Nachlese

Gemeinsam sind sie eben stärker

3. Dezember 2010, 17:01
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    foto: filmmuseum

    Ein Reportergespann, das im Kino ohnegleichen blieb: Cary Grant und Rosalind Russell in Howard Hawks' atemberaubend schneller Komödie "His Girl Friday".

Das Österreichische Filmmuseum geht mit einem der größten Hollywood-Regisseure ins neue Jahr - mit dem Allrounder Howard Hawks

... der in seinen Filmen Professionalismus und Arbeitsteilung hochhielt.

Wien - Ein Mann soll hingerichtet werden, die Exekution wird jedoch immer wieder vertagt. Im Press Room des Gefängnisses lungert seit Tagen träge eine Bande von Journalisten herum, die bei der geringsten Neuigkeit aufspringt und in mörderischem Tempo eine Meldung in den Telefonhörer rattert. Die Reporterin Hildy Johnson (Rosalind Russell) ist ihren männlichen Kollegen dennoch immer einen Schritt voraus. Sie entlockt dem Verurteilten eine wichtige Information. Eigentlich sollte sie aber gar nicht mehr da sein, sondern längst im Zug in Richtung eines neuen, beschaulicheren Lebens sitzen.

Howard Hawks' "His Girl Friday" (1949) ist mit Sicherheit einer der witzigsten Filme, die je über Journalismus gedreht wurden - keine der weiteren Verfilmungen von Ben Hechts "The Front Page" kam an die erste heran. Darüber hinaus ist er unglaublich schnell, selbst für heutige Maßstäbe: Die Dialoge rasen dahin, als wollten sie ihren Inhalten zuvorkommen. Man erkennt gleich, hier geht es um professionelle Eile, darum, die Nase vorn zu behalten. Und man merkt gar nicht, dass sich der Film fast nur in einem einzigen Raum abspielt, bis alles vorbei ist.

Wahrscheinlich lassen sich von fast jedem Film von Hawks, einem der großen Regisseure des klassischen Hollywood-Kinos - er drehte ab Mitte der 1920er-Jahre bis in die 60er kontinuierlich -, Rückschlüsse auf sein Gesamtwerk ziehen. Doch "His Girl Friday" ist deshalb bemerkenswert, weil der Professionalismus der Helden (neben Russell agiert Cary Grant als Chefredakteur) darin schon fast einer Sucht gleichkommt. Weil sie nicht widerstehen kann, weil sie "vom Sog der Maschine, die die Zeitung ist, festgehalten wird" (Frieda Grafe), wird Hildy natürlich bleiben müssen: Solch ein Talent darf einfach nicht verschwendet werden.

Ohne feige Hühner

Egal ob Komödie oder Drama, zwischen denen Hawks, ein Genre-Allrounder wie kaum ein anderer, immer wieder hin- und herwechselte: Die Haltung zur Aktion, zum Ethos der Tätigkeit ist diesselbe. Legendär ist Hawks' ablehnende Reaktion auf Fred Zinnemanns Western "High Noon" (1952), dessen um Hilfe flehenden Sheriff er als feiges Huhn bezeichnet hat. "Rio Bravo" (1959) verstand er als Antwort darauf: John Wayne lehnt darin jede Unterstützung von der Bevölkerung ab, er verlässt sich lieber auf seine Deputys - der eine, Walter Brennan, alt und stotternd; der andere, Dean Martin, mit Alkoholproblemen.

Eine derartige Gruppe an Außenseitern, die sich gegenseitig ergänzen und das tun, was die Situation erfordert, wird bei Hawks heroischem Einzelgängertum stets vorgezogen. "Die Zeit dieser Filme ist eine Zeit der Intelligenz, einer handwerklichen Intelligenz aber, direkt angewandt auf die sinnlich wahrnehmbare Welt", schrieb Jacques Rivette einmal so treffend über den Regisseur. Eine ähnlich praktische Denkart zeichnet die Filme auch inszenatorisch aus. Sie sind nicht aus einem Guss, sondern aus gelenkigen Teilen, die Hawks aufeinander bezieht. Die Kamera bleibt auf Augenhöhe, stilistische Charakteristika drängen sich nicht auf, sind vielmehr funktional ausgerichtet - ganz dem Storytelling verpflichtet.

Dies kann allerdings so weit gehen, dass sich die Geschichte selbst verdunkelt, wie in "The Big Sleep" (1945/46). Der Fall, den Private Eye Philip Marlowe (Humphrey Bogart) lösen soll, ist kaum mehr zu durchschauen, selbst Hawks soll seine Schwierigkeiten gehabt haben. Aber die Helden geraten darüber nicht ins Grübeln. Bewegung ist wichtiger als Bedeutung. Hauptsache, jede Geste stimmt.

Das mag auch ein Grund dafür sein, warum es auch in den Komödien keine stabilen Zuschreibungen gibt, sondern alles auch umgekehrt gedacht werden kann. In dem Musical "Gentlemen Prefer Blondes" (1953) ist Marilyn Monroe vielleicht ein naives Material Girl, das die Attraktivität von Männern nach ihrem Einkommen bemisst, aber die Brisanz des Films liegt in der Gleichung des Satzes "A rich man is like a beautiful girl." Allein Frauen bestimmen bei Hawks das Gesellschaftsleben - und ihr sinnliches Kapital erweist sich in der Regel als einflussreicher.

Drogen und Instinkte

Der oft derbe Spaß von Hawks-Filmen liegt so auch in der Überschreitung gesellschaftlicher Normen, für deren Einhaltung einfach niemand zuständig ist. In "Monkey Business" (1952) trinkt Cary Grant als Wissenschafter unabsichtlich die selbst entwickelte Verjüngungsdroge, die ihn zum kindlichen Gemüt regredieren und allerlei Unsinn treiben lässt. Die Errungenschaften moderner Zivilisationen, ihr Regelwerk, werden hier mit anarchischem Witz pervertiert - kindliche Destruktivität und animalische Instinkte sind die Urkräfte einer dahinterliegenden Welt, aus der neue Ordnungen hervorgehen - oder auch nicht. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4./5.12.2010)

Bis 11. Jänner

Odette
00
5.12.2010, 11:46
genial!

Easy Rawlins
12
3.12.2010, 21:16
"keine der weiteren Verfilmungen von Ben Hechts "The Front Page" kam an die erste heran"

Blöd nur, dass die erste Verfilmung nicht von Hawks, sondern von Lewis Milestone war.

The Only Cat in the Village
00
3.12.2010, 18:20
"Do I get to play the drunk this time?"

Frühwerk, 1920er und 1930er - freue mich kolossal! Alles auf Tempo. Ein wahrer "Frauen-Regisseur", ohne dabei die Männer alt aussehen zu lassen. Und:
Bringin' up Baby, ... Katharine Hepburn und Cary Grant und natürlich Baby!

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