Lese-Verbot für Buchhändler

6. Mai 2003, 14:42
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Potter-Band Nummer fünf umweht ein besonderer Zauber: Laut Vertrag muss er bis zum Verkaufstag in einem "versperrten Bereich aufbewahrt werden" - Diebstahlsermittlungen nach Fund von Potter-Bänden

Wien - Einen ungewöhnlichen Vertrag müssen sämtliche Buchhändler unterzeichnen, wenn sie den neuen Band der demnächst auf Englisch erscheinenden Kultreihe "Harry Potter and the Order of the Phoenix" verkaufen wollen. Das Buch darf erst am 21. Juni verbindlich für alle verkauft werden, und selbst Buchhändler dürfen die aktuellsten Abenteuer des Zauberlehrling vor diesem Termin nicht lesen.

Gewährleistungspflicht für Händler

So sieht es der Londoner Verlag Bloomsbury vor, der die Bücher der Autorin Joanne K. Rowling im Original veröffentlicht. Im Vertragstext heißt es: "Weder Ihnen noch Ihren Mitarbeitern ist es gestattet, das Buch vor dem Verkaufsbeginn zu lesen". Erst am 21. Juni darf man sich darauf stürzen. Davor muss das gelieferte Kontingent in einem "versperrten Bereich aufbewahrt werden". Kein Exemplar darf daraus entnommen werden, und alle Händler müssen gewährleisten, über alle Exemplare Rechenschaft ablegen zu können.

"Gelungene Marketingmaßnahme" des Verlags

Andreas Tarbuk, geschäftsführender Gesellschafter der Prachner-Gruppe und stellvertretender Vorsitzender des Österreichischen Buchhandelsverbandes, hält die Verkaufsperre für durchaus sinnvoll. "Dadurch haben alle die gleiche Chance, denn jede Buchhandlung erhält ihre Lieferung ja zu einem anderen Zeitpunkt". Die Auflage an die Buchhändler, den Roman nicht vorher lesen zu dürfen, hält er für "kontraproduktiv und vollkommen sinnlos, eben eine gelungene Marketingmaßnahme". Zweifelnden Buchhändlern würde er raten, den Vertrag "auf alle Fälle zu unterschreiben, denn ein Verstoß ist nicht überprüfbar, und einen etwaigen Schaden müsse der Kläger ja erst beweisen".

"Mystery-Shopper"

Ähnlich sieht das Franz Schubert, Marketingexperte bei Morawa und Styria. Ein Erstverkaufstag sei durchaus üblich, "allerdings wird bei anderen Büchern nicht so scharf geschossen". Was ihn mehr ärgere, sei der Umstand, dass man als Buchhändler auf Grund der geltenden Ladenöffnungszeiten nicht bereits am 21. Juni um 00.01 Uhr beginnen dürfe, den potenziellen Bestseller zu verkaufen. Wobei er sich aber Kontrollen und darauf folgende mögliche Sanktionen gegenüber Verstößen durchaus vorstellen können. "Etwa durch Mystery-Shopper, die schon am Vortag weinend hereinkommen und darum flehen, ein Exemplar für ihr sterbenskrankes Kind kaufen zu dürfen". Jene Auflage, die das vorzeitige Lesen verbietet, hält Schubert für "die Übersteigerung eines Marketinginstrumentes ins Lächerliche".

Carlsen Verlag will sich auf "so absurde Verträge" nicht einlassen

Wann die deutschsprachige Übersetzung des neuen "Harry Potter" erscheint, steht noch nicht fest. "Wir haben keine Ahnung, aber so absurde Verträge wird es von unserer Seite aus sicher nicht geben", versicherte Cornelia Berger, Pressesprecherin des Carlsen Verlages. "Eine Verkaufssperre aber schon, das ist normal. Darüber hinaus braucht sich keiner zu fürchten".

Für Aufsehen sorgt ein mysteriöser Fund von zwei Originalen des neuen Bands "Harry Potter und der Orden des Phoenix" in Großbritannien. Die Polizei soll nun wegen Diebstahls ermitteln. Nach einem Bericht des Massenblatts "The Sun" vom Dienstag hatte ein Spaziergänger in einem Park in Suffolk (Südostengland) zwei Kopien der mit Spannung erwarteten Erstausgabe des fünften Harry-Potter-Romans gefunden.

Die beiden Bücher seien nun im Besitz der Zeitung. "Unser erster Verdacht richtet sich auf Diebstahl, und wir haben die Polizei eingeschaltet", sagte Neil Blair von der Agentur Christopher Little.

(APA)

  • "Don't read before...." - Das Verfallsdatum ad absurdum geführt.
    montage: derstandard.at

    "Don't read before...." - Das Verfallsdatum ad absurdum geführt.

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