Gerechtigkeit für Griechenland

30. November 2010, 19:41
1 Posting

Nicht Rom, sondern die griechischen Stadtstaaten sind die wichtigste Quelle des europäischen Rechtsdenkens, versucht der Innsbrucker Rechtsprofessor Heinz Barta in seinen Schriften zu beweisen

Eigentlich ist das Match Griechenland gegen Rom schon seit 2000 Jahren entschieden - mit einem Patt: Rom setzte sich militärisch und politisch durch, erkannte aber die kulturelle Überlegenheit der Griechen an.

Doch für den Heinz Barta, emeritierter Zivilrechtprofessor an der Universität Innsbruck, geht diese Schlacht weiter. Er kämpft aufseiten Griechenlands gegen die weit verbreitete Meinung, dass die Rechtswissenschaft erst im römischen Reich erschaffen worden ist. Seit elf Jahren forscht Barta über die griechischen Wurzeln unseres Rechtsverständnisses und hat vor kurzem den ersten von vier Bänden seines großen Werkes herausgebracht, das am Ende rund 3000 Seiten umfassen wird.

Der Titel Greca non leguntur? (Griechisches wird nicht beachtet?) bezieht sich auf eine Maxime mittelalterlicher Juristen in Bologna, die aus dem Codex Justinianus, der griechische und lateinische Normen verband, alles Griechische wegließen.

Geschichtsklitterung

Diese Einstellung herrscht an vielen Fakultäten bis heute vor, gefördert von Professoren für römisches Recht, sagt Barta. "Es heißt, alles Recht kommt aus Rom. Da findet eine beachtliche Geschichtsklitterung statt."

Als Beispiele zitiert Barta etwa die Verschuldenshaftung, die im Standardlehrbuch zum römischen Privatrecht von Kaser/Knütel als römische Erfindung beschrieben wird. "Dabei geht sie schon auf Drakon zurück, der 620 v. seine Gesetze schrieb."

Auch die Beschäftigung mit Insiderhandel habe bereits unter Solon begonnen, dessen Pläne für einen allgemeinen Schuldenerlass von eingeweihten Freunden finanziell ausgenutzt worden seien, erzählt Barta.

Die größte rechtliche Hinterlassenschaft der Griechen ist für ihn die Kodifizierung der Gesetze, die von den Römern nie betrieben worden ist, und die Wissenschaft der Rechtsvergleiche. So habe etwa Aristoteles gemeinsam mit Theophrastos von Eresos 158 Stadtverfassungen untersucht, von denen allerdings nur die athenische (athenaion politeia) erhalten geblieben ist. Und sein Schüler Platon habe in seinem Werk Nomoi (Gesetze) die Einsetzung von Beamten vorgeschlagen, die "herumreisen sollten, um zu sehen, ob andere Staatswesen etwas haben, das man zur Verbesserung der eigenen Rechtsordnung verwenden kann" .

Auch die Griechen hätten auf früheren Rechtstraditionen aufgebaut, etwa jenen der Ägypter, Babylonier, Perser und Phönizier. So gehe das Bild der gleicharmigen Waage, unser Symbol für Gerechtigkeit, nicht etwa auf die römische Justitia, sondern auf die ägyptische Totengöttin Ma‘at, die gleichzeitig Göttin der Gerechtigkeit war, zurück. Barta: "Das Gesetz ist ein Geschenk des Orients, das über die Griechen in Europa heimisch geworden ist."

Dass diese Leistungen heute so wenig Beachtung finden, habe vor allem Cicero zu verantworten, vermutet Barta. Der Philosoph und Politiker hätte ganze Werke aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzt und unter seinem Namen herausgegeben. Barta: "Cicero war darauf bedacht, dass das Römertum über alles groß erscheint. Er hat so getan, als ob bei den Römern alles anders sei als in der früheren Rechtsgeschichte." Dies habe sich im Christentum dann fortgesetzt.

Gewohnheit statt Kodex

Tatsächlich gebe es in der Rechtsauffassung Unterschiede zu den Griechen, die Rom allerdings gar nicht gut aussehen ließen, behauptet Barta. "In Rom war hat das Gewohnheitsrecht dominiert, das kodifizierte Gesetz hat nie die Rolle gespielt wie in Griechenland oder im Orient. Recht war vor allem ein Instrument, um Herrschaft zu erlangen und abzusichern." Anders als bei den demokratisch gesinnten Griechen, aber auch anders als in Mesopotamien, sei das rechtliche Wissen in Rom den politischen Eliten vorbehalten gewesen. Und an Rechtsvergleichen seien die Römer nie interessiert gewesen.

Die Vernachlässigung der griechischen Rechtstradition habe sich im 19. Jahrhundert fortgesetzt. So sei der deutsche Jurist Friedrich Carl von Savigny (1779 -1861), der Begründer der historischen Rechtsschule, ein "echter Griechenhasser" gewesen, sagt Barta. Dies sei bis heute an den österreichischen Rechtsfakultäten zu spüren. Zwar werde das römische Recht in den Studienplänen immer mehr an den Rand gedrängt, aber für eine übergreifende Rechtsgeschichte gebe es - anders als im angelsächsischen Raum - überhaupt keinen Platz.

Die österreichischen Größen auf diesem Gebiet, vor allem Leopold Wenger und Ernst Rabel, hätten nur in Deutschland und den USA Anerkennung gefunden. In Österreich hingegen herrsche der Rechtspositivismus von Hans Kelsen, dem Autor der Bundesverfassung vor, der "das Rechtsdenken auf die geltende Norm verengt und nicht förderlich für das kulturelle Verständnis ist" , analysiert Barta.

Die Wahl zwischen Athen und Rom hat allerdings auch politische Konsequenzen, glaubt Barta. Denn das griechische Rechtsverständnis, das in der Tradition des Natur- und Vernunftrechts steht, sei liberaler, demokratischer und weltoffener als der römische Rechtspositivismus.

Vor allem gebe es dem Richter mehr Verantwortung, die Lücken im Gesetz zu füllen. Barta: "Ein griechischer Richter hatte das Gesetz ernst zu nehmen, aber, wenn etwas nicht geregelt ist, nach bestem Wissen und Gewissen der Gerechtigkeit vorzugehen." Dies sei Teil des griechischen Richtereids (dikaiotate gnome) gewesen.

Einen Vertreter dieser Denkschule sieht Barta im österreichischen Rechtsgelehrten Karl Anton von Martini (1726-1800), dessen Westgalizisches Gesetzbuch zum Vorläufer des Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuch (ABGB) wurde. Und auch das AGBG, das im kommenden Juli 200 Jahre alt wird, folge im § 7 jenem Modell der rechtlichen Lückenfüllung, das auf die Griechen zurückgeht.

"Diese Dehnfuge war politisch immer schon umkämpft" , sagt Barta. "Sie zeigt auf, wie der Richter sich selbst Regeln schaffen kann, wenn der Fall nicht gesetzlich geregelt ist." Kelsen habe das gar nicht zu Kenntnis genommen. (Eric Frey/DER STANDARD, Printausgabe, 01.12.2010)

 


Buchtipp
Heinz Barta. "Graeca non leguntur? Zu den Ursprüngen des europäischen Rechts im antiken Griechenland" . Band I. Harrassowitz, 800 Seiten, 59,70 €.

  • Heinz Barta, Zivilrechtler und Rechtshistoriker.
    foto: uni innsbruck

    Heinz Barta, Zivilrechtler und Rechtshistoriker.

Share if you care.