRisk, um Mehrfaktorenmodelle, die eben mehrere Faktoren in die Risikobewertung mit einbeziehen. So gesehen entschärfen wir diese so genannte "Zeitbombe".

DER STANDARD: Wer verwendet solche Computermodelle? Können damit auch Private die Risken ihrer - zum Beispiel - Cybertron-Wandelanleihe berechnen?

Schatz: Eine Lizenz kostet rund 5000 Dollar, daher wenden nur Institutionelle UnRisk an. Unser Programm läuft zum Beispiel in der Nationalbank, in der Bank Austria und bei anderen Banken und Versicherungen. Aber auch Händler und andere Marktteilnehmer brauchen eine solche Software. Der erste Kunde war die Royal Bank of Canada 1997.

DER STANDARD: Das Jahr, als auch der Wirtschaftsnobelpreis an die Entwickler der Optionspreistheorie Scholes/Merton vergeben wurde. Aber die Anforderungen der Finanzindustrie sind vermutlich vielfältiger, als bloß den fairen Wert einer Option zu berechnen?

Schatz: Ja, seither sind die Derivate aber viel komplizierter geworden. Im Prinzip schauen wir zwar noch immer, wie sich quasi ein Stück Zucker im Kaffee auflöst und verteilt - nur eben mit vielen zusätzlichen Variablen.

DER STANDARD: Sie machen also das Risiko bewertbar - die Entscheidung, ob ein Anbieter dieses tragen will, nehmen sie ihm aber nicht ab?

Schatz: Nein, aber zu der Entscheidung muss er eben erst einmal kommen. Nehmen sie etwa eine Bausparkasse, die wissen muss, was sie ihre Darlehen kosten könnten. Die sind ja mit sechs Prozent Zinsen für die Darlehensnehmer gedeckelt. Was ist, wenn die Marktzinsen aber steigen und sich die Bausparkasse refinanzieren muss? Dafür braucht es ja Modelle, wo sie diese Refinanzierung kriegt. Oder was sie mit ihrer überschüssigen Liquidität machen kann, wenn zu wenig Darlehen in Anspruch genommen werden. Das war ja zuletzt der Fall. Praktisch das ganze Geschäftsmodell hängt von solchen Faktoren ab, die zu kalkulieren sind. Solche Dinge errechnet unser Programm.

DER STANDARD: Wenn Sie von mehreren Faktoren sprechen - heißt das, dass eine Bank auch etwa ihr Zins- und Währungsrisiko bei den vergebenen Fremdwährungskrediten darstellen kann?

Schatz: Wenn Sie ein aktuelles Beispiel wollen - ja, das geht! Im laufenden Projekt erweitern wir UnRisk um die Stromliniendiffusionsmethode.

DER STANDARD: Sie kommen ja aus der Industriemathematik und haben über die Modellierung und Simulation des Corex-Verfahrens - ein Österreich-Export in der Stahlerzeugung - promoviert. Was hat das mit der Finanzmathematik zu tun?

Schatz: Die Gleichungen in der Bewertung von Zinsderivaten sind erstaunlicherweise den Gleichungen in einem Reduktionsschacht sehr ähnlich. Das ist ja das Faszinierende an der Mathematik, dass sich mit ein und derselben Gleichung so viele verschiedene Erscheinungen beschreiben lassen.

DER STANDARD: Es gibt ja unzählige Softwares für das Risikomanagement im Finanzbereich. Sie arbeiten also nicht konkurrenzlos. Ihr Projekt heißt "schnelle numerische Verfahren in der Finanzmathematik". Wann wird es denn tatsächlich als verbesserte Version von UnRisk erhältlich sein?

Schatz: Im kommenden Winter. Ja, es gibt Hunderte solcher Programme, aber nur wenige gute, und unser Update macht uns besser. Es bietet dann Bewertungsmodelle für Wetten in verschiedenen Währungen oder etwa für Wetten auf die Steilheit von Zinskurven.

DER STANDARD: Was fasziniert Sie eigentlich so sehr an der Mathematik?

Schatz: Es ist die Anwendung. Das war schon vor dem Studium so. Es begeistert mich, was man damit alles machen kann.

Interview von Karin Bauer durchgeführt
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