Nach dem Wikileaks-Tsunami steht für Venezuelas Präsidenten das nordamerikanische "Imperium nackt" da. In etlichen Staaten Lateinamerikas ist man über sie betreffende Enthüllungen schwer geschockt.
Die Begeisterung in der Regierung von Ecuador für den
untergetauchten Wikileaks-Gründer Julian Assange währte nur kurz. "Wir sind
bereit, ihm eine Aufenthaltserlaubnis zu geben – ohne Probleme, ohne
Bedingungen", hatte der ecuadorianische Vizeaußenminister Kintto Lucas erklärt.
Doch kurz darauf pfiff ihn Staatspräsident Rafael Correa zurück. Es habe an
Assange keine formelle Einladung gegeben, sein Vizeminister habe ohne
Autorisierung gehandelt, ließ sich Correa am 1. Dezember in der
ecuadorianischen Zeitung "El Comercio" vernehmen. Wikileaks
habe Gesetze gebrochen und damit "einen Fehler begangen".
Das kurze Zwischenspiel in Ecuador zeigt die Schwierigkeiten auf,
die in Lateinamerika bei der Einschätzung des Veröffentlichungs-Tsunamis von
250.000 geheimen US-Dokumenten besteht, von denen viele die Staaten dieser
Region betreffen. In Quito hatte man sich von Assange Auskunft darüber erhofft,
was sich aus den Depeschen über Versuche der USA herauslesen lasse, linke
Regierungen wie jene Venezuelas und seiner ALBA-Verbündeten Bolivien und
Ecuador zu destabilisieren. Andererseits hat die Regierung des Iran, mit der
die ALBA-Staaten beste Beziehungen pflegen, Assanges Enthüllungen als "Teil
einer gut organisierten Verschwörung" verurteilt.
Venezuelas Präsident Hugo Chávez enthielt sich vorerst einer
Bewertung des Veröffentlichungsvorgangs und ging stattdessen die USA frontal
an. Die US-Regierung habe erklärte Feinde und die eigenen Freunde gleichermaßen
mit polemischen Attacken eingedeckt, es sei klar, dass sie nur eigenen Interessen
folge: "Das Imperium ist nackt". Chávez empfahl US-Außenministerin Hillary
Clinton den Rücktritt.
Mit dem nun bekannt gewordenen Inhalt der Venezuela betreffenden
Depeschen, die hauptsächlich von der US-Botschaft in Caracas abgeschickt worden
sind, wird Chávez wohl nicht unzufrieden sein. Viele der enthaltenen
Informationen sind bekannt, und bei den neuen kommt Chávez nicht schlecht weg.
Mehrere "cables" befassen sich mit der Anwesenheit von Kubanern in
Venezuela. Schätzungsweise befänden sich mehr als 40.000 kubanische Helfer im Land,
darunter an die 30.000 Ärzte und Krankenpfleger, 1.400 Agrartechniker, 6000 Sporttrainer
und bis zu 4000 weitere Experten, die als Lehrer, in der Industrie und in
Kommunikationsberufen arbeiteten. In der venezolanischen Armee hätten die
Kubaner weniger Einfluss, sonst sei der kubanische Geheimdienst überall präsent
und überwache beispielsweise auch die Einwanderungsbehörde. Kubanische
Geheimdienstler hätten ständigen direkten Zugang zu Chávez, es gebe sogar eine
Rivalität der venezolanischen und der kubanischen Geheimdienstler um die
Aufmerksamkeit des Präsidenten, heißt es in der Depesche Nr. 51158 vom 30.
Jänner 2006.
Überraschend liest sich der Bericht über ein Gespräch, das ein
US-Botschaftsmitarbeiter 2004 mit der ehemaligen Chávez-Vertrauten Herma
Marksman führte. Chávez sei, anders als die Opposition glauben machen wolle,
sicher kein Idiot, er wisse genau, was er wolle, sagte die Historikern, die von
1984-1993 Chávez’ Lebensgefährtin gewesen war und sich dann gegen ihn stellte.
Mit seinen stundenlangen, volkstümlichen Auftritten im Fernsehen vermittle er
den Armen den Eindruck, dass er an ihren Problemen interessiert sei. Der
Präsident traue nur wenigen Menschen, am meisten noch seinem Bruder Adan und
Fidel Castro, den er schon als Kind bewundert habe, heißt es in der Depesche
18574.
Als Bumerang für die USA stellt sich der Inhalt der Geheimdepesche
147378 dar, in der es um den Absturz des US-amerikanischen Ansehens in
Venezuela geht. Vor der Chávez-Ära, die 1999 begann, hätten 65 Prozent der
Venezolaner von den USA einen positiven Eindruck gehabt, jetzt sehen nur noch
31 Prozent die USA positiv, hieß es in der Depesche aus dem Jahr 2008. Die
Botschaft empfahl der US-Regierung ein ganzes Bündel von Massnahmen zur
Imagepflege. So wurde angeregt, bekannte, aus Venezuela stammende
US-Baseballspieler in ihre alte Heimat zu schicken, damit sie dort Jugendliche im
beliebtesten Mannschaftsport des Landes weiterbilden. (Hugo Chávez hatte laut Biographien
in seiner Jugend die Absicht, Baseball-Profi zu werden – Anm. Erhard Stackl).
Oberpeinliches aus
Argentinien
Weniger Freude dürfte Chávez mit den geheimen Botschaftsberichten
aus Buenos Aires haben, die Wikileaks ebenfalls in die Hände gefallen sind.
Dort ist ständig von den Bemühungen die Rede, die von Venezuela finanziell
unterstützte Regierung der Linksperonisten auf die Seite der USA zu ziehen. Zu
Zeiten von Präsident George W. Bush habe das sogar funktioniert, wird
behauptet. So hätten Néstor Kirchner,
der heuer verstorbene Ehemann und Amtsvorgänger von Argentiniens Präsidentin
Cristina Fernández de Kirchner (in den Depeschen CFK genannt) und auch diese
selbst beste Beziehungen zu Thomas Shannon gehabt, dem für Lateinamerika
zuständigen damaligen Vizeaußenminister der USA. CFK habe zugestimmt, in Bolivien "mit der US-Regierung zu kooperieren", heißt es in einer von der Madrider
Zeitung "El País" zitierten Depesche. Es sei darum gegangen, Boliviens linken
Indio-Präsidenten Evo Morales davon zu überzeugen, dass die USA die
territoriale Integrität Boliviens nicht antasten wollen (bekanntlich gab es im
rohstoffreichen Osten und Südosten des Landes, dem sogenannten Halbmond,
Abspaltungstendenzen). Außerdem sollte sich Argentinien in Bolivien, aber auch
in Ecuador darum bemühen, die Regierungen auf einen mehr moderaten und demokratischen
Kurs zu bringen.
Doch ausgerechnet mit dem Amtsantritt der neuen US-Regierung wurden
die Beziehungen zu Buenos Aires sauer, und das, obwohl Cristina Fernández sowohl die Wahl von Barack Obama zum
US-Präsidenten, wie auch die Bestellung Hillary Clintons zu dessen
Außenministerin ausdrücklich begrüßt hatte.
Der Ärger begann bei einem Besuch des neuen Vizeaußenministers für
Lateinamerika, Arturo Valenzuela, in Buenos Aires am 15. Dezember 2009, bei dem
er öffentlich über die Beschwerden von US-Unternehmern sprach, die sich über
ein "Fehlen der Rechtssicherheit" in Argentinien beklagten. Die argentinische
Präsidentin reagiert zornig und beleidigt, was ihr den nachhaltigen Groll des
US-Außenministeriums eintrug. In mehreren Depeschen wurde die US-Botschaft in
Buenos Aires mit Fragen bombardiert, die jetzt in den argentinischen Medien für
größte Aufregung sorgen. Unter der Überschrift "Mental state and health" werden
in einer Depesche Fragen zum "Geistes- und Gesundheitszustand" der Präsidentin
und ihres damals noch lebenden Ehemanns gestellt. "Wie kontrolliert Cristina Fernández
de Kirchner ihre Nervosität?", heißt es da. Und: "Nimmt sie Medikamente?"
"Wie geht es Néstor Kirchner mit seiner Erkrankung des Magen- und Darmtrakts?",
wurde nach dem Befinden des Ex-Präsidenten gefragt, der am 27. Oktober 2010 an
einem Herzinfarkt starb.
Auch bei seiner Einschätzung des Zustandes von Cristina Kirchner sei
das State Department falsch gelegen, meint die argentinische Zeitung "La Nación".
Es sei ein alter "urbaner Mythos", dass die Präsidentin an einer "bipolaren
Störung" leide, dass sie mit anderen Worten manisch-depressiv sei.
Als ob diese Enthüllungen, auf die Argentiniens Regierung bisher
nicht regierte, nicht schon genug gewesen wären, setzte Wikileaks noch eines
drauf. In weiteren Veröffentlichungen rechnen zwei frühere Kabinettschefs der
Kirchner-Regierungen mit dem Politiker-Ehepaar ab. Sergio Massa soll bei einem
Abendessen im Haus eines Bankers im November 2009 Néstor Kirchner als "Psychopathen" und "Monster" bezeichnet haben, der in der Politik eine "Rowdy-Mentalität" entwickelt. Massa habe sich in seiner Wut nicht einmal von
der eigenen Ehefrau stoppen lassen, steht in der Depesche 235941. Die
Präsidentin habe er damals als reine Befehlsempfängerin ihres Mannes
bezeichnet; ohne ihn würde sie besser arbeiten. Argentinien werde jedenfalls
kein zweites Venezuela werden, soll der ehemalige Spitzenfunktionär der
Kirchners versichert haben. Das Land habe eine breite, gebildete Mittelschicht,
die Wirtschaft sei "viel komplexer als die Erdöl-Monokultur in Caracas". Die
Argentinier würden eine autokratische Regierung nicht zulassen.
Schlechte Noten von
Bachelet
Zu diesen Enthüllungen argentinischer Provenienz, ein Fressen für
die bürgerlichen, mit der Präsidentin schon länger im Krieg liegenden Medien,
kam noch eine weitere aus dem Nachbarland Chile. Die sozialistische Präsidentin Michele
Bachelet, die auf etlichen Fotos
gemeinsam mit Cristina Kirchner lachend zu sehen ist, soll sich bei einem
Besuch des US-Emissärs Valenzuela kritisch über die Amtskollegin geäußert haben.
Im Jänner 2010, an einem ihren letzten Tage im Amt, soll Bachelet (die nicht
wörtlich zitiert wird) als Land mit schwachen Institutionen bezeichnet haben,
dem eine robuste Demokratie fehle; die Präsidentin Kirchner sei schwankend. Ein bei dem
Gespräch anwesender Berater Bachelets hat laut der chilenischen Zeitung "La
Tercera" inzwischen dementiert, dass seine Chefin in dieser Weise über
Argentinien gesprochen habe.
Fingerabdrücke vom
Präsidenten
Geht es bei dieser Peinlichkeit um eine Ex-Präsidentin (und nunmehrige
Leiterin der neuen Uno-Behörde für Frauenangelegenheiten), so muss sich in
Paraguay der amtierende Präsident Fernando Lugo mit Enthüllungen aus dem Fundus
von Wikileaks herumschlagen. Danach habe das State Department die US-Botschaft
in Asunción während des paraguayischen Präsidentschaftswahlkampfes 2008
aufgefordert, Material über die vier wichtigsten Kandidaten, darunter auch
Lugo, zu sammeln. Verlangt wurden sogar biometrische Daten wie Fingerabdrücke
und Augenscans. Zusätzlich zu diesen doch eher verblüffenden Wünschen wurde
nach dem Ausmass der Korruption im Land gefragt, nach dem Stand der Beziehungen
zu Kuba und Venezuela, China, Taiwan und Russland sowie nach den Plänen für den
Bau von Moscheen und mögliche Aktivitäten von Al-Kaida.
Laut Meldung der Fernsehstation Telesur hat Paraguays Außenminister
Héctor Lacognata die US-Botschafterin Liliana Ayalde bereits vorgeladen und von
ihr Aufklärung über dieses höchst befremdliche Vorgehen gefordert.
Neues vom Putsch in
Honduras
An sich positiv kommt die US-Diplomatie in jenem Teil der nun
bekannt gewordenen Geheimdokumente vor, in denen es um den Putsch in Honduras
am 28. Juni 2009 geht. Bekanntlich war damals der gewählte Staatspräsident
Manuel Zelaya abgesetzt, festgenommen und mit einem Flugzeug nach Costa Rica
abgeschoben wurde. Durchgeführt hatte diese Aktion ein Bündnis aus Militärs und
Politikern, die Zelaya Verfassungsbruch vorwarfen, weil er ein Referendum über
eine weitere Amtszeit als Präsident angestrebt hatte. Die Putschisten
erwarteten, besonders von den USA, dass ihre Handlungsweise als rechtmäßig
anerkannt wird.
Doch US-Botschafter Hugo Llorens kabelte noch einen Monat nach dem
Putsch "vertraulich" an seine Zentrale in Washington, dass "kein Zweifel
besteht, dass sich das Militär, das Höchstgericht und der nationale Kongress zu
einem illegalen und verfassungswidrigen Coup verschworen haben" (Dokument
09Tegucigalpa645). Es habe kein gesetzmäßiges Absetzungsverfahren gegeben und
überdies hätten seit dem Inkrafttreten der Verfassung von 1982 in Honduras
schon mehrere Präsidenten die Ausweitung ihrer Amtszeit angestrebt, ohne dass
sie "automatisch" als abgesetzt erklärt worden wären. Botschafter Llorens
bezeichnete, ganz im Einklang mit fast allen Regierungen Lateinamerikas und
zunächst auch der EU, die von den Putschisten dem Land aufgezwungene
Nachfolgelösung als "völlig illegitim". Doch wenige Monate später protestierten
nur noch Venezuela, Brasilien, Argentinien und einige weitere
lateinamerikanische und karibische Staaten. Der gestürzte Präsident Zelaya lebt
nun im Exil in der Dominikanischen Republik. In Honduras wurde, in einer Phase
heftiger politischer Zusammenstöße, im November 2009 der konservative Politiker
Porfirio Lobo zum neuen Präsidenten gewählt, was von den USA und leider auch
von der EU hingenommen wurde.