Wer vernetzt suchet, der rasch findet

30. November 2010, 19:41
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Bereits in der Pionierzeit des Web 2.0 ist einer Wiener Agentur Großes gelungen: Sie entwickelte eine Suchmaschine, die Infos nach der Logik der User sortiert

Blöd nur: Microsoft hatte zeitgleich dieselbe Idee.

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"Geben ist seliger denn nehmen" - so könnte die Kurzfassung für den Technologiesprung lauten, der sich zur Jahrtausendwende als Weg zum Web 2.0 vollzog. Internetnutzer durften nämlich auf einmal überall ihren Senf dazugeben, also nicht mehr nur fertige Inhalte passiv konsumieren, sondern diese auch ohne profunde Computerkenntnisse ergänzen. Ein derart spirituelles Zitat für die recht profane Kommunikation in zwei Richtungen verschweigt allerdings etwas: Der abrupte Anstieg an Datenmengen im Netz brachte nicht nur Segen. Vor allem nicht für jene, die gerade erst mühsam gelernt hatten, mit Suchmaschinen umzugehen und relevante Informationen zu finden.

"Gezielt weitergeben ist seliger denn alles nehmen zu müssen" , schien dabei das Gebot der Stunde für einer Wiener Mediaagentur gewesen zu sein, die Nutzen und Ballast des Web 2.0 gleich in den Pionierjahren erkannte. Die Agentur Knallgrau um Geschäftsführer Dieter Rappold machte sich bereits 2004 daran, eine Lösung für Internetnutzer zu finden, die gar nicht erst von der neuen Informationsflut überschwemmt werden wollten. Dafür entwickelten sie eine Anwendung, die dort ansetzt, wo sich die Datenschwemme ungehindert ausbreiten kann - im Web. Ein webbasiertes Programm sollte gewährleisten, dass Informationen quasi halbautomatisch verarbeitet, organisiert und teilbar gemacht werden können.

Das Zentrum für Innovation und Technologie ZIT wiederum hielt das Vorhaben der New-Media-Kenner für so bahnbrechend, dass sie für fast die Hälfte der Entwicklungkosten - insgesamt 380.000 Euro - aufkam. Als Technologieagentur der Stadt Wien unterstützt sie den Innovationsdrang der Informations- und Kommunikationsbranche, die immerhin bereits rund acht Prozent aller Wiener Unternehmen ausmacht.

Vier Jahre nach der zweijährigen Entwicklungsphase des nunmehr fertigen Produkts "MeManage" betont Dieter Rappold, dass die Stärke der Software nicht darin liegt, nur technische Möglichkeiten auszuschöpfen, sondern dass sie sich am Benutzer orientiert: "Der Mensch denkt nun mal nicht hierarchisch und ordnerbasiert, sondern netzwerkartig und assoziativ."

Automatisierter Wissenspool

Dabei schafft es die Anwendung "MeManage" nun tatsächlich, Suchanfragen von Benutzern in Netzwerken weitgehend nach deren Logik und Bedürfnis zu sortieren und zu katalogisieren. Sie legt dabei - vereinfacht gesagt - einen Index von bereits erfolgreichen Suchen nach Informationen an, die unter den Benutzern gleicher Interessen rasch weitergegeben werden können. Immer nach denselben Inhalten zu suchen, wird dadurch überflüssig - dem gesamten Team in einem Netzwerk steht dadurch ein einziger Wissenspool zur Verfügung, der noch dazu automatisiert gepflegt werden kann.

Zu wissen, wonach der Benutzer überhaupt sucht, das ermöglicht dabei die Technologie der semantischen - also verstehenden - Suche. Sie ist in die Software genauso integriert wie die Möglichkeit, individuelle Stichworte (Tags) für die Suchergebnisse zu vergeben. Anhand dieser Tags wird die Wissensdatenbank auch halbautomatisch erweitert - und wiederum selbst durchsucht.

Dass diese Technologie funktioniert und Wissensarbeitern nun wesentlich effizienteres Finden von Informationen ermöglicht, kann Rappold mit dem Einsatz der Software in gleich mehreren großen österreichischen Konzerne belegen. Allerdings würden diese Unternehmen nicht so gern genannt werden, so Rappold - "MeManage" besteht nämlich weitgehend aus Open-Source-Komponenten, und wer seinen "Safe für kollektives Firmenwissen" damit füttert, hängt das verständlicherweise nicht gern an die große Glocke. Neben der Tatsache, dass ausgerechnet seine Agentur (die auch sehr erfolgreich mit dem Web 2.0 als "Guerillamarketingnetz" umzugehen weiß) nicht mit diesen Namen werben kann, nennt Rappold noch einen anderen relevanten Wettbewerbsnachteil.

Ungleiche Konkurrenz

"Dass die Software noch nicht weltweit auf PCs läuft, hängt vor allem damit zusammen, dass einige Entwickler von Microsoft etwa zur gleichen Zeit die gleiche Idee hatten." Mit der Microsoft-Lösung "SharePoint" hat der ungleiche Mitbewerber aus Redmont letztendlich global besser platziert, was auch aus Wien hätte kommen können: eine gemeinsame Daten- und Informationsablage für die virtuelle Zusammenarbeit von Benutzern in einem Netzwerk.

Verbittert zeigt sich Rappold deshalb keineswegs: "MeManage funktioniert per se wie eine Kiste aus Legosteinen - wir haben halt nicht den gesamten Bausatz verkauft." Die Software läuft nun hauptsächlich auf firmeninternen Intra-Netzwerken, auch wenn die Entwicklung weiterhin das Potenzial hat, sogar den großen Bruder Internet dabei zu zügeln, so viel herzugeben, wie niemand mehr nehmen kann und will. (Sascha Aumüller/DER STANDARD, Printausgabe, 01.12.2010)

  • Da lang oder doch dort? Suchmaschinen finden nicht immer relevante Informationen. Semantische, also verstehende Software, ist in dieser Hinsicht richtungsweisend.
    foto: fotolia

    Da lang oder doch dort? Suchmaschinen finden nicht immer relevante Informationen. Semantische, also verstehende Software, ist in dieser Hinsicht richtungsweisend.

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