Bockbieranstich und Schuhplattler: Ein steirischer Trachtenverein jodelte sich ins Herz der EU-Hauptstadt
Durch die Gänge des Europäischen Parlaments hallt eine Ziehharmonika. Mancher EU-Abgeordnete zieht die grauen Augenbrauen hoch und glaubt falsch zu hören. Doch dann erklingt ein Jodler.
Verantwortlich für die ungewohnten Töne ist der Trachtenverein Roßecker. "Der hat nichts mit dem Peter Rosegger zu tun, sondern wir kommen vom Berg", erzählt eine blonde Steirerin, die nicht nur Dirndl, sondern auch eine traditionelle Haube trägt. Vom 1664 Meter hohen, obersteirischen Berg Roseck, um genau zu sein. "Ich hoffe, Sie nehmen ein bisschen mit, wie es bei uns in der Steiermark so zugeht", ruft der Trachtenverein-Obmann, und schon wird musiziert, getanzt und geschuhplattelt für das internationale Publikum, dessen Mundwinkel mitunter ein leichtes Lächeln umspielt.
Europapolitiker in Lederhose
SPÖ-Delegationsleiter Jörg Leichtfried hat an diesem Mittwochabend zum Bockbieranstich geladen. Er trägt jetzt Lederhose und Steireranzug, auch seine Mitarbeiterinnen haben die schwarzen Hosenanzüge gegen Dirndl getauscht. Leichtfried schlägt dann eigenhändig mit einem riesigen Holzhammer das Fass an. Gezapft wird Bockbier, Marke Gösser.
Darum sind neben dem Trachtenverein auch der Bürgermeister von Leoben, der Braumeister von Gösser und eine Reihe von Landtagsabgeordneten aus SPÖ und ÖVP gekommen. "Das ist das beste Bock der Welt", spricht Leobens Bürgermeister Matthias Konrad (SPÖ) ins Mikrofon. Die Huldigung heißt nicht allzu viel, ist Konrad doch offiziell auch Bierbotschafter seiner Stadt.
Brüsseler Bockbier-Belagerung
Rund ums Fass tummeln sich bald Politiker und Parlamentsmitarbeiter, die meisten aus Österreich, aber auch Abgeordnete anderer Länder. Für Leichtfried bietet der Abend willkommene Abwechslung. Wie den der anderen 735 EU-Abgeordneten kennzeichnet seinen Alltag der Brüsseler Sitzungsmarathon. Das Ringen um Kompromisse kann man spannend finden, freilich ist es auch zäh. Kleinen Fortschritten gehen oft monatelange Diskussionen voraus. Doch der tägliche, beharrliche Meinungsaustausch und die Arbeit in Ausschüssen und Unterausschüssen werden in der Heimat oft wenig gedankt. "Europa-Abgeordnete haben schon ein Präsenzproblem in den österreichischen Medien" sagt Leichtfried im Gespräch mit derStandard.at.
Wer kennt in Österreich schon Leichtfrieds Position zur europäischen Wegekostenrichtlinie, oder wer weiß, dass seine SPÖ-Kollegin Evelyn Regner vor einem halben Jahr im Ausschuss für Wirtschaft und Währung für eine schärfere Regulierung von Hedge-Fonds und Private-Equity-Fonds gestimmt hat?
Leobener Bürgermeister ist "China-Fan"
Ein Bürgermeister ist in seiner Region zweifelsohne bekannter. "Weil ich täglich an der Front stehe und aus der Stadt Leben erzeugen muss", sagt Konrad zu derStandard.at. Seit 16 Jahren ist der energische Mann mit dem kurzen weißen Haar schon Stadtoberhaupt. In Leoben habe es früher "nur Staub und Rost gegeben", heute sei die Montan-Uni modernisiert und die Industrie lebendig. Ein EU-Abgeordneter sei "ein Mittelsmann, aber in der Region wird Politik gemacht".
Wenn er sich das EU-Parlament ansehe, habe er Sorgen. "Da wird ja nur geredet", sagt Konrad nach seinem Brüssel-Tag. "Darum bin ich bin ein China-Fan." Dort würden Entscheidungen schnell fallen, in Europa hingegen werde gebremst. "Heute ist mir erklärt worden, 700 Leute reden mit beim Lissabon-Vertrag. Ich habe keine Ahnung vom Lissabon-Vertrag, aber wenn das so ist, ist das der Tod der EU."
"Sind viel zu selten in Österreich"
Parteikollege Leichtfried scheint da wesentlich optimistischer zu sein: "Die Zeit wird zeigen, dass die Europäische Union das Beste ist, was seit Jahrhunderten erfunden worden ist." Als Problem sieht er, dass er wegen des Brüsseler Terminkorsetts seltener nach Österreich kommt, "als mir eigentlich lieb ist". Auch die SPÖ-Abgeordnete Karin Kadenbach bekennt beim Steiermark-Abend: "Die Abgeordneten sieht man viel zu selten in Österreich." Für sogenannte "außerparlamentarische Tätigkeiten" im Wahlkreis blieben nur vier bis fünf Wochen im Jahr.
Leichter scheint es vorläufig, die Heimat nach Brüssel zu bringen als umgekehrt. Im Hintergrund führen fünf oder sechs Trachtenpaare ihre Volkstänze auf. Die Herren tragen Kniebundhose und grünes Sakko, ihre Krawatten hält ein aus Hirschgeweih geschnitzter Ring zusammen. Die Hand in die Hüfte gestützt umkreisen sie ihre Tanzpartnerinnen, die sich um sich selbst drehen. Dazwischen immer wieder ein Jodler und immer neues Bockbier.
Gegen Ende des Abends wird auch mancher internationale Veranstaltungsbesucher zum Mittanzen aufgefordert. Im EU-Parlament gibt man sich aufgeschlossen. "Das ist nicht seltsam", sagt ein nicht-österreichischer Gast. "Das ist lokal."