"Die Welt hat sich viel zu stark verschuldet"

30. November 2010, 17:42
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Für den deutschen Wirtschaftsexperten Stefan Riße heißt die Lösung des Schuldenproblems Inflation

Will man den sozialen Frieden nicht aufs Spiel setzen, kann die Überschuldung der Staaten nur über die Inflation gelöst werden, sagt Stefan Riße. Den deutschen Wirtschaftsexperten hat Bettina Pfluger beim Wertpapierforum in Wien getroffen.

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STANDARD: Sie sagen, die Inflation kommt - was macht Sie so sicher?

Riße: Ich rechne zwar nicht mit einer Hyperinflation, aber ich glaube, dass wir in den Industrieländern über mehrere Jahre Inflationsraten von um die zehn Prozent bekommen.

STANDARD: Was ist der Grund dafür?

Riße: Die Politik in den alten Industrieländern, allen voran die Amerikas, verfolgt einen Schuldenabbau über Rückzahlung und will die damit verbundenen Folgen - nämlich eine über Jahre in der Rezession bis Deflation befindliche Wirtschaft - verhindern.

STANDARD: Aber irgendwie müssen die Schulden ja gestemmt werden.

Riße: Das stimmt. Und das wird auch passieren, nur eben mit entsprechender Entwertung des Geldes. Ohne kann dies zu politischen Katastrophen führen. Wenn man sich das dunkelste Kapitel unserer Geschichte anschaut, sieht man, dass das in den 20er-Jahren auch eingeleitet wurde durch eine völlig falsche Spar- und Deflationspolitik. Solch eine Sparpolitik ist falsch. Die Welt hat sich viel zu stark verschuldet, die Notenbanken haben das viel zu lange zugelassen. Jetzt hemmt die Verschuldung das Wachstum.

STANDARD: Aber sparen ist doch notwendig, um die Defizite abzubauen.

Riße: Ich glaube, dass die Sparprogramme die sich die europäischen Ländern auferlegt haben, alle nicht durchgehalten werden. Es wird von viel zu optimistischen Wachstumsprognosen ausgegangen. Wenn das Wachstum nicht da ist, fehlen auch die entsprechenden Steuereinnahmen. Die Bürger in diesen Ländern sind in der Regel auch verschuldet. Wenn die Bürger und der Staat entschulden, kann kein Wachstum herauskommen. Das sind Träume einiger Politiker, die bald platzen werden.

STANDARD: Und dann?

Riße: Dann werden wir Proteste sehen, wie wir sie in Griechenland oder Irland gesehen haben - aber in viel drastischerer Form.

STANDARD: Gespart wird trotzdem.

Riße: Aber nicht mehr, wenn der politische Druck zu hoch wird. In einer perfekten Welt müssten die Regierungen natürlich tun, was wissenschaftlich richtig wäre - eisern sparen und die Wirtschaft entschulden. Das ist in einer Demokratie nicht möglich. Denn die Bevölkerung trägt die vermeintlich richtigen Dinge nicht mit, wenn sie die Auswirkungen zu stark spürt. Es ist ja nicht so, dass die Bürger nicht einsehen, dass gespart werden muss. Die sehen nur nicht ein, dass das bei ihnen passieren soll. Soziale Unruhen würden die Folge sein.

STANDARD: Das wird sich wohl keine Regierung antun wollen.

Riße: Und deswegen werden sie sich die Inflation antun. Die trifft immer die Besitzenden. Das Drama ist, sie trifft auch Besitzende, die 10.000 oder 20.000 Euro gespart haben. Für die ist das eine Katastrophe, aber sie sind immer noch Besitzende. Deflation, Rezession und Massenarbeitslosigkeit trifft die Ärmsten, die dann sprichwörtlich nichts mehr zu verlieren haben. Die schlagen auch Fenster ein. Leute die von 10.000 Euro 5000 verlieren, protestieren oder wählen anders. Sie schlagen aber keine Scheiben ein.

STANDARD: Und wenn die Sparprogramme durchgezogen werden?

Riße: Dann würde die Regierung abgewählt und wohl durch eine ersetzt, die mit dem Slogan antritt: Raus aus dem Euro. Und keine europäische Macht wird das verhindern können - Maastrichtvertrag hin oder her.

STANDARD: Was wäre, wenn Länder aus dem Euro aussteigen?

Riße: Der Euro würde an Stärke gewinnen. Für Export-Länder wie Deutschland würde das erhebliche Einbußen bedeuten. Wenn die Länder ihre eigene Währung wieder einführen, die gleich mal um 40 Prozent abwertet, werden unsere Produkte dort um 40 Prozent teurer. Über den Euro vermeiden wir ja, was sonst passieren würde - dass Länder ihre Währung abwerten. Wir werden die Währungsunion nur durchhalten, wenn wir zu einem Länderfinanzausgleich kommen. Den sieht der Maastricht-Vertrag aber nicht vor.

STANDARD: Wie kann dieses Dilemma gelöst werden?

Riße: Mit dem Euro-Rettungsschirm sind wir schon in den Länderfinanzausgleich eingestiegen. Dies muss die akute Not lindern, den Rest kann nur eine höhere Inflation richten, um die Altschulden abzubauen und die Wettbewerbsfähigkeit schwacher Länder wie Spanien, Griechenland und Portugal wieder herzustellen.Die Inflationsrate muss in den starken Ländern mit Exportüberschüssen sogar höher sein, als in den schwachen. Das ist derzeit schwer vorstellbar, ich sehe aber keinen anderen Weg, soll der Euro in seiner heutigen Form erhalten bleiben.

STANDARD: Nach Irland wird bereits über Portugal spekuliert. Was passiert als Nächstes?

Riße: Nach Portugal wird es Spanien und Italien treffen. Und Frankreich - das sich als Musterschüler hinstellt, was es meiner Meinung nach nicht ist. Frankreich hat genauso wie die anderen ein riesiges Leistungsbilanzdefizit und ist politisch am unflexibelsten. Die Franzosen haben ebenso auf Lohnerhöhung und Binnenkonjunktur gesetzt und daher an Wettbewerbsfähigkeit verloren.

STANDARD: Was passiert, wenn ein Kernland der Union wackelt?

Riße: Irgendwann wird der Kapitalmarkt Angst bekommen, was da passiert und das bringt den Euro dann wirklich unter Druck. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, Printausgabe, 1.12.2010)

STEFAN RIßE (42) war Broker und später Journalist. Seit 2006 ist er Chief Market Strategist von CMC Markets für Österreich und Deutschland.

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    foto: cmc markets
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