Trotz Amazon-Sperre - Boykottaufruf gegen Amazon auf Facebook
Der US-Konzern Amazon hat das Enthüllungsportal Wikileaks abgestöpselt. Ein paar Stunden waren die seit Sonntag im Internet veröffentlichten Geheimdokumente aus US-Botschaften in aller Welt nicht oder nur eingeschränkt erreichbar. Auf Dauer lassen sich Informationen im weltweiten und dezentral organisierten Netz aber nicht blockieren. "Was einmal im Netz ist, bleibt auch dort drin", heißt es bei einem deutschen Web-Hosting-Unternehmen, das ähnlich wie Amazon Server-Kapazitäten für Websites bereitstellt.
Die Daten werden redundant gehalten
"Selbst wenn weltweit alle Firmen Wikileaks die kalte Schulter zeigen, gäbe es noch genügend Sympathisanten, die die Daten auf eigenen Webseiten spiegeln würden." Bei der Gestaltung seiner technischen Infrastruktur operiert Wikileaks offenbar ähnlich wie ein großes Unternehmen: Die Daten werden redundant gehalten, das heißt gleichzeitig auf mehreren Servern platziert. Wenn der eine ausfällt, springt der andere ein. In der Nacht zum Donnerstag sprang der schwedische Provider bahnhof.se in die von Amazon gerissene Bresche.
"Die haben ein schönes Rechenzentrum, sind aber relativ klein", sagt der Insider in Deutschland. Zudem ist die Website von Wikileaks dezentral aufgebaut. Neben der Startseite von wikileaks.org liegen die Dokumente zum Teil auf anderen Web-Servern. Wenn die Startseite blockiert ist, können die Inhalte immer noch unter anderen Adressen abgerufen werden. "Natürlich kann Wikileaks zu jedem anderen Web-Hoster umziehen", erklärt der Netztechnik-Experte Frank Orlowski vom Internet-Knoten DE-CIX in Frankfurt am Main.
"Aber jede Server-Farm kann auch mit 'Denial of Service'(DOS)-Attacken überzogen und so lahmgelegt werden."
"Man kann die Site letztlich beliebig hin und her schieben. Aber jede Server-Farm kann auch mit 'Denial of Service'(DOS)-Attacken überzogen und so lahmgelegt werden." Solchen Attacken war Wikileaks nach eigenen Angaben seit Beginn der jüngsten Veröffentlichung schon mehrfach ausgesetzt. Dabei werden die Web-Server mit Unmengen von Datenpaketen geflutet und lahmgelegt - zehn Gigabit pro Sekunde registrierte Wikileaks in einem Fall. Moderne Web-Technik kann solche Angriffe frühzeitig erkennen und die entsprechenden Daten dann ausfiltern. Die Ausfalldauer lasse sich so auf wenige Stunden begrenzen, sagt der Web-Hosting-Experte. Die Abwehr solcher Angriffe kann aber teuer werden.
"In dem Moment, in dem man bereit ist, für die eigene Infrastruktur oder externe Dienstleister genügend Geld für Hardware und Connectivity auszugeben, kann man sicherstellen, das eigene Web-Angebot auch trotz solcher Angriffe online zu halten", erklärt DE-CIX-Experte Orlowski. "Die Frage ist: Sind die Taschen von Wikileaks tief genug, um sich das dauerhaft leisten zu können?"
Geld
Wikileaks-Gründer Julian Assange hat in Interviews einen erforderlichen Spendenbetrag von mindestens 200.000 Dollar pro Jahr genannt - besser noch 600.000 Dollar (456.100 Euro). Eine wichtige Geldquelle ist die nach einem 2001 verstorbenen Aktivisten des Chaos-Computer-Clubs (CCC) benannte Wau-Holland-Stiftung in Deutschland. Auch ohne hohen finanziellen Aufwand lassen sich die Wikileaks- Dokumente im Netz bereitstellen, wie es etwa über den Download-Dienst BitTorrent geschieht, mit dem sich zahllose private Rechner zu einem dezentralen Netz zusammenschließen lassen. Weil dafür eine besondere Software erforderlich sei, erreiche man damit aber nicht die breite Masse der Netzöffentlichkeit, erklärt Orlowski. "Wikileaks hat vermutlich ein vitales Interesse, eine funktionsfähige Website zu betreiben.
"Boykottaufruf gegen Amazon auf Facebook
Nachdem Amazon.com Wikileaks untersagt hat, seine Server weiter zu nützen, hat eine Gruppe, die sich als "New Party of Canada" bezeichnet, auf Facebook einen Boykottaufruf gegen Amazon gestartet. Die Facebook-Seite entwickelte sich innerhalb weniger Stunden zum Renner: Um 16:30 Uhr MEZ hatten knapp 2.000 Facebook-User die "Page" über den bekannten "Like"-Button unterstützt.
Programmatisch beruft sich die Gruppe auf eine Aussendung von Wikileaks, in der massive Kritik an Amazon geübt worden war: "Wenn sich Amazon in Bezug auf den Ersten Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten unbehaglich fühlt, dann sollten die aufhören, Bücher zu verkaufen." Gemeint ist damit jener Verfassungszusatz (englisch: Amendment), der den Grundrechtekatalog enthält.
"Amazon USA und die chinesische Zensur sind das Gleiche"
Zahlreiche Facebook-User machten ihrem Ärger auf der Seite durch Kommentare Luft: "Amazon USA und die chinesische Zensur sind das Gleiche", war zu lesen. Andere posteten Appelle, im Call-Center von Amazon anzurufen und dort ihren User-Account unter Hinweis auf die Sperrung der Wikileaks-Seite zu löschen. "Hoffentlich machen viele Leute dabei mit", hoffte ein weiterer User.(APA/dpa)
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