Ankara, Baku und zurück mit Wiki

30. November 2010, 22:17
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Tag 2 1/2 der Wikileaks-Flut. In der Untergruppe "Türkei" haben wir heute gelernt: Tayyip Erdogan ist ein außerordentlich arbeitsamer Mensch und nimmt allenfalls drei Tage Urlaub im Jahr. Außenminister Ahmet Davutoglu hat Journalisten in Washington persönlich bestätigt, dass er der "außerordentlich gefährliche Mann" sei, als der er in den geleakten Depeschen beurteilt wird. Und der Nebenschauplatz Aserbaidschan - im Prinzip politisch engster Partner der Türkei - gewinnt durch die Schreibleistungen der dortigen US-Botschaft bei Wikileaks an Konturen.

Was man Ilham Alijew, dem Autokraten der Öl- und Gasrepublik am Kaspischen Meer, zugestehen muss, ist sein außenpolitisch sehr geschickter Balanceakt in einer Menge anstrengender Nachbarn: Russland, Iran, Georgien, das Feindesland Armenien, der große Bruder Türkei, die Wagenburg Turkmenistan. Die Depeschen der amerikanischen Botschaft in Baku, ein Sammelsurium von real stattgefundenen politischen Treffen und Gerüchten aus zweiter und dritter Hand, bestätigen alte Annahmen. Alijew hält den türkischen Ministerpräsidenten Erdogan und seine Partei AKP für eine Amateurtruppe; er hat die in den Zürcher Protokollen von 2009 festgelegte Normalisierung zwischen der Türkei und Armenien abgewürgt und bietet einer ganzen Reihe halbseidener iranischer Geschäfts- und Unterweltfiguren einen Rückzugsraum in seiner Glitzerstadt mit den Bohrtürmen.

Einen gewissen neuen Wert haben auch Alijews angebliche Bemerkungen über die beschränkten Möglichkeiten des russischen Präsidenten Dmitri Medwedew gegenüber Regierungschef Wladimir Putin und dessen Machtzirkel. Alijew machte diese Bemerkungen in einem Gespräch mit dem amerikanischen Staatssekretär William Burns im Februar dieses Jahres. Dabei gebrauchte der aserbaidschanische Präsident einen Ausdruck von der Straße, um die Rivalität in Moskau zu beschreiben: "Man kann nicht zwei Köpfe in einem Topf kochen."

Eriwan hat unterdessen auch seinen Teil abbekommen: Ein Schreiben des früheren US-Vizeaußenministers John Negroponte an den damaligen armenischen Verteidigungsminister und heutigen Staatschef Serge Sarkisian über offensichtliche Waffenlieferungen an den Iran war kurzzeitig Tagesgespräch in der Hauptstadt des isolierten Kaukasusstaats.

 

  • Viele von Wikileaks veröffentlichte Depeschen stammen aus der türkischen US-Botschaft
    flaggen: creative commons, wikileaks: screenshot, montage: derstandard.at

    Viele von Wikileaks veröffentlichte Depeschen stammen aus der türkischen US-Botschaft

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