Feine Eiskristalle versetzen uns dieser Tage in Weihnachtsstimmung - In der Arbeitswelt erfreut sich psychoaktiver „Schnee" immer größerer Beliebtheit
In der Welt der Drogen genießt Kokain einen besonderen Ruf. Wird das weiße Gold doch nicht mit Elend und Verwahrlosung in Verbindung gebracht, sondern vielmehr mit Glamour und Partylaune. Geschnupft wird heute in bester Gesellschaft. Börsenmakler, Künstler, Spitzenmanager und Ärzte ziehen sich Koks, zu fein säuberlichen Linien präpariert durch gerollte Euro-Noten hinein in ihre Nasen. Und nicht nur Bestverdiener, auch für die bürgerliche Mittelschicht ist das Kokain zu einem leistbaren Vergnügen geworden.
„Kokain findet sich mittlerweile in allen Berufssparten, wo Arbeitnehmer großem Druck ausgesetzt sind", weiß Michael Musalek, Leiter des Anton-Proksch-Entzugsinstituts. Zurückzuführen ist diese verbreitete Tatsache auf die Wirkung der Droge. Denn das weiße, geruchlose, bitter schmeckende Pulver steigert die Ausdauer und das Selbstbewusstsein, macht dynamisch, kreativ und euphorisch - alles wonach eine Leistungsgesellschaft eben verlangt.
Droge mit zwei Gesichtern
Für Nichtkenner vorweg: Kokain wird aus den Blättern des südamerikanischen Kokastrauches, der heiligen Pflanze der Inka, gewonnen und auch heute noch von den Anden -Indios zur Bekämpfung von Hunger und Müdigkeit benutzt. Nach Europa gelangte es im 18.Jahrhundert, 1855 wurde der Hauptwirkstoff aus Kokablättern erstmalig extrahiert und kurze Zeit später fand er als Lokalanästhetikum seine medizinische Anwendung. Parallel dazu schaffte Kokain den Aufstieg zur Modedroge, unter anderem weil seine antreibende Wirkung in Mischgetränken sehr geschätzt wurde. Medizinalstatus und Kokagehalt in Limonaden sind verloren gegangen, als Partydroge ist Koks aber nach wie vor aktuell. In den 70-er und 80-er Jahren hat sich Kokain und seine Derivate auch in der Drogenszene fest etabliert. Seither bezeichnen Experten den „Schnee" als die Droge mit den zwei Gesichtern: Droge des Elends in der Gruppe der schwerstabhängigen Polytoxikomanen und Lifestyledroge für strebsame junge Aufsteiger.
Schenkt man der Statistik Glauben, dann haben in Österreich jedoch gerade einmal zwei bis vier Prozent aller jungen Erwachsenen Erfahrung mit Kokain. „Die Dunkelziffer ist wesentlich höher. Die Zahlen sind jedoch schwer zu erfassen, denn Menschen die sich in guten beruflichen Positionen befinden, werden mit Kokainproblemen sicher nicht in eine öffentliche Drogenambulanz oder Drogenberatungsstelle gehen", so Rainer Schmid, Leiter der Toxikologie und Medikamentenanalytik am Wiener AKH. Es wird also fleißig konsumiert und dabei die Gefährlichkeit des „Champagners unter den Drogen" nach wie vor weit unterschätzt.
Hohes Abhängigkeitspotential
„Kokain besitzt ein Abhängigkeitspotential, vergleichbar mit dem von Heroin", betont Musalek. Das hat vor allem mit Wirkungseintritt und -dauer der weißen Droge zu tun. Über die Nase appliziert kommt der gewünschte Kick in Minutenschnelle, hält aber nicht besonders lang an. Darum heißt es rasch nachlegen, sonst darf der Kokainist Unangenehmes erwarten: Schlaflosigkeit, Gereiztheit, Versagensängste und depressive Verstimmungen tauchen auf und steigern das Verlangen nach mehr.
Bezogen auf die psychischen Folgen herrscht Einigkeit. Was die physische Abhängigkeit angeht, wurde diese auch in Fachkreisen lange negiert. „Ein Alkoholentzugssyndrom dauert sieben bis zehn Tage, ein Kokainentzugssyndrom dagegen Wochen bis Monate", beschreibt Musalek den mühsamen Weg aus der Kokainsucht. Besonders zu schaffen machen den Süchtigen vor allem Antriebsstörungen, die sich in chronischer Apathie, Lust- und Interesselosigkeit und im schlimmsten Fall in einer schweren Depression äußern.
Akut kardiotoxisch
Probleme bereitet Kokain dem Körper jedoch nicht nur im Entzug. Die verschwindende Müdigkeit beim Konsum ist eine Folge sympathikotoner Effekte. Parallel zur Verengung der Blutgefäße, kommt es zu einer Steigerung der Herzfrequenz, die Atmung wird schneller und der Blutdruck erhöht sich. „Herzinfarkte bei sehr jungen Erwachsenen finden ihre Ursache häufig im Kokainkonsum", erzählt Schmid von der akut kardiotoxischen Wirkung. Die plötzliche Hypertonie kann auch Schlaganfälle oder Krampfanfälle im Gehirn auslösen. Die Angaben darüber, welche Dosis gefährlich werden kann, schwanken, da das Risiko stark von individuellen Faktoren abhängt.
Einer der von den langfristigen Folgen eines Kokainkonsums profitiert ist der Schönheitschirurg. „Kokain ist eine basische Substanz, wirkt also ätzend", erklärt Schmid. Die durchlöcherte Nasenscheidewand in der Koksernase lässt sich anschließend nur mehr chirurgisch sanieren.
Die körperlichen Risiken sprechen alle für sich, doch mit der Illusion den Gebrauch kontrollieren zu können, sieht der User darüber locker hinweg. Zu perfekt passt Kokain in die hedonistische Spaßkultur, in der jeder gut drauf ist, erfolgreich und leistungsfähig. Und so wird munter weiter geschnupft, wohlwissend, dass irgendwann jeder Süchtige seine Euphorie mit einer Depression zurückzahlt. (derStandard.at, 02.12.2010)