Soziokulturelle Hintergründe von Wechselbeschwerden sind Thema beim Wiener Menopausekongress - Der Berliner Gynäkologe Matthias David im Interview
Der Berliner Gynäkologe Matthias David plädiert für "mehr Gespräch und weniger Hormontherapie", für Anti-Aging fühlt er sich nicht zuständig. Jutta Berger sprach mit ihm über eine neue Studie.
Standard: Sie haben 940 Frauen, die in Deutschland leben und aus unterschiedlichen Kulturkreisen stammen, zu ihrer Wahrnehmung der hormonellen Veränderung befragt. Mit welchen Ergebnissen?
David: Die Teilnehmerinnen, die aus Deutschland, der Türkei, China, Japan und Korea stammen, wurden mit Fragebogen, ein Teil auch in Interviews zu Beschwerden, Wissensstand, Hormontherapien befragt. Die meisten Frauen sehen die Wechseljahre als natürliche Lebensphase. Der Wissens- und Informationsstand über die Menopause ist aber sehr unterschiedlich, hängt ebenso vom Bildungsgrad ab wie die Einstellung zu Hormontherapien. Asiatinnen bemerken weniger körperlich-vegetative Symptome als Deutsch- oder Türkei-Stämmige.
Standard: Dann stimmt es, dass Asiatinnen keine Wechselbeschwerden haben, weil sie mehr Soja essen?
David: Es ist nicht so, dass asiatische Frauen keine Beschwerden hätten. Sie bemerken Kopf- und Rückenschmerzen. Die aufsteigende Hitze, das Markersymptom bei Frauen in Europa und Nordamerika, ist im asiatischen Raum zwar bekannt, aber nicht als Symptom, das die Wechseljahre kennzeichnet. Die Frage, ob die Ernährung mit Sojaprodukten Wechselbeschwerden positiv beeinflusst, hat uns sehr interessiert. Wir haben aber keinen Zusammenhang gefunden. Auch nicht bei deutschstämmigen Frauen, die sich bewusst gegen die Wechselbeschwerden mit Soja ernähren. Man kann also nicht sagen, dass man weniger körperliche oder psychische Beschwerden hat, wenn man mehr Soja isst.
Standard: Frauen aus der Türkei leiden laut Ihrer Studie stärker unter Wechselbeschwerden. Warum?
David: Diese Frauen berichten über wesentlich mehr Symptome. Das ist auffällig. Dazu muss ich aber auch noch anmerken, dass wir eine Vergleichsgruppe in Istanbul auf Basis des gleichen Fragebogens befragt haben. Auch diese Gruppe leidet insgesamt stär-ker an Wechseljahresbeschwerden. Wir haben uns die soziale Komponente angesehen: Die Beschwerden sind nicht schichtspezifisch. Es scheint also ein kulturelles Phänomen zu sein. Das Ende der Fruchtbarkeit, das Ausbleiben der Monatsblutung, die als Reinigungsprozess gilt, dürfte dramatischer gesehen werden. Auch schwere körperliche Arbeit wird ein Faktor sein. Mit der Interpretation der Antworten tun wir uns noch schwer.
Standard: Hängt die unterschiedliche Wahrnehmung mit unterschiedlicher Einstellung zum Älterwerden zusammen?
David: Soziokulturelle Faktoren sind wesentlich. Die Lebensumstände, Lebenszufriedenheit, gesellschaftliche Rolle, der gesellschaftliche Umgang mit Altern, die Schönheitsideale.
Standard: In unserer Gesellschaft ist Anti-Aging angesagt, man arbeitet gegen einen natürlichen Prozess - auch die Gynäkologen als Teil der Anti-Aging-Industrie.
David: Dieser fühle ich mich nicht zugehörig. Ich bin ein Verfechter des adäquaten Umgangs mit den verschiedenen Lebensphasen. Wir haben die Frauen gefragt, ob sie die Wechseljahre als neue Chance empfinden. Nur wenige, eher die deutschen Frauen, tun das. Die meisten sehen sie als Synonym für Altern, das Ende der Fruchtbarkeit. Frauen, die unter den biologischen Folgen sehr leiden, muss man helfen. Durch Hormontherapie, aber auch mit Gesprächen.
Standard: Hormontherapien sind in Verruf geraten. Zwei große Studien belegen Negativfolgen wie Brustkrebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wissen Frauen darüber Bescheid?
David: Wir haben gefragt, ob die Frauen die WHI-Studie kennen. Die Hälfte der deutschen Frauen kannte sie, 40 Prozent der asiatischen Frauen, knapp 20 Prozent der Türkei-stämmigen Frauen. Das war für uns enttäuschend, da herrscht noch Aufklärungsbedarf.
Standard: Woher beziehen Frauen ihre Informationen?
David: Deutsche und Asiatinnen informieren sich aus mehreren Quellen. Für Türkinnen sind Frauenärztin oder Frauenarzt am wichtigsten. Ihre "Arztgläubigkeit" ist am stärksten.
Standard: Und deshalb ist die Skepsis gegenüber Hormonen am geringsten?
David: Informierte Frauen sind zurückhaltend geworden, weil sie über die Negativfolgen Bescheid wissen. Unsere Studie zeigt, dass Frauen, die aus der Türkei stammen, am häufigsten Hormone verschrieben werden. 55 Prozent hatten eine Hormontherapie, von den Deutschen 48 Prozent, von den Asiatinnen 34 Prozent.
Standard: Was folgern Sie für die ärztliche Praxis aus diesen Zahlen?
David: Man müsste sich der Patientin mehr in Gesprächen widmen, um zu erkennen, was hinter Beschwerden in solchen psycho- somatisch-vulnerablen Phasen steckt. Mehr Gespräch, nicht nur Hormontherapie.
Standard: Könnte es sein, dass männlichen Gynäkologen das Einfühlungsvermögen fehlt und sie deshalb lieber zum Rezeptblock greifen?
David: Seit der WHI-Studie sind die Ärzte selbstkritischer und beim Verschreiben von Hormontherapien vorsichtiger geworden. Ob das geschlechtsspezifisch unterschiedlich ist, weiß ich nicht. Da müsste man untersuchen, ob Gynäkologinnen weniger Hormontherapien verschreiben oder beispielsweise beim Kongress in Wien andere Vorträge halten.
Standard: Wenn sie überhaupt Vorträge halten dürfen ...
David: Dass die Hauptvorträge Männer halten, liegt wohl daran, dass in den Führungsetagen immer noch wenige Frauen sind. Das wird sich aber ändern, der gynäkologische Nachwuchs ist weiblich. In den nächsten zehn bis 15 Jahren wird es den großen Umbruch geben. (Jutta Berger, DER STANDARD Printausgabe, 06.12.2010)